CTOUR vor Ort: Leipzig vor dem 1000-Jahre-Jubiläum: Buch, Buch, nochmals Buch 1

CTOUR vor Ort: Leipzig vor dem 1000-Jahre-Jubiläum: Buch, Buch, nochmals Buch

Das ehemalige Leipziger Uni-Hochhaus auf dem Augustus-Platz ragt als aufgeschlagenes Buch in den grauen, feuchtkalten Ende-Januar-Himmel. An seinem Fuß im Gewölbe der Moritzbastei wird das Buch zum Thema einer Podiumsdiskussion während des 191. Tourismusfrühstücks der Leipziger Tourismus- und Marketinggesellschaft für Journalisten, Tourismus- und Buch-Macher. Die Fragestellung: Auf welche Weise bewegt die Buchkultur Leipzig?

Das Buch spielte vor allem in den zurückliegenden 500 Jahren der 1.000jährigen Stadtgeschichte – der erstmaligen urkundlichen Erwähnung von Leipzig im Jahr 1015 – eine wichtige Rolle. Nur einige Fakten: 1507 wurde in Leipzig das erste Lehrbuch der Welt gedruckt. 1719 wurde der heute älteste Musikverlag der Welt gegründet. 1749 erschien der erste maßstabsgerechte Stadtplan. 1913 gründeten Buchhändler und Verleger in Leipzig die Deutsche Bücherei (heute Deutsche Nationalbibliothek) als Gesamtarchiv des deutschen Schrifttums.

Kann sich sehen lassen - die Leipziger Stadtbibliothek. mit einem Bestand von 430 000 Medien aus Papier bis digital Foto: H. Schmidt
Kann sich sehen lassen – die Leipziger Stadtbibliothek. mit einem Bestand von 430 000 Medien aus Papier bis digital
Foto: H. Schmidt

Sozusagen ein Prolog der buchtouristischen Veranstaltung war eine Mini-Präsentation über den Bestseller-Autor Dr. Martin Luther – die erste Nationale Ausstellung zum 500. Jahrestag der Reformation (s. Beitrag von Harald schmidt: Luther und die Fürsten in Torgau, vom Siegelring und Kurfürstenschwert‘). Übrigens, die früheste Fassung der Luther-Bibel, das sogenannte Septembertestament aus dem Jahr 1522 mit der ersten deutschen Fassung durch Martin Luther, befindet sich neben vielen anderen Schätzen der Buchkunst in der Leipziger Bibliotheca Albertina. 1543 gegründet gehört diese weltweit zu den größten Altbestandsbibliotheken der Welt.

Zu Beginn des 20 Jahrhunderts und noch zu DDR-Zeiten hatte ein Drittel der Leipziger direkt oder indirekt mit der Buchherstellung zu tun; der Bau von polygraphischen Maschinen inklusive. Mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten hat sich einiges verändert. Es gibt in punkto Verlage und Buchherstellung viele Rück- und Umzüge.
„Im Laufe der 500 Jahre Buchgeschichte hat Leipzig viele Wechsel erlebt, die nicht unbe-dingt von Nachteil waren“, meint Kulturbürgermeister Michael Faber, selbst (ehemaliger) Verleger. Trotzdem sind gegenwärtig etwa 100 Verlage, darunter allerdings viele Kleinst-verlage in Leipzig ansässig. Das sind sogar mehr als zu DDR-Zeiten. „Kleine Verlage haben einen Vorteil für die Stadt und für das Entstehen von Büchern: Sie sind neugierig auf das Neue und stärker unterwegs“, ergänzt Faber. Mit dem Kinderbuchverlag und mit Edition Peters sind zwei international renommierte Verlage in Leipzig zu Hause.

In Sachen Buch – in welcher Form auch immer – ist Leipzig noch und wieder breit aufgestellt. Es gibt in Leipzig Institutionen, die das Buch und seine Tradition mit der Stadt bewahren. Sechs renommierte Buch-Institutionen – das Haus des Buches, das Deutsche Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek, die Leipziger Städtischen Bibliotheken, die Universitätsbibliothek (Bibliotheca Albertina), die Hochschule für Grafik und Buchkunst sowie das Museum für Druckkunst, bündeln ihre Buchkultur in einem Projekt ‚buchbewegt-leipzig‘. Diese Literatur-Häuser, jedes kann sich international sehen lassen – sind bereits baulich für das Auge attraktiv und innen moderne Kultur-Tempel.
Stadtführerin und Autorin Sylvia Kolbe schwärmt von der Albertina: „Hier kann jeder kostenlos den ganzen Tag lesen. Er nimmt sich einfach ein Buch aus dem Regal und liest.“

Auch wenn das elektronische Buch vom gedruckten Buch Marktanteile übernommen hat.
Die gebundenen Seiten werden ihre Interessenten auf vielleicht sogar unendliche Zeit haben. Die Leiterin des Druckkunst-Museums, Dr. Susanne Richter, stellt echte Begeisterung bei jungen Leuten der Internet-Generation fest, wenn sie alte Bücher anfassen oder einen Text – zum Beispiel eine Liebeserklärung – selbst setzen und drucken. Auch wer bevorzugt E-Book lese greift gern zum Buch. „Das Gefühl Papierseiten zu bewegen ist für nicht wenige Junge wie Alte geradezu romantisch.“

Was interessiert die Gäste der Stadt? Stadtführerin Kolbe, hat selbst einige Literaturführungen kreiert, sagt aber, dass ausschließliche Literatur-Führungen nur sehr wenige Gäste begeistern. Das sei eigentlich auch zu verstehen. „Wer in eine neue Stadt kommt, der will erst mal die Stadt kennenlernen. Literatur gehört allerdings in jede Stadtführung – ob allgemein oder speziell. Ich erzähle jedes Mal, wenn ich mit dem Bus vorbei fahre, über das einzige Druckkunst-Museum der Welt untergebracht in einer Druckerei.“ Ein Stichwort für die Direktorin des Museums: „Bei uns wird tatsächlich noch gearbeitet. Jeder kann selbst setzen und drucken. Zum 1.000jährigen Stadtjubiläum gibt’s die Sonderausstellung ‚Leipzig beein-druckt‘.“

„Viermal jährlich bieten wir durch thematische Ausstellungen Einblicke in unsere Schatzkammer. Gegenwärtig bereiten wir eine Ausstellung mit dem Leipziger Zoo über ‚Affen in Büchern‘ vor. Wir brauchen für unsere Ausstellungen kaum etwas ausleihen, denn wir haben selbst genügend große Schätze. Diese sind durchaus ein Magnet für Touristen“, wirbt Prof. Dr. Ulrich J. Schneider, Direktor der Uni-Bibliothek. Er ist auch der Initiator von ‚buchbewegt-leipzig‘

Die im März jeden Jahres stattfindende Leipziger Buchmesse ist einzigartig und konnte durch Kommunikation zwischen Buch-Hersteller, Autor und Leser nicht nur überleben, sondern aufblühen. Julia Lücke, Pressesprecherin der Leipziger Buchmesse, spricht von 2.000 Ausstellern. 3.000 Mitwirkende werden bei ‚Leipzig liest‘ über und mit dem Buch erwartet. ‚Leipzig liest‘ findet an mehr als 400 Leseorten statt. „Das sind Orte, die zum Thema des Buches passen – wie z. B. das Panometer mit Panoramabild, viele Gaststätten oder ein Friedhof. Dieses Jahr haben wir auch Orte, die noch nie dabei waren.“
Verleger Dr. Mark Lehmstedt lobt die Präsentationmöglichkeiten der unabhängigen Verlage auf der Buchmesse. „Leipzig ist ein idealer Standort für diese Verlage. Manche verschwinden zwar rasch wieder, andere bleiben aber.“
Die Buchmesse als Leser-Lese-Messe wird sicher weiterhin Bestand haben wie das aufgeschlagene Buch aus Beton und Granit – das graue Hochhaus als steinernes Buch-Wahrzeichen.

Info
www.leipzig.travel
www.buchbewegt-leipzig.de