VOR 122 JAHREN: BEHEIZTE WC-SITZE UND BADEWANNEN MIT GOLDENEN LÖWENFÜSSEN

Der internationale Tourismus hat in Davos eine lange Tradition | Bis 2030 will man „Erster klimaneutraler Ferienort der Schweiz“ sein

Zum Leben gibt es zwei Wege. Der eine ist der gewöhnliche, direkte und brave. Der andere ist schlimm, er führt über den Tod, und das ist der geniale Weg!

Hans Castrop zu Madame Chauchat in: Thomas Mann „Der Zauberberg“, 7. Kapitel
Ein Beitrag von Fred Hafner

Titelbild: Die Schatzalp versinkt im Winter im Schnee. Die Gäste genießen Komfort und Ruhe ohne TV

Wer das über 1000-Seiten starke Literaturwerk „Der Zauberberg“ Thomas Manns gelesen hat, kennt die Schatzalp. Denn exakt hier spielt die gesamte Handlung. Am 21. Dezember 1900 wurde das Sanatorium (heute Jugendstilhotel) Schatzalp oberhalb von Davos in der Schweiz nach dreijähriger Bauzeit eröffnet. Patienten zahlten ein Vermögen für einen Platz, bot es doch damals bereits modernsten Komfort im Jugendstil. Die Schatzalp wurde als Luxussanatorium konzipiert und war die fortschrittlichste Heilstätte der Region.

Der Initiator des Sanatoriums, Willem Jan Holsboer, suchte lange nach einem geeigneten Platz für seinen Traum. Immer wieder führte ihn sein Weg auf die Schatzalp, die damals nur zu Fuß erreichbar war. Die Bauweise des Jugendstilhotels, wie der des gesamten Sanatoriums, war ein bedeutender Schritt der Architektur im frühen 20. Jahrhundert. Sie wird heute als direktes Vorbild der Moderne angesehen.

Das Sanatorium, das auf einem künstlich angelegten Sonnenplateau steht und nach dessen bestgeeignetsten Platz man zwei Jahre lang suchte, wurde nach den neuesten Regeln der Hygiene und des Komforts ausgestattet. Kein Detail wurde vergessen. So standen den Gästen in den Luxuszimmern Badewannen mit Löwenfüßen und beheiztem Wannenrand zur Verfügung. Sogar die blumenbemalten Klosettschüsseln aus England hatten einen Sitzring, der mit heißem Wasser geheizt werden konnte. Die Speiseaufzüge verbanden die Hauptküche mit den drei Etagen und verfügten über Wärmetische, so dass bettlägerigen Patienten alle Speisen frisch und warm ins Zimmer serviert werden konnten. Auch wurden die Zimmer so konzipiert, dass, bedingt durch die Stufen zu den grossen Loggias, bis zu zwei Stunden mehr Sonne in die Zimmer scheinen konnte – und auch heute noch scheint. Übrigens hatte der deutsche Kaiser auf der Schatzalp zehn Jahre lang permanent drei Zimmer reserviert und bezahlt, um seiner Familie und Entourage jederzeit einen sicheren Zufluchtsort gewähren zu können.

Jugendstilzimmer mit zeitgemäßen Komfort und großem Balkon

Ab dem Jahre 1953 wurde das Sanatorium Schatzalp als Berghotel Schatzalp weitergeführt. Die Architektur blieb weitgehend erhalten. Noch heute zeigen sich der Speisesaal und der Konversationsraum wie vor 100 Jahren. Natürlich hat man sich den geänderten Ansprüchen nach Hygiene und Luxus angepasst, aber dabei nie den Charakter des Sanatoriums verändert.

Jedes Detail wird restauriert

Die Zauberberg-Romantik wird auf der Schatzalp immer spür- und sichtbar sein. Sobald die schwere Eisentür geschlossen ist, fühlt man sich in eine Zeit zurückversetzt, in der es noch Zeit gab. Immer wandelt der Hotelgast auf den Spuren des jungen Castorp oder der anmutigen Madame Chauchat.

Kein Fernseher, dafür drei Lobbys für „gepflegte Konversation“

Hoteldirektor Paulo Bernardo leitet das Haus seit zehn Jahren, eine lange Zeit in der kurzlebigen Beherbergungsszene. Allerdings hat er gut zu tun: Jedes noch so kleine Detail soll und wird originalgetreu restauriert. Die Gäste lieben den Jahrhundertcharme. So gibt es kein TV, dafür mehrere Lobbys (früher getrennt für Damen und Herren!) für gepflegte Konversationen der Gäste untereinander.

„Unser Publikum verjüngt sich zusehends, das Durchschnittsalter liegt jetzt bei 35 bis 55 Jahren“, sagt Bernardo (links im Bild).

„Man spürt die Sehnsucht dieser Generation nach Ruhe, Entspannung und grundsätzlichen Gespräche – abseits der überbordenden Tageshektik.“

Das Publikum in der Schatzalp ist international: Deutsche, Holländer, Franzosen, aber ebenso Amerikaner, Asiaten. Viele, nicht alle, kommen wegen Thomas Mann. Ein Doppelzimmer kostet ab 230 Euro inkl. Frühstück. Es gibt 92 Zimmer und drei Restaurants im Hotel. Veranda- und Sonnenliegennutzung sind inklusive.

Ebenso die An- und Abreise mit der Schatzalpbahn. Denn die Standseilbahn gehört zum Hotel. Wer nicht im Hotel nächtigt, kann dennoch von Davos aus für moderate zehn Franken auf die Schatzalp fahren, die Aussicht genießen und auf der Hotelterrasse einkehren.

(Rechts: Logistik wie vor 100 Jahren – die Schatzalpbahn)

Hinunter führt ein Spazierweg und im Winter eine vier Kilometer lange Schlittelbahn. Da ist keine Straße hinauf gibt, läuft auch der gesamte Warenverkehr über die Schatzalpbahn. „Logistik wie vor 100 Jahren“ schmunzelt Bernardo.

Der Hoteldirektor sagt, er bleibe wegen der guten Luft und der Ruhe teils bis zu zwei Wochen „hier oben auf dem Berg“. „Was soll ich in Davos?“, fragt er rhetorisch-schmunzelnd. Viele Gäste tun es ihm gleich. Und wer einmal „hier oben“ ist, wird sie verstehen. Allerdings: Man kann viel verpassen. Denn die sich gemeinsam vermarktende Region Davos/Klosters hat noch viel mehr zu bieten als die zugegebenermaßen außergewöhnliche Schatzalp.

Die Region Klosters/Davos vermarktet sich gemeinsam, aber jeder hat sein Ski- und Wandergebiet

Davos/Klosters erreicht man mit den modernen, stündlich verkehrenden roten Zügen der Rhätischen Bahn (RhB), der „Staatsbahn“ Graubündens.

Die modernen Züge der Rhätischen Bahn verbinden auch Klosters und Davos

Die erste Strecke des heute 384 Kilometer umfassenden Netzes der RhB wurde übrigens von Landquart nach Davos gebaut, um den Kurgästen eine sichere, ganzjährige An- und Abreise zu garantieren.

Die Besucher kamen und kommen auch in Pandemiezeiten zahlreich. Jetzt sind es eben mehr Einheimische, die Davos/Klosters längst als ein Ganzjahresziel auserkoren haben. Die Sommermonate haben inzwischen eine ebenso große Bedeutung im Tourismus Graubündens wie die Wintersaison. Vor 100 Jahren war das noch anders: Damals legte vor allem die weiße Pracht den Hauptgrund für den ursprünglichen Besuch der Region.

Man denke nur an die weltberühmten Schlitten der Marke „Davos“.
Natürlich gibt es auch ein Wintersportmuseum in Davos, wo dessen Vorläufer sowie Skier verschiedenster Jahrzehnte zu bestaunen sind.

(Links: Hier stehen sie alle: Schlitten der Marke „Davos“ im Wintersportmuseum Davos)

Auch wenn sich Davos und Klosters gemeinsam vermarkten – sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Während Davos derG eher mondäne, weltläufige Ort ist, den die Welt vom „Davoser Wirtschaftsgipfel“ kennt, besticht Klosters mit ursprünglichen Holzhäusern und pittoreskem Charme.
„Diese Unterschiede befördern sogar unseren

Tourismus. Die gemeinsame Vermarktung funktioniert seit Jahren wirklich sehr gut“, sagt Petra Ruinatscha-Fausch, Marktverantwortliche für Kommunikation & PR, Destination Davos Klosters, (rechts im Bild)

und begründet: „Denn unsere Gäste lieben Beides: Wer in Davos nächtigt, besucht während seines Aufenthalts auf jeden Fall auch Klosters und umgekehrt.“

Darf niemals fehlen: Die berühmte „Bündner Platte“

Beide Orte liegen hoch – Davos 1560 Meter ü.M., Klosters 1205 Meter ü.M. – und dennoch im Tal und damit im Schutz der umliegenden Berge. Und beide haben ihre eigenen Ski, Schneeschuh, Rodel- und Wandergebiete, wie die „Pischa“ in Davos und das „Madrisa“-Gebiet in Klosters. Deren Erschließung mit Gondel-, Sessellift- und Seilbahnen ist umfangreich. Doch die Verantwortlichen achten mehr denn je auf Umweltschutz. So werden im März/April jeden Jahres große Schneemengen eingelagert, um sie im Oktober wieder auszubringen. Snowfarming heißt das hier. In Davos wird seit 2008 jeweils im Frühling ein Schneehaufen mit Sägespänen zugedeckt. Dieser Schnee wird im Herbst für die Präparierung einer Langlaufloipe verwendet. Durch das Abdecken bleiben ca. 70-80% des Schneevolumens erhalten. Damit kann ein früher Saisonstart unabhängig von den Temperaturen im Herbst garantiert werden.

Das hat zwei Effekte: Erstens braucht es weniger oder keinen Kunstschnee, zweitens müssen die Langläufer fürs Training nicht weit weg reisen. Das sind alles Schritte zu einem großen Ziel: Davos will im Jahr 2030 der erste klimaneutrale Ferienort der Schweiz zu sein. Gäste und Unternehmen zahlen dazu gemeinsam und freiwillig in den „myclimate Klimafonds Davos“ ein. Er wird von der Destinationsorganisation, der Gemeinde und der Stiftung myclimate betrieben. Der Fond finanziert Projekte vor Ort, die CO2-Emissionen reduzieren, gleichzeitig lokale Anbieter und das Gewerbe stärken. Und die Ressourcen vor Ort schonen sowie Gästen qualitativ hochwertige Erlebnisse oder Produkte bieten. „Gerade im alpinen Raum sind die Auswirkungen des Klimawandels heute schon spürbar. Gleichzeitig hat sich das Bewusstsein für Nachhaltigkeit und Verantwortung für das Klima bei unseren Gästen und unseren Leistungsträgern spürbar verstärkt“, sagt Reto Branschi, Direktor/CEO der Destination Davos Klosters.

Infos:
www.davos.ch
www.klosters.ch

www.myswitzerland.com

Anreise:
Bahn über Basel-Chur nach Davos/Klosters
Auto über Basel-Zürich-Landquart oder Lindau-Landquart
Flugzeug Zürich, dann Bahn über Chur

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