SCHÖNSTES DORF ITALIENS

Warum die Provinz Piacenza als „Tor zum Schlaraffenland“ gilt

Ein Bericht von Fred Hafner

Bobbio, in der Provinz Piacenza, ist zum schönsten Dorf Italiens gewählt worden. Die kleine Stadt in der norditalienischen Region Emilia-Romagna gewann den von Rai Tre organisierten Wettbewerb „Borgo dei borghi“. Rai 3 ist das dritte italienische Fernsehprogramm. Es gehört zum öffentlich-rechtlichen Radiotelevisione Italiana.

Die Jurymitglieder im Studio und das Publikum kürten Bobbio zum Sieger. Das Dorf liegt im Zentrum von Valtrebbia, am Fuße des 272 Meter hohen Monte Penice, und hat etwas mehr als 3.500 Einwohner.

Bobbio setzte sich als schönstes Dorf Italiens gegen Palazzolo Acreide auf Sizilien (zweiter Platz) und Rotondella in der Basilicata (dritter Platz) durch. Der Wettbewerb fand zwar bereits 2019 statt, aber der Schönheit und der Tradition Bobbios tut das keinen Abbruch. Im Gegenteil: Auch das Votum von Rai 3 führte nicht zu touristischen Überfüllungen. Eher gilt Bobbio weiter als ein Geheimtipp.

Schönstes Dorf Italiens: Wegweiser am Marktplatz von Bobbio

Die wichtigste Sehenswürdigkeit in Bobbio ist eine alte Brücke. Die Einwohner sagen: die alte Brücke. Der sogenannte Ponte Gobbo wird wegen seines unverwechselbaren, welligen und verdrehten Profils auch als Buckelbrücke oder Teufelsbrücke bezeichnet. „Die alte Brücke“ ist 280 Meter lang und – das ist die echte Besonderheit – besteht aus elf ungleichen Bögen. Die historische Bogenbrücke überspannt den Fluss Trebbia.

Die Brücke wurde im 7. Jahrhundert von Mönchen des nahen Klosters San Colombano auf den Fundamenten einer römischen Vorgängerbrücke errichtet. Häufige verheerende Überschwemmungen verursachten im Verlauf der Jahrhunderte oft schwere Schäden. Sie zwangen zu ständigen Erneuerungen. Ursprünglich mit einem großen Hauptbogen und drei weiteren kleinen Bögen errichtet, musste die Brücke im 17. Jahrhundert aufgrund der starken Erosion am Flussbett auf insgesamt elf Bögen erweitert werden. Mittlerweile ist jede Symmetrie dahin, und das macht den besonderen Charme der Brücke aus.

Malerisch im Tal gelegen: Die Teufelsbrücke von Bobbio

„Tor zum Schlaraffenland“

Eingeschlossen zwischen dem Po und dem Apennin Gebirge erstreckt sich die malerische Provinz Piacenza am westlichen Ende der Emilia-Romagna. Sie bildet mit ihren Gebirgsausläufern, Weinbergen und mittelalterlichen Dörfern das „Tor zum Schlaraffenland“. Die Provinz hat ca. 290.000 Einwohner, ihre Hauptstadt heißt ebenfalls Piacenza und liegt an der nördlichen Grenze des Gebiets. Die Provinz Piacenza liegt in der Region Emilia Romagna in einer schon in der Geschichte strategisch wichtigen Lage in der Po-Ebene: in der sogenannten Pianura Padana. In der Vergangenheit wurden sowohl die Provinz als auch die gleichnamige Hauptstadt Piacenza oftmals hart umkämpft. Obwohl dabei zahlreiche mittelalterliche Gebäude zerstört wurden, besitzt die Stadt noch immer etliche imposante Gebäude aus dem 12. bis 17. Jahrhundert.

Einst war Piacenza ein wichtiger Knotenpunkt für Pilger, Händler, Kreuzritter und Templer auf ihrer Reise Richtung Süden. Zahlreiche Sagen und Legenden haben in Piacenza ihren Ursprung, und bis heute ist der Geist der Vergangenheit in der Stadt lebendig geblieben, sodass eine Entdeckungsreise durch den Ort von Spannung und interessanten Geschichten getragen wird.

Doch wir verlassen die Stadt und fahren 50 bis 70 Kilometer südlich in die gleichnamige Region Piacenza. Märchenhafte Burgen mittelalterlichen Ursprungs dominieren die hier herrschaftlichen Täler. Die gesamte Region ist geprägt von Tälern und Bergreliefs, mächtigen Festungen, Kirchtürmen und endlosen Panoramen. Sie bietet die ideale Kulisse für Wanderungen, Klettertouren und Sport aller Art. Vor allem aber finden echte Feinschmecker in der Region Piacenza ihr Glück.

„Langer Lulatsch“: Überall in der Region Piacenza gibt es ausschließlich regional produzierten Salamis. Die in Alta Val Tidone sind bis zu 1,80 Meter lang

Denn in der gesamten Emilia-Romagna gibt es keine Provinz, die so viele kulinarische Köstlichkeiten und fantastische Weine zu bieten hat, wie Piacenza. Wurstsorten wie die regional typischen Salami, Pancetta und Coppa sind mit einem Gütesiegel ausgezeichnet, das garantiert, dass nur Schweinefleisch aus der Region verarbeitet wurde.

Für die Wurst- und Schinkenwaren werden nur heimische Tiere verarbeitet 

Eine besondere Gaumenfreude sind die „Tortellini mit Schwänzchen“, gefüllt mit Frischkäse und Kräutern. Außerdem sind beachtliche, international ausgezeichnete Weine in Piacenza heimisch. Die Weingeschichte ist hier über tausend Jahre alt.

Stolz auf ihre vielfältigen Produkte: Winzerfamilie Gaiaschi keltert in dritter Generation im Val Tidone, dem westlichsten der Piacenza-Täler. 120.000 Flaschen werden jährlich produziert

Doch es locken noch viele weitere Gaumenfreuden, auch süßer Natur, sodass vor allem Feinschmecker einen Besuch in Piacenza als unvergesslich in Erinnerung behalten werden.

Käsebäuerin Elisa liebt ihre Farm und ihren Käse. Mit 21 Jahren besitzt sie bereits 160 Kühe und 21 Pferde

Außer Bobbio gibt es viele weitere malerische Orte: Brugnello, Zerba, Ottone, Ferriere, Farini, Alta Val Tidone, um nur einige zu nennen. Die gesamte Region gleicht einem einzigen Freilichtmuseum. Die Orte liegen nah beieinander und dennoch: Wegen schmaler, bergiger Straßen und häufigen Serpentinen benötigt man viel (Fahr-)Zeit. So kann ein ausgiebiger Besuch der geografisch kleinen Region Piacenza durchaus ein, zwei Wochen in Anspruch nehmen.

Dafür bewegt man sich in einer Gegend, die vielen noch unbekannt und entsprechend ursprünglich ist. In fast jedem Dorf findet sich ein Markt, die regionalen Produkte sind wirklich gesund und köstlich. Man sieht es den Menschen an, viele sind trotz hohen Alters rüstig und aktiv. Es gibt diverse Feste und Veranstaltungen, darunter das Fest des „Heiligen Antoninus“ in Piacenza, das Fest des „Heiligen Josef“ in Castell’Arquato, das „Fest des Heiligen Florentin“ in Fiorenzuola d’Arda, das Blumenfest „Infiorata del Corpus Domini” in Chiaravalle della Colomba und das Maifest „Carlin di Maggio“ in Cortebrugnatella.

Und es gibt eine große Herzlichkeit der Bewohner den wenigen Touristen gegenüber. Das ist heute kaum mehr selbstverständlich. Natürlich leidet auch die Region Piacenza unter Überalterung, weil viele Jüngere, meist nach einem Studium, weggezogen sind. Sie verdienen jetzt in den großen umliegenden Städten wie Mailand, Genua, Bologna, Florenz oder Rom ihr Geld. Doch es gibt immer mehr Lichtblicke: Inzwischen ist der Trend zur Abwanderung zwar noch nicht umgekehrt, aber zumindest gestoppt. Mehr und mehr junge Menschen entscheiden sich, in der Region Piacenza zu bleiben und nicht wegzuziehen. Andere wiederum kommen aus den großen Städten, um hier sesshaft zu werden. Sie gründen ganz bewusst in dieser so ursprünglichen Region Italiens ihre Familien, betreiben Ökohöfe, Imkereien, Weinanbau, Gasthäuser und kleine Hotels.

Luca hat sich mit seiner biologischen Bienenfarm in Farini selbständig gemacht. Für seinen Honig erhielt er weltweite Auszeichnungen
Wieder ein Familienbetrieb: Lucas Mutter bereitet die Bienenwaben für die Zentrifuge vor
Paolos Lavendelfarm: aus 700 Pflanzen werden ein Liter Lavendelextrakt, der dann für Öle, Parfüme und mehr verwendet wird 

Also: Wer sich schon immer gewünscht hat, einmal im „Schlaraffenland“ aufzuwachen – die Region Piacenza macht es möglich. Die Preise sind mäßig (DZ ab 60 Euro), die Küche wirklich sensationell, die Zutaten gesund, die Bewohner herzlich. Massentourismus ist hier ein Fremdwort. Ein paar Brocken Italienisch wären nicht schlecht. Mit den jungen Einwohnern klappt die Verständigung aber auch auf Englisch. 

ANREISE
Auto: über Schweiz/Österreich bis Mailand, weiter nach Piacenza, dann Straße 45 nach Bobbio.

Flugzeug: von vielen deutschen Flughäfen direkt nach Bergamo oder Mailand, dann Mietwagen

Bahn: München-Mailand oder Basel-Mailand, weiter nach Piacenza, dann Mietwagen

Fotos: Fred Hafner

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