CTOUR on Tour: Luftfahrt in Nordkorea - Risiko oder Abenteuer 11

CTOUR on Tour: Luftfahrt in Nordkorea – Risiko oder Abenteuer

Warum Luftfahrtenthusiasten aus aller Welt eine neue Pilgerstätte für sich entdeckt haben

Flughafen Peking Capital: Pünktlich dockt unser Flug JS 152 von der Fluggastbrücke ab und begibt sich auf den Weg zur Start- und Landebahn. Ein ganz normaler Flug beginnt, könnte man meinen. Ganz normal? Sicher nicht. Wir befinden uns an Bord einer Maschine der nordkoreanischen Air Koryo, unbekannte Airline aus einem noch unbekannteren Land hinter dem Eisernen Vorhang. Schlagzeilen wie: schlechteste Airline laut Skytrax mit nur einem von fünf möglichen Sternen, auf der Schwarzen Liste der EU und nur mit zwei Flugzeugen überhaupt hier zugelassen, hohes Durchschnittsalter der Flotte u.a.m. sind die einzig bekannten „Fakten“, die Vielen dazu, wenn überhaupt, bekannt sind.


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Tu-204 der Air Koryo in Pjöngjang

Die unabhängige englische Unternehmensberatung Skytrax führt seit vielen Jahren Befragungen zur subjektiven Wahrnehmung der Qualität von Fluggesellschaften durch, fasst diese regelmäßig zusammen und vergibt differenzierte Bewertungen. Maximal sind fünf Sterne erreichbar. Die geringe absolute Passagierzahl sowie die äußerst geringe Zahl ausländischer Passagiere (die dann auch eine Bewertung bei Skytrax abgeben) macht hier natürlich eine realistische Abbildung sehr schwierig. Aktuell sind nur 38 Wertungen gelistet, seit 2010 überwiegend positiv. Da Air Koryo seit 2013 ausschließlich mit Tu-204 und An-148 international verkehrt, dürfte sich das verbesserte Produkt zukünftig auch im Ranking niederschlagen. Wie mir ein Repräsentant des Air Koryo Managements und zuständig für Marketing und Qualität in Pjöngjang versicherte, wolle man weg von diesem alten und schlechten Image und mit Hilfe der neuen Flotte, einem modifizierten Erscheinungsbild (so erhielten z.B. die Stewardessen neue, moderne und attraktive Uniformen, die Flugzeugbemalung wurde leicht modernisiert) und dem Bordprodukt bei den Passagieren punkten.

Auf die sogenannte „Schwarze Liste“ der EU wurde Air Koryo übrigens ursprünglich gesetzt, da die Umrüstung der damaligen alten Flotte auf aktuelle und international vorgeschriebene Sicherheitsstandards nicht erfolgte (oder technisch bzw. wirtschaftlich nicht erfolgen konnte) bzw. die Einhaltung dieser Standards nicht lückenlos kontrollierbar ist. Davon ausgenommen sind jedoch seit 2010 die beiden modernen Tupolev Tu-204 sowie die 2013 in die Flotte integrierte Antonov An-148.
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Auf dem Flug zum Mt. Myonhang mit zwei VIP-Helikoptern gelang diese Aufnahme

Nur eine sehr kleine Zahl an ausländischen Reisenden verirrt sich jährlich nach Nordkorea – Geschäftsleute, Touristen (vor allem Chinesen, privilegierte Nordkoreaner). Doch unser Flugzeug, eine russische Tupolev Tu-204 (Baujahr 2009), ist sehr gut gebucht. Auffällig unter all den Reisenden eine Gruppe von 40 gut gelaunten, aufgeregten und sehr interessierten Passagieren, die sich schnell als Luftfahrtenthusiasten outen. Und wirklich, seit 2012 pilgern Luftfahrtbegeisterte aus aller Welt und allen Kontinenten nach Nordkorea. Nur hier kann man noch in geballter Form mit nahezu allen alten russischen Flugzeugtypen der 60er, 70er und 80er Jahre fliegen. Für die Älteren eine Zeitreise, für die jüngeren Teilnehmer die seltene Möglichkeit, historische Luftfahrt im 21. Jahrhundert noch live zu erleben.

Wir haben inzwischen die Reiseflughöhe erreicht, aus dem Inflight-Entertainmentsystem (ausklappbare Bildschirme über den Sitzreihen wie auch heute noch nicht bei allen modernen Airlines unbedingt selbstverständlich) rieseln Propaganda, Landschafts- und Naturaufnahmen und Musik. Der Service beginnt und somit für die Reiseneulinge auf einem Air Koryo Flug (für den Autor ist es bereits die dritte Tour) eine erste Überraschung: die durchaus freundliche und sehr professionelle Crew spricht nicht nur ein ausgezeichnetes English, auch der Service auf dem gut 90 minütigen Flug kann sich sehen lassen. Neben der üblichen Getränkeauswahl (lokale Getränke und Säfte, auch Bier) gibt es durchaus eine Mahlzeit, vorn in der Business Class sogar mehrere Gänge und mit einem warmen Essen! Zuvor wurden noch Zeitungen und Zeitschriften angeboten, natürlich nur nordkoreanischen Ursprungs, jedoch auch in englischer Sprache.
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Fans bezeichnen die Cockpits alter russischer Flugzeuge gern liebevoll als „Uhrenläden“

Aber das ist es nicht, was die Enthusiasten nach Nordkorea treibt. Mit ihren beiden Tu-204 sowie mit der seit 2013 betriebenen Antonov An-148 (Bj. 2012) darf die Airline auch international verkehren und tut dies auch im Linienverkehr auf den Strecken nach Peking, Shenyang sowie temporär bzw. im Charter zu weiteren Zielen in Asien bzw. im asiatischen Teil Russlands.
Ziel ist für uns jedoch die Uraltflotte der Air Koryo, die aus genannten Gründen nur noch im eigenen Land eingesetzt wird. (Die hier noch aktiven drei An-24, zwei IL-62, eine IL-18, zwei Tu-154 sowie zwei Tu-134 haben ein Durchschnittsalter von 36 Jahren, das älteste ist stolze 48 Jahre alt!) Für diese Flugzeuge, deren Cockpit gern als Uhrenladen bezeichnet wird, fehlen ihnen doch jegliche moderne Instrumente und Bildschirme, ist neben einem hohen Personalaufwand im Cockpit (statt allgemein üblich zwei sitzen hier je nach Muster 4-5 Personen) natürlich auch ein unverhältnismäßig hoher und intensiver Wartungsaufwand notwendig. Doch, so konnten wir uns überzeugen, an Personal zumindest fehlte es nicht. Täglich wurde an den Maschinen geschraubt.
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Transportmaschine Il-76

Wir landen in Pjöngjang (internationaler Code: FNJ) und staunen erneut. Das alte Terminal abgerissen, das neue kurz vor der Fertigstellung (vor einem Jahr fanden hier noch die Abrissarbeiten statt – ein Gruß an den BER), der mehrere Kilometer lange Taxiway von der aktiven Start- und Landebahn zum Terminal in Sanierung mit täglich sichtbarem Baufortschritt. Nach recht zügiger Passkontrolle (freundlicher übrigens als an manch anderer Destination erlebt) kommt auch das Gepäck recht schnell. Dies ist sicher auch der Tatsache geschuldet, dass wir die einzige internationale Landung zu dieser Tageszeit sind.

In den kommenden Tagen fliegt die Gruppe mit allen verfügbaren Flugzeugtypen der Air Koryo Flotte kreuz und quer durchs Land. Dabei fällt vor allem den Technikern und Flugzeugmechanikern in der Gruppe auf: die Maschinen sind zwar alt, sehr alt, aber bestens gewartet. Auch nach den Flügen kein Leck, kein Ölaustritt, alles funktioniert. Wie uns ein Vertreter der staatlichen Airline – die übrigens im kommenden Jahr ihren 60. Jahrestag feiert und damit zu den Dinosauriern der Luftfahrtbranche zählt – versicherte, würden Flugbetrieb und Wartung streng nach den internationalen Vorschriften der Internationalen Zivilen Luftfahrtorganisation (ICAO) durchgeführt. Wir möchten dies gern glauben und erleben einen stets pünktlichen und reibungslosen Flugbetrieb, angemessene und gründliche Sicherheitskontrollen, sauber verarbeitete Flugzeugkabinen, mehrsprachige Ansagen der Sicherheitsvorschriften, Sicherheitsinstruktionen in jedem Sitz und…..ja, selbst Schwimmwesten unter den Sitzen, obwohl wir ja im Inland kein Wasser unter uns befürchten müssen. Faszinierend die alten Bedieneinrichtungen z. B. für Licht und Belüftung, die massiven und nicht auf Leichtbau ausgerichteten Bordausstattungen in der Küche (Kühlschränke in Dimensionen, die manche Neubauwohnung sprengen würden); alles wird detailliert unter die Lupe genommen und erstaunt-begeisternd abgelichtet. Speziell der Sound der alten Triebwerke hat es den Enthusiasten angetan und natürlich der spezielle „Geruch“, der erfahrene Russlandreisende an ihre früheren Reisen dorthin erinnerte. Flog Air Koryo mit ihren alten russischen Maschinen in den vergangenen Jahren nahezu ausschließlich ausländische Touristengruppen auf Sonderflügen zu Zielen im Land, so gibt es seit 2014 auch wieder regelmäßigen Inlandlinienflugverkehr zu vorerst drei Destinationen.
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Air Koryo-Flugbegleiter

Check in zum Rückflug und Rückkehr von einer Zeitreise. Ein letztes Lächeln der Dame am check- in, bevor mein Koffer von der automatischen Waage übers Band im Baggage-Schlund verschwindet und ich meine Bordkarte mit reserviertem Sitzplatz erhalte, ein freundliches „visit us again“ des Passbeamten und schon ist die Woche, im wahrsten Sinne des Wortes, „im Fluge“ vergangen. Was bleibt sind Eindrücke, die vieles relativieren, manches bestätigen, aber oft auch unerwartet waren.
Wir kommen wieder!

Fotos: CTOUR/Lutz Schönfeld