CTOUR on Tour: „Hallo, Herr Brahms!“ 1

CTOUR on Tour: „Hallo, Herr Brahms!“

Per Flusskreuzfahrtschiff in 27 Stunden über die Ostsee

Die vorbei bummelnden Passanten wundern sich: „Warum isch denn des alles so kaputt da vorne?“ Als wir ihnen versuchen klar zu machen, was wir vorhaben, kommen die Schwaben aus dem Staunen nicht mehr raus. „Nit möglich!“ meinen sie und halten unsere Erklärung für blankes Seemannsgarn. Ein paar Tage zuvor haben sich zwei Lotsen aus Mecklenburg-Vorpommern auf den langen Weg an die Weichsel gemacht: Thomas Langhinrichs aus Wustrow auf der Halbinsel Darss und Ältermann Dr. Christian Subklew aus Greifswald. Diesmal sind beide als Kapitäne angeheuert worden für die Überführung des Hamburger Flusskreuzfahrtschiffes MS JOHANNES BRAHMS, dessen Porträt das Foyer schmückt.


Sichere Verbarrikadierung
Der 1000-Tonner liegt am Mottlau-Kai in der altehrwürdigen Hansestadt Danzig – fast unter dem Krantor. Nachbauten von Hansekoggen rauschen täglich mehrfach an dem bordeaurot-weißen Kreuzer vorbei hinaus in die Danziger Bucht. Selbst die darf Stamm-Kapitän Siegfried Remmler mit seinem 82-Meter-Binnenschiff nicht befahren: Weil er kein Seepatent und das Schiff keine Seetauglichkeit hat. „Bis zu Windstärke vier und vierzig Zentimeter hohen Wellen“, wirft Subklew ein, „dürfen wir mit dem Patent als Kapitäne auf Großer Fahrt den Dampfer allerdings überführen“. Wobei für das jeweilige Revier in den Häfen und davor auch noch Seelotsen vorgeschrieben sind. Und die Verbarrikadierung der vorderen Salonfenster durch Holzplatten sowie der untersten Seitenfenster über der Wasserlinie durch Stahlplatten. Im Innern ist alles von der Tasse bis zum Tisch seefest gezurrt und zusammen gerückt worden.

MS Johannes Brahms vor der Ausfahrt in Danzig Foto: Dr. Peer Schmidt-Walther
MS Johannes Brahms vor der Ausfahrt in Danzig
Foto: Dr. Peer Schmidt-Walther

Glück gehabt
„Sehr aufwändig“, bemerkt Langhinrichs, „aber nicht nur vorgeschrieben, sondern auch absolut notwendig! Wenn hier mal eine höhere See einsteigt, kann´s verdammt ungemütlich werden!“
Das sieht auch Remmler so, aber seine Bilanz ist positiv: „Unsere 15 Reisen zwischen Mai und August waren wir immer sehr gut gebucht“. JOHANNES BRAHMS befuhr wöchentlich die 360-Kilometer-Strecke von Danzig, über die Mottlau, Tote und Königsberger Weichsel, das Frische Haff nach Elbing, Tolkemit und schließlich Königsberg. Am 23. Mai 2011 hatte das Schiff übrigens eine Weltpremiere. Als bis heute erstes westliches Flusskreuzfahrtschiff lief es in den Hafen von Kaliningrad, dem früheren Königsberg, ein. Das zu organisieren war anscheinend schwierig, „denn die russischen Behörden sind nicht gerade einfach zu händeln“, sagt Remmler, „und an Land durften wir schon gar nicht“.
Den Schwaben schwirrt der Kopf: „So was hennt mir zum Glück net aufm Bodesee, aber reize kennet uns des schon mal“, gehen sie vondannen, nicht ohne „gute Fahrt!“ gewünscht zu haben.

Zur Sicherheit werden die Bordfenster mit Holzplatten für die Überfahrt seefest gemacht Foto: Dr. Peer Schmidt-Walther
Zur Sicherheit werden die Bordfenster mit Holzplatten für die Überfahrt seefest gemacht
Foto: Dr. Peer Schmidt-Walther

Lotsen-Bildung
Bis dahin ist es allerdings noch lange nicht so weit, denn das Wetter spielt einfach nicht mit. Wichtigstes Requsit ist für die beiden Lotsen daher der tägliche Wetterbericht, wenn möglich mehrfach. Fernsehen, Internet und die Danziger Lotsenstation müssen daher angezapft werden. Starker Wind und Seegang halten die JOHANNES BRAHMS tagelang gefangen. „Da kann man nur abwarten und Tee trinken“, meint Thomas Langhinrichs und plant einen Landausflug, „um die Zeit vernünftig zu nutzen“, wie er sagt. Mit der Bahn geht es über Dirschau, Weichselbrücken und vorbei an der Marienburg ins ostpreußische Elblag, früher Elbing an der Nogat. Per Taxi steuern die Mecklenburg-Vorpommern den legendären Oberländer- oder Elblaski-Kanal an. Der ehemals preußische Schiffslift über die 115 Meter hohen Moränenhügel wird nach über 150 Jahren Dienst gerade generalüberholt. Die weltbefahrenen Seeleute staunen über das technische Wunderwerk, das nur auf der Basis von Wasserkraft funktioniert.
Der nächste Halbtgsausflug führt die Seeleute auf die Halbinsel Hela und – natürlich – hinauf auf den 42 Meter hohen Leuchtturm mit weitem Blick über See, Wälder und endlosen Strand, auf den die Brandung donnert. „Wann kommt man schon mal hierher“, freuen sich die Männer, „das muss man nutzen“.
Die JOHANNES-BRAHMS-Crew indes bleibt an Bord, um Schiffspflegearbeiten durchzuführen, „denn die Saison ist noch längst nicht zu Ende“, erklärt Kapitän Remmler. Von Berlin-Spandau gehe es noch mehrfach nach Stralsund, Rügen und Hiddensee, anschließend auf den Rhein nach Basel.

Kein Pappenstiel
Abends trifft man sich nach opulentem Essen im abgedunkelten Restaurant zum Feierabend-Bier in der schräg gegenüber liegenden Kneipe, um – natürlich nicht nur – über das Wetter zu reden. „Keine Besserung in Sicht“, verkündet Subklew, „aber das nächste Loch müssen wir unbedingt nutzen!“ Siegfried Remmler steht quasi schon auf dem Schlauch, denn am kommenden Samstag sollen in Spandau neue Gäste übernommen werden. „Vorher müssen wir noch die Sturmverkleidung abnehmen und innen alles wieder herrichten“. Die Hotel-Crew wartet in Stettin schon auf ihr Schiff, das noch 180 Meilen Seefahrt oder 27 Stunden bis Swinemünde vor sich hat. Kein Pappenstiel, wenn plötzlich unterwegs das Wetter unvorhergesehen umschlägt. „Was schon mal passiert ist“, kratzt sich Remmler nachdenklich den Kopf, „da gab´s reichlich Bruch“.

Ein Feuerwerk über der Altstadt beschließt den Tag. Der ist denkwürdig: Vor 73 Jahren begann ein paar Kilometer weiter weichselabwärts auf der Westerplatte der Zweite Weltkrieg.

Kein Risiko
„Hallo, Herr Brahms!“, werde ich plötzlich von hinten angesprochen. Es sind die stadtbummelnden Schwaben in der Mariatska, der Marienstraße. „Immer noch hier?“, fragen sie. Dass wir morgen früh den Sprung über die Ostsee wagen wollen, freut sie sichtlich, „dann kommet se ja endlich wieder nach Hause!“
Die Würfel sind gefallen: Am vierten Wartetag soll es um fünf Uhr früh endlich losgehen, „dann sind die Bedingungen optimal“, informiert Ältermann Christian Subklew nach Beratung mit Siegfried Remmler und der Lotsenstation, „jedes Risiko muss unbedingt vermieden werden!“
Pünktlich springt die Hauptmaschine an und JOHANNES BRAHMS dreht – noch ohne eine zweite deutsche Flagge am Heck, denn die erste ist über Nacht weg (geklaut) – hinaus auf die Mottlau in den Danziger Hafen, der hell erleuchtet ist. Große Frachter gleiten als haushohe Stahlwände vorüber, später als Scherenschnitt die Rundfestung Weichselmünde. Kurz danach mahnt an Steuerbord das angestrahlte Beton-Denkmal auf der Westerplatte. Die rot-grünen Leuchttürme der Hafenausfahrt zucken im Kielwasser.

Neue Sichtweise
Um sechs Uhr geht im Osten der Danziger Bucht die Sonne auf, der Himmel glüht in allen Rottönen. Die Halbinsel Hela wird in vier Seemeilen Abstand gerundet. Der Wind bläst mit knapp vier Windstärken von Norden und bringt JOHANNES BRAHMS ins Rollen. Kapitän Remmler findet „diese verdammte Schaukelei“ überhaupt nicht gut, „wir sind nun mal kein Seeschiff!“
Die Wracks – in der Seekarte als Schiffsgrab“ gekennzeichnet – der vor ein paar Wochen untergegangenen GEORG BÜCHNER und der WILHELM GUSTLOFF bleiben fernab an Steuerbord. In Sichtweite der westpreußisch-hinterpommerschen Küste dampft JOHANNES BRAHMS mit rund sieben Knoten Speed nach Südwesten. Steilküsten wechseln ab mit kilometerlangen Stränden und den gewaltigen schneeweißen Dünen bei Leba. Auch dies eine neue Sichtweise für die Seeleute, die es gewohnt sind, den Dampferwegen weiter draußen zu folgen.

Im Restaurant des MS Johannes Brahms werden die Stühle und Tische gesichert Foto: Dr. Peer Schmidt-Walther
Im Restaurant des MS Johannes Brahms werden die Stühle und Tische gesichert
Foto: Dr. Peer Schmidt-Walther

Als die Sonne sich vor Kolberg blutrot verabschiedet und den Himmel wie zu einem Fanal bemalt, glänzt die See ölig und liegt bewegungslos wie ein Ententeich. Bis scheinbares Gewittergrollen die Stille durchdringt. Und schon wird JOHANNES BRAHMS über Funk aufgefordert wird, das Schießgebiet zu umfahren oder zu warten, bis die Übung zu Ende ist. Subklew entscheidet sich für Ersteres.
Die Nacht bleibt zum Glück ruhig. Bei Sonnenaufgang, wieder mit gewaltiger Himmelsmalerei in allen Pastelltönen, kommen die Lichter von Swinemünde voraus in Sicht. Das Lotsenboot prescht heran, wir bedanken uns für die Gastfreundschaft, verabschieden uns von der Crew und wünschen „eine gute Weiterreise nach Stettin und Berlin – und bis zum nächsten Mal in Stralsund!“

Infos
MS JOHANNES BRAHMS
Bauwerft: Scheepswerft Peters BV, Kampen, Niederlande
Baujahr/Indienststellung: 1998
Eigner: deutsche Finanzierungsgesellschaft
Bereederung: schweizerisches Unternehmen
Charter: Thurgau Travel seit 2007
Heimathafen: Hamburg
Flagge: deutsch; BRZ: 1015 t
Länge: 82 m; Breite: 9,5 m; Höhe: 4,20 m; Tiefgang (je nach Beladung): 1,20 – 1,50 m (Regulierung über 6 Ballasttanks mit insges. 200.000 l)
Hauptmaschine: Scania-V 8-Zylinder mit 14 l Hubraum u. 520 PS, 2 Back- und Steuerbord-Maschinen Scania-R-6 Zylinder, 11 l Hubraum, je 260 PS; Bugstrahlruder: Schottel-Pumpjet 220 PS
Stromerzeugung: 2 Generatoren 1 Scania V-8-Zylinder 390 kW u. 1 Scania-R-6-Zylinder 330 kW
Geschwindigkeit (max.): 15 km/h
Dieselverbrauch: 16 t/Tag
40 Passagierkabinen für 80 Passagiere; Crew (international): 22 (Nautik 5, Hotel 17); drei Decks; Bordsprache: Deutsch.