People’s (Viennaline) – dem Namen verpflichtet

Aktuell macht das Airlinesterben vor allem auch in Europa wieder auf ein Problem der Branche aufmerksam: den Spagat zwischen der Geiz ist Geil Gesellschaft mit immer geringeren Ticketpreisen und dem wirtschaftlichen und trotzdem sicheren Flugbetrieb. Wie kann das funktionieren, wenn alle immer nur billig fliegen wollen, trotzdem aber sicher, zuverlässig und pünktlich, gern auch in hoher Qualität? Hinzu kommen die Anforderungen am Boden. Gering bezahltes Personal kann nicht die gleichen hohen Standards an den Abfertigungsprozess erfüllen wie angemessen entlohntes, gut qualifiziertes und motiviertes Fachpersonal. Und was ist an den Sicherheitskontrollen? Am Ende setzen sich in diesem Prozess oft nur die großen Airlines durch, gern auch im starken Allianzverbund. Dass es auch anders erfolgreich funktionieren kann, beweist eine kleine Airline vom Bodensee.

People’s betreibt eine Flotte von zwei modernen Embraer 170 Jets.

Geschäftsmodell
Wie und warum funktioniert das Geschäftsmodell und welches Modell hat die Airline überhaupt? Sieht man sich das wirtschaftliche Konstrukt genauer an versteht man, was hinter der Idee steckt. Unter dem Dach der People’s Air Group sind u.a. auch die Altenrhein Luftfahrt GmbH (Hauptsitz Wien und Betreiber der Airline) sowie die Airport Altenrhein AG (Betreiber des Flughafen St. Gallen/Altenrhein, der Hombase von People’s ). Die hier bestehende Interessensgleichheit ist eine gute Voraussetzung für einen wirtschaftlichen und effektiven Flugbetrieb. Und diesen hat die 2011 gegründete Airline in der Nische gefunden. Und hier kommen wir zum Namenszusatz, den die Airline bis Anfang 2018 noch trug: „Viennaline“. Mit zwei modernen Embraer 170 Regionaljets betreibt die Airline bis zu vier Mal täglich die Strecke zwischen ihrer Heimatbasis, dem Flughafen St. Gallen/Altenrhein (IATA Code: ACH) sowie dem Flughafen Wien und stellt damit eine wichtige und stabile Verbindung sowohl für Geschäftsleute als auch Privatreisende zum Wirtschaftsstandort Wien sowie zu möglichen Weiterflugverbindungen über das Luftfahrtdrehkreuz des Flughafens Wien (Heimatbasis der Austrian Airlines, Partner im Star Alliance Verbund mit u.a. der Lufthansa) dar.

Der Flughafen Altenrhein (ACH) am Bodensee ist die Heimatbasis von People’s Airline

Gleichzeitig erschließt sie die Bodenseeregion und das östlich davon gelegene Gebiet der Ostschweiz, des Vorarlberg und Liechtenstein (nächste Flughäfen von ACH: Zürich 100km, Regionalflughafen Friedrichshafen 60km). Die hierfür aufgerufenen Flugpreise (zum Zeitpunkt der Reportage getestet beginnen diese bei 279€ oneway) sind durchaus ambitioniert, werden jedoch von den Kunden akzeptiert. So erzielte die Airline, die sich neben der Linienverbindung auch im Charter (plus 65% 2017 ggü. 2016) zu klassischen Urlaubsdestinationen aktiv zeigt und weitere Kapazitätsangebote gern auch durch Sondercharter erfüllt, im Jahr 2017 einen Passagierzuwachs von insgesamt ca. 19% (ggü. 2016) auf rund 119.000 Passagiere. Ein kurzzeitig bestehender Wettbewerb auf der Strecke mit dem österreichischen Nationalcarrier Austrian Airlines (AUA) wurde erfolgreich be- und überstanden, AUA zog sich von der Strecke wieder zurück und überlies People’s die „Alleinherrschaft“.

Die Jets der Airline verfügen über moderne Avionik.

Produkterfahrung
Ich hatte Gelegenheit, auf einem Umlauf der Airline zwischen Wien und Altenrhein das Produkt näher kennenzulernen. Da die An- und Abreise zwischen Berlin und Wien mit der AUA erfolgte, soll hier ein Vergleich genutzt werden. Die Qualität vom Buchungsprozess (Webseite der Airlines), dem Web check-in, die Abfertigungsprozesse an den großen Airports sowie Platz und Servicekonzepte an Bord unterscheiden sich nur marginal. Die Freundlichkeit des Personals am Boden und an Bord hängt – wie so oft (und das ist menschlich) – von der Tagesform der Mitarbeiter ab. Ich konnte hier auf allen Flügen sehr gute Erfahrungen sammeln. An Bord der People’s ging es, zum Teil sicher aufgrund der Flugzeuggröße und der Bekanntheit regelmäßig fliegender Passagiere, etwas familiärer zu. Getränkeangebote und ein kleiner Snack waren ebenso auf allen Flügen kostenfrei im Angebot, bei People’s konnte man zwischen diversen Snackvarianten (auch unterschieden nach Tageszeit) wählen. Der Sitzabstand differiert um 4cm zu Gunsten von People’s.

Sitzabstand und Servicekonzept heben sich deutlich von Low Cost Airlines ab.

Vom Vorteil, am Boden durch eigenes Personal abgefertigt zu werden, konnte ich mich in Altenrhein überzeugen. Dies deckt sich mit meinen umfangreichen Erfahrungen in Norwegen beim norwegischen Regionalcarrier Wideroe. Eingespieltes und motiviertes Personal, welches keinen Wettbewerbszwängen unterliegt und welches die Airlinephilosophie verinnerlicht hat, arbeitet auf einem anderen Servicelevel. Dies spürt der Passagier sofort. Jeder weiß, was ich meine, vor allem die leidgeprüften Berliner.

Snacks und Getränke gibt es gratis und zur Auswahl.

Fazit: Eine Nische, die für die großen Airlines uninteressant ist und die Wettbewerb ausschließt, ein wirtschaftliches Einzugsgebiet mit (zu) weit entfernten weiteren Flughäfen, eine bewusste Beschränkung bei Strecken und Wachstumszielen, ein „eigener“ Heimatflughafen, ein stabiler Flugplan mit guten und verlässlichen Frequenzen und ein selbstbewusster, marktgerechter Flugpreis, mehr scheint es nicht zu benötigen, um auch in Europa erfolgreich Luftfahrt zu betreiben. People’s beweist dies eindrücklich.
PS: Ich wurde bei meiner Recherche durch die Airline unterstützt. Dies beeinflusst den Inhalt des Berichtes nicht.

Fotos: Lutz Schönfeld

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