Von Bodo Thöns
Vietnam erfreut sich als Reiseland wachsender Popularität. Das Land hat auch eine eigene Lieblingsinsel, die sich in den letzten Jahren mit enormem Tempo vom Geheimtipp zur internationalen Top-Destination in Südostasien wandelt.
Tourismus-Boom
„Vietnams Mallorca“ heißt Phu Quoc (Phú Quốc). Das ca. 575 km2 große Eiland im Golf von Thailand befindet sich zwar näher an der kambodschanischen Küste als am vietnamesischen Festland,

gehört aber mit seinen etwa 180.000 Einwohnern und einigen, weiter südlich gelegenen, kleineren Inseln zur vietnamesischen Provinz Kien Gang.
Mehr als die Hälfte des Inselterritoriums sind seit 2010 UNESCO-Biosphärenreservat, aber ansonsten bestimmt in den letzten Jahren die stark wachsende Tourismusbranche den Puls der Insel.
So erhält der internationale Flughafen aktuell für knapp 1 Billion USD ein neues Terminal, um seine Kapazität von derzeit 4 Mio. Passagieren auf 18 Millionen pro Jahr zu erhöhen.

Die architektonische Anlehnung an einen Phönix kann man somit als Signal für die weiteren Tourismus-Perspektiven der Insel verstehen. Ein politischer Höhepunkt im übernächsten Jahr wirft mit einem Investitionsschub in die Infrastruktur und einem nachfolgenden Aufmerksamkeitsschub seine Schatten voraus. Zum APEC-Gipfel im November 2027, bei dem Vietnam zum dritten Mal Gastgeber ist, werden 21 Staats- oder Regierungschefs aus Südostasien auf der Insel erwartet.
Sandstrände und Biosphärenreservat
Die feinkörnigen Sandstrände in Phu Cuoc sind spektakulär. Mit ganz wenigen Ausnahmen durch am Strand gelegene Hotelkomplexe sind sie (noch?) relativ menschenleer. Der lokale „lange Strand“ (Long Beach bzw. in Vietnamesisch Bai Truong) erstreckt sich an der Westküste südlich der Inselhauptstadt auf über 20 Kilometern Länge. Auch nördlich der Hauptstadt gibt es nochmal 15 Kilometer (Bai Ong Lang) mit schon ein paar mehr Hotels und Touristen. Als der schönste Strand der Insel gilt die Sao Bucht (Bai Sao) im Südwesten, wo der Sand noch etwas feiner und das Wasser noch etwas türkisblauer scheint. Ein für Bade- und Fotoausflüge extrem beliebter Strand befindet sich im Norden. In der am besten per Boot erreichbaren Seesternbucht unweit des Dorfes Rach Vem tummeln sich unzählige Seesterne im flachen Wasser.


Auf einem Fluss kann man einen kleinen Bootsausflug in das den Nordwesten der Insel prägende Naturschutzgebiet unternehmen. Es gibt hier Mangrovenwälder, Palmenwälder und Myrtenheiden. Baumgiganten der Flügelfruchtwälder bieten mit ihrer Blätterdecke viel Schatten. In der Tierwelt sind neben vielen Vögeln größere Affenpopulationen von Gibbons und Languren von Interesse.
Die Zugangsmöglichkeiten für Wanderungen in die Wildnis sind recht limitiert. Es gibt etwa ein Dutzend Tour-Angebote für leichte Wanderungen, wo man zwischen 30 Minuten und maximal 3 Stunden im Dschungel zu Fuß oder auch per Mountainbike unterwegs ist.
Die attraktivsten Ziele sind zwei Wasserfälle. Auf dem mit 603 Metern höchsten Berg der Insel Nui Choa ist ein Aussichtsturm im Bau, zu dem zeitgleich ein neuer Wanderpfad entsteht. Man kann sich also auf Phu Cuoc durchaus etwas die Füße vertreten, aber im Vergleich zu den Stränden bleibt der Regenwald im Hintergrund. Für Wanderer gibt es viele bessere Urlaubsziele. Für Schwimmer und Taucher wohl nur wenige. Dank der Korallenriffe gibt es neben dem Baden und Schwimmen auch für Schnorchel- und Tauchfans viele Angebote.

Die Freizeitparks sind eine Hommage an Italien
Neben vielen lokalen Hotels, Herbergen und Backpacker-Pensionen sind mittlerweile auch viele bekannten internationale Hotelketten wie Intercontinental, Möwenpick, Sheraton, Wyndham oder Radisson auf Phu Cuoc vertreten. Neben Meer und Natur will man Touristen aber auch mit vielfältigen Freizeitangeboten auf die Insel locken.


Vingroup – Vietnams größter privater Mischkonzern aus Hanoi und die Sungroup als landesweit großer Immobilienentwickler aus Danang liefern sich dabei heute auf der Insel mit Freizeitparks der Superlative einen Wettstreit um die Herzen und Portemonnaies der Touristen.
Im Norden lockt eine Filiale der Vinwonders-Parks. Das größte Riesenrad Vietnams sowie das in einem einer Schildkröte nachempfundenen Bau befindliche Aquarium sind sehenswert.

Der in den Dschungel gebaute Zoo ist die Nr. 1 in Vietnam und kann sich ebenfalls sehen lassen. In der großzügigen Tierparkanlage mit über 150 Arten aus der Region und vor allem Afrika beeindruckt eine große Primatenvielfalt und Streichelzoos für Lemuren, Katzenbären und Giraffen. Daneben gibt es noch eine Bus-Safari, wo man u.a. Löwen, Tiger und Nashörner in relativ freier Wildbahn beobachten kann.
Aus europäischer Sicht etwas bizarr wird es im so genannten Grand Garden. Hier gibt es eine phantasiereiche Stadtlandschaft a la Venedig samt großem Kanal und einem „See der Liebe“. Mehrere Brücken und eine Kopie des Markusturms dürfen auch nicht fehlen. Die musikalische Untermalung zum abendlichen farbigen Spiel der Fontänen läßt sich mit „Rondo Veneziano meets Kitaro“ charakterisieren. „Venedig“ ist gut besucht. Die vorrangig aus Asien stammenden Touristen lieben es. Die Restaurants mit lokaler, koreanischer, indischer, russischer, usbekischer und mongolischer Küche sind abends voll. Pizza und Spaghetti sind aber „stilecht“ auch im Angebot. Fürs Gondelfahren muss man Schlange stehen.


Im Süden toppt die konkurrierende Sun Group das Ganze noch. Hier wurde der halbe Ort An Thoi am Berg im italienischen Stil mit engen Gassen, vielen Treppen und Hochhäusern auf dem Gipfelkamm gebaut. Man hat sich dabei wohl an Neapel angelehnt, aber auch ein Verschnitt das Colloseums sticht ins Auge.
Den superlativen Höhepunkt bietet am Südufer aber eine 8 Kilometer lange Gondelseilbahn über dem Golf von Thailand.
Es soll die längste Seilbahn der Welt über dem offenen Meer sein. Man schwebt mit einem fantastischen Ausblick knapp 20 Minuten über zwei kleine Inseln zur Insel Hon Thom, wo gerade ein weiterer, teilweise

schon in Betrieb genommener riesiger Freizeitpark mit Spaßbad und Achterbahn im Entstehen ist.
Die Perleninsel
Der Name ist in zweierlei Hinsicht Programm. Einerseits ist Phu Cuoc unbestritten eine Perle auf der Tourismus-Karte Vietnams. Gleichzeitig spielt Vietnam auch in der Perlenzucht weltweit in der ersten Liga. Neben der Halongbucht unweit von Hanoi spielt die Insel Phu Cuoc in diesem Geschäft eine entscheidende Rolle. Die Korallenriffe rund um die Insel bieten hervorragende Möglichkeiten. So überrascht es nicht, daß es vor allem an der Westküste auf dem Meer unweit der Insel mehrere solcher Perlenfarmen gibt. Man kann sie besichtigen.

Die Muscheln werden zunächst mit einem Fremdkörper geimpft und dann in großflächigen Gittern befestigt und wieder im Meer versenkt. Die Gitter verbleiben dann 2 bis 5 Jahre im Wasser und die Muscheln bilden mit der Zeit mit einer Erfolgsquote von etwa 1/3 die wertvolle Perlmuttschicht um diese Fremdkörper. Die dann gewonnenen Perlen werden auf der Insel zu Schmuck weiterverarbeitet. Auf den Besuch der Zuchtfarm folgt dann als logische Konsequenz, insbesondere beim weiblichen Publikum, der Besuch der Verkaufszentren auf der Insel. Wie man hört, laufen die Geschäfte hervorragend.

Aromatischer Pfeffer und universelle Fischsoße
Die Küche der Insel ist vor allem maritim geprägt und kann, wie überall in Südostasien recht scharf angerichtet sein. Vietnam ist das Land, wo der Pfeffer wächst. Heute Nr. 1 als Produzent und Exporteur weltweit. Neben vielen Plantagen auf den Hochebenen des Festlandes ist Phu Cuoc vor allem seinen besonders aromatischen Pfeffer bekannt. Dank kleiner privater Anbaubetriebe mit viel Sorgfalt und Handarbeit genießt er einen besonderen Ruf. Ob schwarz, weiß, grün oder rot, alle Pfefferarten kommen von derselben Pflanze und variieren nur vom Zeitpunkt der Ernte und der Verarbeitung. Vielerorts kann man die Plantagen besichtigen und sich dann im Hofverkauf eindecken.

Neben Pfeffer gibt ein zweites beliebtes kulinarisches Mitbringsel aus Phu Cuoc. Die lokale Fischsauße genießt einen exzellenten Ruf. Die Basis sind Sardellen, planktonfressende Schwarmfische aus dem Meer. Man kennt sie von der Anchovispaste. Sie werden frisch vom Fang im Verhältnis 3 zu 1 mit Salz gemischt. Die Fassgärung dauert 6 bis 12 Monate. Dann gibt es auch erste und zweite Pressung. Es gibt über 50 Hersteller auf der Insel. Als Marktführer gelten.“Red Boat“ und „Khai Hoan“, deren Fabriken man auch in der Inselhauptstadt Duong Dong besichtigen kann. Die Gradzahl zwischen 20 und 45 beschreibt keinen Alkoholgehalt, sondern den Eiweißgehalt. Im Jahr 2012 wurde die Sauce als erstes Lebensmittel aus Vietnam in der Europäischen Union mit einem gesetzlichen Ursprungszeugnis geschützt.

Die Inselhauptstadt Duong Dong
Auf halber Höhe der Westküste befindet sich als zentraler Verkehrsknotenpunkt nördlich des Flughafens die Hauptstadt Duong Dong. Knapp die Hälfte der Inselbevölkerung, etwa 80.000 Menschen, leben hier. Eine Fahrt oder ein Spaziergang entlang der ca. 5 Kilometer Hauptstraße bietet viele Restaurants und Geschäfte. Mit der Long Beach Mall und insbesondere dem King Kong Supermarket sowie vielen Läden für Souvenirs, Seide und Perlenschmuck findet man beliebte Einkaufsstätten und das sehenswerte Heimatmuseum. In der Stoßzeit vor Sonnenuntergang erlebt man hier das wirre Verkehrschaos der unzähligen Mopeds so hautnah nirgends sonst. Am Hafen stehen die Schiffe Spalier. Der Hafen ist ein wichtiger Umschlagplatz für die Fischerei und Inselversorgung. Am Leuchtturm befindet sich ein buddhistischer Tempel. Am nördlichen Stadtrand entstand vor zwei Jahren ein neues, großer Ho Chi Minh – Denkmal. Unweit davon gibt es eine große katholische Kirche.
Der sogenannte „Nachtmarkt“, der zwar auch tagsüber funktioniert, gewinnt mit dem Sonnenuntergang zwar deutlich an Lebendigkeit, erscheint aber als Ausflugsziel überbewertet.


Geschichte: Der Kokosnuß-Knast ist heute Museum
Die Kolonialzeit und der maßgeblich durch die Einmischung der USA geprägte Krieg zwischen Nord- und Südvietnam im vergangenen Jahrhundert werfen Schatten auf die die Sonneninsel. Ab 1950 wurde Phu Cuok neben der verrufenen Gefängnisinsel Con Dao von der französischen Kolonialmacht zu einem Standort für Straflager ausgewählt. Im Süden der Insel entstand das unter dem Namen Coconut Tree Prison bekannte Straflager.
Heute ist es ein Museum. Die Gedenkstätte wurde Ende 2025 neu gestaltet. In den erhalten gebliebenen, alten Baracken befindet sich heute ein Wachsfigurenkabinett des Horrors. Die Figuren zeigen das Leben im Lager und zeigen die erschreckenden, hier angewandten Foltermethoden. Über 4000 Menschen verloren hier ihr Leben.

Die gesamte Geschichte der Insel kann man im Heimatkundemuseum der Inselmetropole Duong Dong auf sechs Etagen besichtigen. Es sah wohl schon bessere Zeiten, lohnt aber einen Besuch. Das Museum befindet sich in einem historischen Gebäude im Zentrum der Stadt. Von der Terrasse der obersten Etage hat man einen großartigen Ausblick auf die Stadt und das Meer.

Fazit
Die Insel lohnt auf jeden Fall einen Besuch. Sowohl als Ausklang nach einer Vietnam-Rundreise als auch als Insel-Alternative zu Koh Samui in Thailand oder Langkawi in Malaysia für einen reinen Strandurlaub. Die regenarme Hauptsaison mit auch für die Subtropen vergleichsweise niedriger Luftfeuchtigkeit liegt im europäischen Winter von Ende November bis Ende März. In den Monaten April und Mai wird die Luft schon etwas schwüler, aber dafür kommt die neue Ernte des reichen Obstangebotes auf den Markt.

Aus Deutschland erreicht man Phu Cuoc mit Lufthansa und Vietnam Airlines mit einmaligem Umsteigen über Hanoi oder Ho Chi Minh Stadt. Aus Europa gab es in der Wintersaison direkte Charterflüge aus Prag und Warschau. Weitere Alternativen mit Umsteigen sind Bangkok, Hongkong oder aber auch Almaty oder Taschkent.

Fotos: Bodo Thöns, https://en.baobinhphuoc.com.vn (1)
