Breslau, die Hauptstadt der Woiwodschaft Niederschlesien, ist auch im Winter eine Reise wert
Von Ronald Keusch
In Breslau, der Kulturhauptstadt Europas des Jahres 2016, wurden viele Seiten europäischer Geschichte geschrieben. Das manifestiert sich schon im Stadt-Namen Wroclaw seit 1945 und Breslau in früheren Jahrhunderten. Die Stadt wird von manchen Touristikern als das Venedig an der Oder gerühmt und beworben, denn sie erstreckt sich über 12 Inseln, die durch insgesamt 112 Brücken verbunden sind. Notizen von einer Reise nach Breslau zur Jahreswende.
Der Alte Marktplatz – das Schmuckstück von Breslau
Alle Wege in Breslau führen zum mittelalterlichen Marktplatz Rynek, schlicht als „Der Ring“ bezeichnet. Mit seinen Maßen von 205 mal 175 Metern ist er einer der größten in Europa. Die Besucher werden hier zu einer wunderschönen architektonischen Rundreise eingeladen. Sie beginnt bei den farbenfrohen Giebelhäusern rund um den Markt, den vielen imposanten Kirchen in Backsteingotik und führt über prunkvolle Barockbauten bis zu eleganten klassizistischen Gebäuden.
Einen Höhepunkt stellt zweifellos mitten auf dem Marktplatz das Alte Rathaus dar,

das bis heute mit seiner Kunst der Steinmetze Glanz und Reichtum der mittelalterlichen Handelsstadt ausstrahlt.

An seinem Schmuckgiebel an der Südostseite fällt eine astronomische Uhr ins Auge, auf der eine Sonnenkugel mit goldenem Finger die Uhrzeit anzeigt.
In einer der ältesten Bierschenken Europas
Das Alte Rathaus hat noch eine Sehenswürdigkeit zu bieten, die der Besucher sogar ganzjährig verkosten kann – den berühmten Schweidnitzer Keller, Piwnica Świdnicka.
Die Bierstube gibt es seit mehr als 750 (!) Jahren – Handelsleute waren seit jeher durstig – und avanciert damit zu einer der ältesten Bierschenken in Europa. Seit dem Jahr 2022 wird hier auch vor Ort in den Kellerräumen gebraut, übrigens fast nur für den eigenen Bedarf. Der Gast kann unter einem Dutzend edelster Kreationen auswählen.

Wer kennt schon die historische Biersorte Defenestracja, ein in Eichenfässern gereiftes Dunkelweizenbier, oder das Lagerbier Kruk mit einem tiefen Aroma von Kaffee, dunkler Schokolade und Vollkornbrot.
Selbstverständlich wird hier eine der Spezialitäten von Breslau serviert –

frisch zubereitete Piroggen mit verschiedenen Füllungen, klassisch mit Quark oder auch weihnachtlich mit Gänsefleisch.
Als Vorspeise bietet sich die schlesische Suppe Zurek an, eine saure Mehlsuppe mit Weißwurst und Ei.

Viele Restaurants in Breslau machen Werbung mit ihrer regionalen Küche und betonen dabei, dass ihre Cuisine durch die Historie der Stadt inspiriert wurde. Dazu gehört das traditionelle „Restauracja Wroclawska“, seit 2025 mit einer Empfehlung im Michelin-Guide ausgestattet. Im Angebot ist eine Vielzahl von typisch schlesischen Gerichten, wie Bigos Wroclawski, ein Schmorgericht mit Rotkohl, Speck, Schweine- und Rindfleisch in einer Honig-Apfel-Rosinen-Rotweinsauce, serviert auf einem Baguette-Brot.

Und als Dessert sollte man unbedingt eine Waffel mit frischen Früchten in einem der zahlreichen Cafes der Altstadt probieren.
Das Filmmuseum im früheren Luftschutzbunker
Die Altstadt hat unter der Erde für ihre Besucher noch etwas aus jüngerer Geschichte zu bieten – ein Filmmuseum an einem ungewöhnlichen Ort. Es ist unter dem Salzmarkt eingerichtet in einem Bunker aus den Zeiten des Zweiten Weltkrieges. Hollywood lässt grüßen mit jeder Menge Film-Deko und Videoausschnitten.

In einem weiteren Bunkerbereich, wo wenn nicht hier, wird emotional sehr eindrucksvoll an die Schrecken des Zweiten Weltkrieges erinnert. Dazu gehört, dass der niederschlesische Gauleiter Karl Hanke im Jahr 1945 den verbrecherischen Befehl erteilte, Breslau zur Festung gegen die anrückende Rote Armee auszubauen. Zehntausende Soldaten und Zivilisten starben in den letzten Kriegstagen. Die Stadt mit ihren Kulturschätzen wurde zu 70 Prozent in Schutt und Asche gelegt. Auch solche Zahlen und Fakten über die Kriegszerstörungen verdeutlichen die ungeheuer großen Aufbauleistungen in den folgenden Jahrzehnten. Übrigens informiert das Bunkermuseum den Besucher, dass der Kriegsverbrecher Hanke noch vor der Kapitulation von Breslau mit dem Flugzeug aus der Stadt fliehen konnte und sein Schicksal bis heute nicht restlos geklärt ist. Somit ist auch weiterhin unbekannt, ob er sich seiner gerechten Strafe noch entziehen konnte.
Mit dem Audio-Guide in der Uni Breslau
Ein Spaziergang durch die Zeitgeschichte der Stadt muss unbedingt zum Hauptgebäude der Universität Breslau führen.
Sie wurde Anfang des 18. Jahrhunderts als Jesuitenkolleg gegründet und zog in die Räume der früheren königlichen Burg ein. Ganz zeitgemäß kann man über das Portal „Get your Guide“ eine Tour mit einem Audio-Guide zu den architektonischen und künstlerischen Highlights der Breslauer Universität buchen.
Den Besucher erwartet eine unvergleichliche Pracht. Das beginnt bereits an dem blau-goldenen geschmückten Portal des Haupteingangs, auf dem die Insignien des Gründers der Universität Kaiser Leopold I. zu sehen sind – ein L und eine römische Eins – sowie der doppelköpfige Adler des Österreichisch-Habsburger Reiches.

Zuerst führt der Weg zum Oratorium Marianum, ein Raum der ursprünglich den Jesuiten als Kapelle zur Verehrung der heiligen Jungfrau Maria diente.
Beeindruckend die prachtvollen Fresken des Barockmalers Johann Christoph Handke. Es wird heute von der Universität und als Musiksaal genutzt. Im Zweiten Weltkrieg wurde es völlig zerstört und die Fresken wurden erst im Jahr 2013 und 2014 neu geschaffen, anhand von Farbfotografien aus dem Jahr 1944 vor den großen Zerstörungen.

Ihr Maler, der deutsche Künstler Christoph Wetzel, hat auch die Fresken in der Kuppel der Dresdner Frauenkirche ausgeführt.
Barocke Sinfonie der Aula Leopoldina
Über die Kaisertreppe führt der Weg in den ersten Stock in die Aula Leopoldina.

Dieser Gebäudeteil blieb als einziger von den Kriegszerstörungen verschont, so konnte die Aula bereits kurz nach dem Krieg wieder in Betrieb genommen werden. Sie gilt als eine der schönsten repräsentativen Aulen in ganz Europa.

Vom Boden bis zur Decke ist hier eine barocke farbenfrohe Sinfonie zu erleben.
links: Deckenfresko des Barockmalers Johann Christoph Handke in der Aula Leopoldina
In Wandporträts wird an die Gelehrten und Förderer der Uni erinnert. Hier werden bis heute akademische Feiern in alter Tradition durchgeführt, das Studienjahr eröffnet, Diplome und Promotionsurkunden übergeben und Ehrendoktorwürden verliehen. Viele Gelehrte der Breslauer Universität wurden mit Nobelpreisen geehrt, Theodor Mommsen, Eduard Buchner, Paul Ehrlich, Fritz Haber, Erwin Schrödinger, Max Born. Und Johannes Brahms komponierte anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde an ihn im Jahr 1879 seine Akademische Fest-Ouvertüre, die mit den Klängen der Studentenhymne „Gaudeamus Igitur“ als majestätisches Finale schließt.
Einen würdigen Abschluss findet der Besuch des
Universitätsgebäudes mit der Ersteigung des 41 Meter hohen Mathematiker-Turms, einer ehemaligen Sternwarte.
Auf der Turm-Terrasse liegt dem Besucher die Stadt Breslau zu Füßen.

Bronzene Zwerge als Wahrzeichen der Stadt
Wer noch nicht im Reiseführer von Breslau mit der Nase drauf gestoßen wurde, begegnet ihnen beim Bummel durch die Innenstadt oder wird auf sie aufmerksam, wenn sich vor ihnen Touristen verzückt niederbeugen und Fotos mit dem Handy schießen.
Sie sind unangefochten die unübersehbaren Wahrzeichen der Stadt: die Krasnale, kleine bronzene Zwerge. Sie sind an Straßen und Gehwegen, an Haus-Fassaden und sogar Laternenmasten zu entdecken.

Der Ursprung der Zwerge geht auf ein Stück spannende Geschichte aus der Zeit der Volksrepublik Polen vor 45 Jahren zurück.
Als die damalige polnische Regierung von 1981 bis 1983 das Kriegsrecht ausrief, erwuchs ein breiter Widerstand, der sich mit skurrilen Zwergen-Graffitis und Demonstrationen in Zwergenkostümen in der Öffentlichkeit bemerkbar machte. Nach ihren orangenen Zipfelmützen erhielt die Breslauer Protestbewegung den Namen „Orangene Alternative“.
Zwanzig Jahre später haben Künstler mit einigen bronzenen 20 bis 30 cm hohen Winzlingen an diese Zeit erinnert und den Startschuss gegeben zu einer wahren Invasion der kleinen Kumpane.

Papa Zwerg war der erste seiner Art und wurde 2001 aufgestellt. Er ist etwas größer als die anderen und steht am Eingang der Altstadt an der Fußgängerzone Swidnicka auf einem Stein in Form eines überdimensionalen Daumens.
Es gibt inzwischen über 1000 Zwerge. Ständig werden neue aufgestellt, hin und wieder kommt auch mal einer abhanden. Inzwischen scheint es fast eine Modeerscheinung zu sein, dass sich die Verkaufsläden einen Zwerg vor die Tür stellen. So sitzt vor dem Juwelierladen ein Zwerg mit einem Diamantring, vor einem Bankgebäude tippt ein Zwerg auf seinem Computer, vor einem Hotel schläft ein Zwerg in einem kleinen Bettchen. Und vor dem 2015 eröffneten Nationalen Forum für Musik, dem größten Konzerthaus Polens, steht gleich ein ganzes Zwergenorchester.

Die Souvenir-Industrie hat auch die Zwerge entdeckt, von Taschen, T-Shirts über Tassen bis zu Magneten, Flaschenöffnern, Anhängern und kleinen Standfiguren gibt es alles, was man nicht unbedingt im Haushalt braucht. Die echten Zwerge sind nur an den Straßen Breslaus zu suchen und zu finden – viel Spaß dabei.
Kathedrale auf der Dominsel
Ein beliebter Spazierweg führt aus der Altstadt an die Oder zur Dominsel, Ostrow Tumski.

Hier nahm die Stadt Breslau vor mehr als tausend Jahren ihren Anfang und hier erhebt sich auch die gewaltige Kathedrale St. Johannes der Täufer.
Die Kathedrale stammt in ihrer heutigen gotischen Form aus dem 13. und 14. Jahrhundert und erlebte viele An- und Umbauten.
Nach schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wurden im Jahr 1991 die Turmspitzen auf die damit knapp 100 Meter hohen Türme gesetzt. Der prachtvolle silberne Altar aus dem 16. Jahrhundert kehrte nach umfangreichen Rekonstruktionen sogar erst im Jahr 2020 in den Dom zurück.

Die Dominsel, die übrigens heute keine Insel mehr ist, hat noch ein Spektakel aus der Historie zu bieten.

Hier stehen noch alle 102 Gaslaternen, die in der Dämmerung von einem Lampenanzünder in Betrieb gesetzt und im Morgengrauen wieder gelöscht werden. Ein Ausweg, wenn per Blackout in Europa der Strom für Straßenlampen abgeschaltet ist?
Namensstreit um die Most Grunwaldzki
Weiter an der Oder und ihren Brücken entlang erreicht man die Most Grunwaldzki, ehemals Kaiserbrücke. Sie wurde im Jahre 1910 von Kaiser Wilhelm II. eingeweiht, spannt sich 100 Meter über die Oder und ist heute noch Polens längste Hängebrücke.

Im Zuge bevorstehender Restaurierungsarbeiten ist jüngst über die Namensgebung ein Streit unter den Polen ausgebrochen. Auf einem Brückenpfeiler sollte wieder die historische Inschrift des alten Namens „Kaiserbrücke“ rekonstruiert werden. Obwohl der polnische Name der Brücke nicht geändert und auch auf den Stadtplänen weiter so erhalten bleiben sollte, machten Nationalistische Kreise aus Warschau gegen den Restaurierungsvorschlag Front. Der Streit um nationale Identitäten und die Bewertung der Geschichte findet kein Ende.
1000 Jahre Stadtgeschichte
Bei einem Bummel durch die Altstadt entdeckt der Besucher einen mit 19 Bronze-Plaketten gepflasterten Geschichtspfad mit den wichtigsten historischen Ereignissen für die Stadt. Er beginnt im Jahr 1000 mit der Errichtung des ersten Bistums, geht weiter über die Mongolen-Invasion, die Herrschaft Böhmens, der Habsburger und der Preußen bis zur Festung Breslau und der Solidarnosc-Bürgerbewegung der 80er Jahre. Der Weg ist eine passende Einführung zum Besuch des Museums im Stadtschloss mit der Ausstellung „1000 Lat Wroclawia“, 1000 Jahre Wroclaw.

Friedrich II. kaufte ein im Jahr 1719 errichtetes Palais und baute es zur Breslauer Residenz der Hohenzollern aus. Einige besonders geschichtsträchtige Räume des Schlosses wurden originalgetreu eingerichtet. So der gelbe Salon, den der preußische König Friedrich Wilhelm III. im Jahr 1813 während des Befreiungskrieges gegen Napoleon als Arbeitszimmer nutzte. Hier proklamierte er die von seinen Generälen Scharnhorst und Gneisenau verfasste allgemeine Mobilmachung und hier wurde auch das russisch-preußische Bündnis besiegelt.
Im blauen Audienzzimmer traf er sich mit dem russischen Zaren Alexander I. An der Wand hängt der Abdruck einer Rede des Physik-Professors Henrik Steffens zum Beginn der

Befreiungskriege gegen Napoleon.
Davon stark beeindruckt meldeten sich viele Studenten als Freiwillige beim Korps des Majors Ludwig Adolf Wilhelm von Lützow. Das Erkennungszeichen des Lützowschen Freikorps waren schwarze Uniformen mit roten Aufschlägen und goldenen Knöpfen, aus denen sich später die deutschen Nationalfarben schwarz – rot – gold ableiteten.
Auf dem Weg durch die Geschichte der Stadt im 20. Jahrhundert angelangt, wird die katastrophale Zerstörung von Breslau im Jahr 1945 dokumentiert wie auch der Beschluss der alliierten Siegermächte von Jalta über neue Grenzen in Osteuropa. Breslau wurde zu Wroclaw und erlebte als einzige Stadt einen fast vollständigen Bevölkerungsaustausch. Bis ins Jahr 1947 wurde die deutsche Bevölkerung zwangsumgesiedelt, währenddessen Polen insbesondere aus den nun zur Sowjetunion gehörenden ukrainischen Gebieten um Lwiw hier ansässig wurden.
Denkmal des anonymen Passanten
Im letzten Raum der Ausstellung beeindruckt die Figurengruppe „Denkmal des anonymen Passanten“. Dargestellt sind insgesamt 14 lebensgroße Figuren, die auf gegenüberliegenden Seiten einer Straßenkreuzung stehen. Auf der einen Seite versinken sieben Passanten im Boden, darunter eine Frau mit Kinderwagen, auf der anderen Straßenseite tauchen sieben Personen wieder auf.


Der Bildhauer Jerzy Kalina schuf diese Figuren aus Gips bereits im Jahr 1977 für eine TV-Show in Warschau. Sie wurden nach der Show abgebaut und ins Museum nach Wroclaw transportiert. Im Jahr 2005 griff der Künstler dann die ursprüngliche Idee noch einmal auf und gab ihr eine neue Bedeutung. Die nun in Bronze gegossenen Figuren erinnern an die Zeit des Kriegsrechts, als massiv gegen die Opposition vorgegangen wurde und Menschen in den Untergrund gingen oder ganz „verschwanden“. Das Original des Denkmals befindet sich in Breslau an der Straßenkreuzung Swidnicka/ Pilsudskiego.
Die Ausstellung „1000 Jahres Wroclaw“ erzählt faktenreich ein Stück spannende Geschichte der Deutschen und Polen mit vielen den meisten Besuchern unbekannten Details, die viel mehr Nähe als Distanz beider Völker zeigen. In diesem Sinne ist allen deutschen Touristen auch ein Stück Bildungsurlaub in Breslau zu wünschen.
Fotos: Ronald Keusch, Titelbild: www.polen.travel.de
