CTOUR on Tour: Manchmal ist die Zitadelle müde 1

CTOUR on Tour: Manchmal ist die Zitadelle müde

Unterwegs in zwei Städten der Franche Comtè

Die Franche Comtè gehört mit nur drei Prozent des Staatsgebietes zu den kleinen Regionen Frankreichs. Doch sie besitzt wahre Größe an anmutiger wie auch streitbarer Kultur und präsentiert an den Grenzen vom Elsass und der Schweiz gelegen eine spannende Geschichte.

Die Stadt der Zitadelle Besancon
„Der Hügel, auf dem die Zitadelle steht, ist das Herz von Besancon“ stellt Anne-Laure Charles fest. Die studierte 25jährige Historikerin gehört zu den Fremdenführern und zeichnet auch für die Museen vor Ort mit verantwortlich. Auf meinen skeptischen Blick hin setzt die attraktive Französin in perfektem Deutsch hinzu, dass nach ihrer Fertigstellung am Ende des 17. Jahrhunderts diese Festungsanlage die Bewohner der Stadt nie bedroht, sondern immer beschützt habe. Die Zitadelle war ein Unterpfand für 250 Jahre währenden Frieden. Trotz vieler hoher Mauern, tiefer Gräben und zwei riesigen Wachtürmen, die nach der Königin und dem König von Frankreich benannt wurden, avancierte somit die Zitadelle für die Einwohner von Besancon zu einem Symbol der Freiheit.

Die Zitadelle Foto: R. Keusch
Die Zitadelle
Foto: R. Keusch

So ist es auch nicht verwunderlich, dass der Stadtrat im Jahr 1959 das arg vernachlässigte elf Hektar große Gelände für den Spottpreis von 500.000 France kaufte. „Die Summe ist aus heutiger Sicht vergleichbar mit einem Preis von einem Euro“ meint lakonisch Anne-Laure Charles. Das Herz der Stadt durfte für seine Bewohner keine Ruine sein. Seitdem kommt das Bauen und Sanieren nicht mehr zum Stillstand. Da ein großer Teil der Steine der Zitadelle von früheren Bauten aus dem Hügel stammten, ist dieses Gestein teilweise Millionen Jahre alt. „Deshalb ist die Zitadelle manchmal müde und wir müssen ihr mit liebevollem Restaurieren helfen“, so die Burgfrau Charles. In den letzten sieben Jahren hat dafür der französische Staat immerhin 12 Millionen Euro locker gemacht. Deshalb präsentiert sich die Anlage für seine Besucher in sehr ansehnlichem Zustand.

Zitadelle in der Abendstimmung Foto: R. Keusch
Zitadelle in der Abendstimmung
Foto: R. Keusch

Schweigen wäre Verrat
Einen besonderen Platz in der Zitadelle nimmt das seit 1982 im Kadetten-Gebäude eingerichtete Museum des Widerstands und der Deportation ein. Es ist nur einen Steinwurf entfernt von dem Ort von Exekutionen auf der Zitadelle. Hier starben 100 zum Tode verurteilte Widerstandskämpfer in den Jahren 1941 bis 1944. Das Museum wurde auf Initiative einer ehemaligen Deportierten und Überlebenden des Lagers Bergen-Belsen gegründet. Ihr Motto lautet: „Schweigen wäre Verrat.“ Über eine Stiftung wurden nunmehr insgesamt 150.000 Exponate zusammen getragen. Mittlerweile erfährt der Besucher in zwanzig Sälen auf zwei Etagen historische Wahrheiten über Nazismus, Deportation und Widerstand der Resistance. Die engagierte und souveräne Ausstellung macht auch um das Vichy-Regime und die Kollaboration keinen Bogen und veröffentlicht Briefe aus der Feder von Denunzianten an die deutschen Besatzer. „Es ist eines der größten Museen zu diesem Thema in Frankreich und hat in der Zitadelle einen würdigen Platz“, sagt Anne-Laure Charles, die dazu auch wissenschaftliche Arbeiten verfasst hat.
Am Ende der engagierten und mutigen Ausstellung liest der Besucher auf einem Plakat den Text der Deklaration der Menschenrechte der UN aus dem Jahr 1948 und kann auch einen kurzen Text dazu mit nach Hause nehmen und anderen zu lesen geben.

Mittelalter trifft Renaissance
Von der Zitadelle führt ein bequemer Fußweg einhundert Meter hinunter in die Altstadt. Vorbei an der Kathedrale Saint-Jean aus dem 12. Jahrhundert und dem für Mark Aurel errichteten Triumphbogen der Römer Porte Noire gelangt man auf die Grande Rue. Sie führt mitten durch die Altstadt. An vielen der Häuser teilweise aus dem 16. Jahrhundert treffen sich Mittelalter und Renaissance. Nicht selten befinden sich gemauerte Fensterkreuze in einer Fassade mit Schmuckelementen der Renaissance. Es sind die deutschen Farben rot, gelb und schwarz, die die Flagge der Stadt Besancon schmücken. Und in seinem Stadtwappen finden sich zwei Säulen – eine Hinterlassenschaft jener Zeit, als das weitgehend unabhängig gebliebene Besancon dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation angehörte.

Das Geburtshaus von Victor Hugo Foto: R. Keusch
Das Geburtshaus von Victor Hugo
Foto: R. Keusch

Rebellisch, kreativ und verführerisch
Belege dafür. wie rebellisch, kreativ und verführerisch Menschen aus der Region Franche Comtè sein können, liefern zwei Gebäude an der Grande Rue. Das ist zum einen das Museum der Zeit, das 2004 im prachtvollsten Gebäude der Renaissance eingerichtet wurde, dem Palais Granvelle. Es ist eine Mixtur aus einem Geschichts-, Uhren und Wissenschaftsmuseum und illustriert, dass Ende des 18. Jahrhunderts mehr als 80 Prozent der Uhren in Frankreich hier hergestellt wurden. Da wurden Feste der Schöpferlust, Genialität und Phantasie gefeiert, in winzigen wie riesigen Uhrgehäusen.

Nur wenige hundert Meter auf der Grande Rue entfernt, befindet sich das Geburtshaus von Victor Hugo. Er ist ein weltbekannter Schriftsteller, Dramatiker und Dichter, aber vor allem ein politisch engagierter Mensch. Zu seinem 200. Geburtstag im Jahr 2002 richteten die Bürger von Besancon dem berühmten Sohn ihrer Stadt eine zeitgenössische Inszenierung mit viel Multi Media ein, in der engagierte Menschen mit unterschiedlichen Themen vorgestellt werden. UNICEF, Amnesty International und Reporter ohne Grenzen erhalten eine Tribüne. Natürlich kommt auch Victor Hugo ausreichend zu Wort mit Texten, die ein Schauspieler spricht. Seine Themen im19. Jahrhundert, der Kampf um die Menschenwürde und gegen das Elend, für Reformen in Strafanstalten und gegen die Todesstrafe muten mitunter beängstigend aktuell an. Arbeitet die Hauptfigur aus dem berühmten Werk „Die Elenden“, Jean Valjean, heute im Akkord in Schlachtbetrieben in Niedersachsen für Billiglöhne?

Die Stadt der Württemberger Montbèliard
Es gab in Europa auch Zeiten völlig unkriegerischer und gewaltloser deutscher Landnahme per Heirat. Vier Jahrhunderte lang war die Stadt Montbèliard ein deutsches Fürstentum. Am Anfang stand im Jahr 1397 die Verlobung und damit das Eheversprechen der zehnjährigen Tochter des Grafen von Montbèliard, Henriette von Orbe mit dem damals neunjährigen Eberhard von Württemberg. Die Stadt wird sozusagen Zweitwohnsitz des deutschen Herzogs und geht nebenbei ins germanische Reich über. Aus der damaligen Zeit stammt auch der deutsche Name der Stadt Mömpelgard.

Ein Gasserl wie daheim in Stuttgart
Das 16. Jahrhundert gilt für die Stadt Montbèliard als ein goldenes Zeitalter. Wunderschöne Belege dafür liefert der wichtigste Baumeister der Stadt, der Architekt Heinrich Schickhardt aus Württemberg. Der Leonardo da Vinci aus dem Schwabenland, wie er gern von Fremdenführern besonders für süddeutsche Touristengruppen betitelt wird, lebte eine Zeit lang in der Stadt. Im Auftrag des Prinzen Friedrich hat er die Reformationskirche Sankt Martin gebaut und auch neue Stadtviertel angelegt
La Neuveville wie das Schloss- und das Markthallenviertel. Die Stadt musste in den zwei Weltkriegen keine Kriegszerstörungen erleiden und kann deshalb den Besuchern authentische mittelalterliche Häusle und Gasserl aus dem Württembergischen präsentieren. Dazu zählen unterschiedliche Wendeltreppen, Wand- und Fenstergesims aus Stein und spezielle Fenster und Dachluken. Entdecker-Spürsinn ist bei den Besuchern schon gefragt, da die Stadt mit Hinweis- und Informationstafeln äußerst sparsam umgeht.

Das Schloss der Württemberger Foto: R. Keusch
Das Schloss der Württemberger
Foto: R. Keusch

Wo die Herzöge von Württemberg wohnten
„Wer ins Mömpelgarder Land sehen will, der muss zu uns hoch auf das Schloss kommen“, sagt die Schlossherrin Aurèli Volz und hat recht damit. Das Schloss thront auf einem Felsen und überschaut die Stadt mit dem Kreuzungspunkt der Länder Frankreich, Deutschland und der Schweiz. Seit Jahrzehnten sind im historischen Gemäuer Museen eingerichtet. Die Direktorin Aurèli Volz ist Kunstgeschichtlerin und hat sich und das Schloss mit Ausstellungen auch der modernen Kunst verschrieben. Bis zum Januar 2015 stellt der bekannte Konzept- und Installationskünstler Sarkis aus Paris einhundert Foto-Porträts aus. Dabei lässt er bedeutende Persönlichkeiten des Pantheon, die die Geschichte Frankreichs prägten, auf anonyme Menschen aus Montbéliard treffen, die ihrerseits die Geschichte vor Ort bestimmt haben. Eine beeindruckende Idee.

Das Städtchen Montbéliard Foto: R. Keusch
Das Städtchen Montbéliard
Foto: R. Keusch

Natürlich gibt bei einem historischen Rundgang durch Gänge, Säle und die Küche des ehemaligen Sitzes der Herzöge von Württemberg auch Erinnerungsstücke aus der Familiengeschichte zu finden. Bei viel spannender Historie, vor allem zur Verbindung zwischen Frankreich und Deutschland, ist es für den deutschen Gast schon etwas enttäuschend, dazu in der Stadt wie auch im Schlossmuseum kaum Informationstafeln mit interessante Fakten zu finden.

Deutsche Fahnen auf französischen Brücken

Das Städtchen Montbéliard mit seinen 26.000. Einwohnern ist keineswegs allein auf seine glanzvolle historische Vergangenheit fixiert, sondern will sich dem Zeitgeist, dem forschenden und unternehmerischen Geist stellen. So haben sich die Bürger der Stadt auf einem ehemaligen zehn Hektar großen Fabrikgelände, das malerisch auf einer Halbinsel liegt, den Wissenschaftspark Pres-la-Rose geschaffen. Nahe dem Park führen zwei breite Brücken über den Fluss Doubs. Sie sind mit großen Fahnen geschmückt. Wenn der Wind aufkommt, sieht man ganz deutlich die an den Geländern befestigten Fahnenstangen mit dem Fahnentuch in den Farben Schwarz-Rot-Gold – in der französischen ehemals württembergischen Stadt Montbéliard / Mömpelgard.

www.franche-comte.org
www.besancon-tourisme.com

www.besancon.fr/hugo

Fotos: CTOUR/Ronald Keusch, Sandrine Baverel (2)