130 JAHRE HEILKUNST ZWISCHEN QUELLEN UND WÄLDERN

Von Katrin Fiedler

Ein Jubiläum, das die Geschichte einer ganzen Kurstadt erzählt: 130 Jahre Nové Lázně – das traditionsreiche Ensana-Hotel in Marienbad feiert 2026 einen außergewöhnlichen Geburtstag. Aus diesem Anlass kamen Gäste aus verschiedensten Destinationen zu einem festlichen Empfang zusammen. Gefeiert wurde jedoch nicht nur die Geschichte eines Hotels. Das Jubiläum erinnert an die Blütezeit einer europäischen Kurkultur, die Marienbad bis heute prägt.

Titelbild. Seit 1896 empfängt das Nové Lázně in Marienbad Kurgäste aus aller Welt. Seine prachtvolle Fassade lässt bereits erahnen, welche Schätze sich im Inneren verbergen.

Zwischen prachtvollen Kolonnaden, heilenden Mineralquellen, ausgedehnten Wäldern und eleganten Parkanlagen verbindet die westböhmische Kurstadt seit mehr als zwei Jahrhunderten Medizin, Architektur und Natur auf einzigartige Weise. Gemeinsam mit Karlsbad und Franzensbad gehört Marienbad seit 2021 zum UNESCO-Welterbe „Great Spa Towns of Europe“. Nun könnte man sagen: Kennste einen, kennste alle. Doch diese traditionsreichen tschechischen Kurstädte sind einzeln betrachtet sehr unterschiedliche Schönheiten – und das nicht ohne Grund.

Dieses Haus atmet Geschichte

Schon beim Betreten des Ensana Hotels Nové Lázně wird deutlich, warum dieses Haus zu den bekanntesten Kurhotels Europas zählt. Hohe Decken, kunstvoller Stuck, Marmor und historische Details erzählen von einer Zeit, als Könige, Künstler und Industrielle nach Marienbad reisten, um hier Erholung zu finden.

Es wurde 1896 eröffnet und entwickelte sich rasch zum gesellschaftlichen Mittelpunkt des Kurortes. Bis heute gilt es als eines der bedeutendsten historischen Kurhäuser Tschechiens. Während des Jubiläumsempfangs wurde deutlich, dass sich hier Tradition und Gegenwart begegnen: Moderne Medizin nutzt dieselben natürlichen Heilmittel, die schon vor mehr als einem Jahrhundert Gäste aus ganz Europa anzogen: Moor, Gas und Quellwasser.

rechts: Wo einst der Adel seine Privilegien genoss, finden heute Kurgäste aus aller Welt heilende Anwendungen

links: Der Marmorsaal  im italienischen Stil der Neorenaissance ist das Herzstück des historischen Casinos und unter anderem Veranstaltungsort des internationalen Chopin-Festivals Mariánské Lázně

Ein Bad wie ein Palast

Das Herzstück des Hauses liegt hinter schweren Türen verborgen.

Wer das Römische Bad (rechts) betritt, fühlt sich eher an einen italienischen Palazzo als an ein modernes Spa erinnert. Hohe Marmorsäulen tragen reich verzierte Gewölbe, warmes Licht spiegelt sich auf der Oberfläche der kleinen Wasserbecken, historische Fliesen und Ornamente verleihen dem Raum eine beinahe feierliche Atmosphäre.

Das Bad entstand ebenfalls 1896 und gehört bis heute zu den bedeutendsten historischen Badeanlagen Europas. Es wurde nicht als Schaustück gebaut, sondern als Ort der Heilung.

Noch heute können Gäste in diesem außergewöhnlichen Ambiente baden – ergänzt durch moderne Wellness- und Therapieangebote. Vergangenheit und Gegenwart gehen hier eine selten gewordene Verbindung ein.

links: Die historische Kaiserkabine im Ensana Health Spa Hotel Nové Lázně wurde für Kaiser Franz Joseph I. eingerichtet und zählt zu den kostbarsten original erhaltenen Behandlungsräumen des Kurhotels

Marmor, Stuck und heilendes Wasser: Das original erhaltene Römische Bad zählt zu den schönsten historischen Badeanlagen Europas und ist das Wahrzeichen des Nové Lázně.

Wie aus Wald und Moor eine Weltkurstadt entstand

Noch vor gut zweihundert Jahren gab es an dieser Stelle keine Kurstadt. Das Gebiet bestand aus Mooren, Wäldern und einzelnen Mineralquellen. Erst der Abt des nahegelegenen Prämonstratenserstifts Tepl, Karl Kaspar Reitenberger, erkannte Anfang des 19. Jahrhunderts das Potenzial der Heilquellen. Unter seiner Förderung entstand eine planmäßig angelegte Kurstadt mit Kolonnaden, Parkanlagen und klassizistischen Gebäuden.

Gerade diese bewusste Planung verleiht Marienbad bis heute sein harmonisches Erscheinungsbild. Die Stadt wuchs nicht zufällig, sondern entwickelte sich rund um ihre wichtigsten Schätze – die Quellen.

Drei Kurorte – drei Persönlichkeiten

Marienbad bildet gemeinsam mit Karlsbad (Karlovy Vary) und Franzensbad (Františkovy Lázně) das berühmte Westböhmische Bäderdreieck. Die drei Kurorte liegen nur wenige Dutzend Kilometer voneinander entfernt und ergänzen sich auf besondere Weise.

Karlsbad beeindruckt mit seinen heißen Thermalquellen und den prachtvollen Grandhotels. Franzensbad ist für seine Moorheilbäder und seine klassizistische Architektur bekannt. Marienbad wiederum besitzt die größte Vielfalt an Mineralquellen und ist zugleich die grünste der drei Städte. Hier dominieren Wälder, Parkanlagen und Spazierwege ebenso das Stadtbild wie die berühmten Kolonnaden.

Gemeinsam erzählen die drei Kurorte von einer Zeit, in der Europa zur Kur reiste. Monarchen, Künstler, Wissenschaftler und Unternehmer trafen sich hier nicht nur zur Behandlung, sondern auch zum gesellschaftlichen Austausch. Diese außergewöhnliche Bedeutung würdigte die UNESCO im Jahr 2021, als sie die drei Städte gemeinsam mit acht weiteren Kurorten in sieben Ländern in die Welterbeliste aufnahm. Ausgezeichnet wurde nicht nur die Architektur, sondern das Zusammenspiel von Heilquellen, Medizin, Landschaftsgestaltung und gesellschaftlicher Kurkultur.

Weiße Säulen, eine markante Rotunde und die Singende Fontäne prägen das Herz des Kurparks von Marienbad

Das Herz Marienbads schlägt unter der Erde

Die eigentliche Grundlage des Kurortes bleibt jedoch unsichtbar. Tief im Gestein entstehen jene Mineralwässer, die Marienbad weltberühmt gemacht haben.

Im Stadtgebiet entspringen rund 40 Mineralquellen, im weiteren Umland sogar etwa 100 natürliche Quellen. Ihre Zusammensetzung unterscheidet sich zum Teil erheblich. Einige enthalten besonders viel Kohlendioxid, andere Kalzium, Magnesium oder Eisen.

Deshalb werden sie bis heute für unterschiedliche Trink- und Badekuren eingesetzt – mit unterschiedlicher Wirkung. Der Geschmack, nun ja, an den muss man sich – je nach Quelle – erst einmal gewöhnen.

links: Mit dem charakteristischen Marienbader Trinkbecher wird das Wasser des Kreuzbrunnens schluckweise genossen – ein fester Bestandteil der klassischen Trinkkur.

Ein Spaziergang von Quelle zu Quelle

Am schönsten lässt sich Marienbad zu Fuß entdecken. Mittelpunkt ist die filigrane gusseiserne Hauptkolonnade, die mit rund 180 Metern als längste Kolonnade Tschechiens gilt. Hier holen sich Besucher bis heute ihr Heilwasser direkt an den Quellen.

Filigrane Gusseisenarchitektur, kunstvolle Deckenmalereien und traditionsreiche Heilquellen machen die Kolonnade zu einem der Wahrzeichen Marienbads

Zu den bekanntesten zählt die Kreuzquelle, die bereits früh medizinisch genutzt wurde. In der Hauptkolonnade befinden sich außerdem die Karolinenquelle und die Rudolfsquelle. Im Ensana Hotel Nové Lázně werden zusätzlich Wasser der Waldquelle und der Ambrosiusquelle für Trink- und Badekuren genutzt. Außerhalb des Zentrums lädt die klassizistische Ferdinandskolonnadezu einem weiteren Spaziergang ein.

Wie aus der Kaiserzeit: Mit Sonnenschirm und historischem Kleid erinnert eine Stadtführerin an die glanzvolle Epoche, als Marienbad Europas Adel und Prominenz anzog

Ein Gästebuch voller berühmter Namen

Wer durch Marienbad bummelt, bewegt sich auf den Spuren europäischer Geschichte. Johann Wolfgang von Goethe hielt sich mehrfach in der Stadt auf; seine unerfüllte Liebe zu Ulrike von Levetzow ging als „Marienbader Elegie“ in die Literaturgeschichte ein.

Auch Frédéric Chopin, Mark Twain, Franz Kafka, Richard Wagner,

Gustav Mahler, Thomas Alva Edison, Alfred Nobel, König Edward VII. und Kaiser Franz Joseph I. gehörten zu den berühmten Gästen des Kurortes.

rechts: Kaiser Franz Joseph I. und König Edward VII. als Bronzeskulpturen in Marienbad. Ihr historisches Treffen im August 1904 machte den Kurort zum Schauplatz europäischer Diplomatie

Wenn Wasser zu Musik tanzt

Vor der Hauptkolonnade versammeln sich mehrmals täglich Besucher. Denn zu jeder ungeraden vollen Stunde beginnt die Singende Fontäne ihr Schauspiel.

Hunderte Wasserstrahlen steigen im Takt klassischer Musik und moderner Kompositionen in den Himmel.
Besonders in den Abendstunden, wenn Licht und Wasser miteinander verschmelzen, entsteht eine Atmosphäre, die den Platz zum lebendigen Mittelpunkt der Stadt macht. Dieses Ensemble ist einfach zu schön anzusehen, denn voller erhabener Schönheit steht im Hintergrund die neobarocke Kolonnade Marienbads.

Der Kurpark – Heilen durch Landschaft

Schon die Gründer Marienbads waren überzeugt, dass Heilung nicht allein im Wasser liegt. Deshalb entstanden großzügige Parkanlagen mit alten Bäumen, Teichen, geschwungenen Wegen und Blumenbeeten. Bewegung, frische Luft und Ruhe wurden bewusst in das medizinische Konzept integriert. Bis heute gehören Spaziergänge durch den Kurpark für viele Gäste ebenso selbstverständlich zum Aufenthalt wie eine Trinkkur.

Über den Dächern der Stadt

Wer Marienbad wirklich verstehen möchte, sollte den Kurpark verlassen und den Weg in den Kaiserwald einschlagen. Zwischen hohen Fichten erhebt sich plötzlich ein steinerner Rundturm, der auf den ersten Blick wie der Rest einer mittelalterlichen Burg wirkt.

Tatsächlich handelt es sich um den Hamelika-Aussichtsturm (rechts), der 1876 bewusst als romantische Burgruine errichtet wurde. Der etwa 20 Meter hohe Turm steht auf dem Hamelika-Hügel.

Über 100 Stufen gelangen Besucher zur Aussichtsplattform. Natürlich gibt es für Autos auch eine gut befestigte Straße.

Von oben zeigt sich Marienbad in seiner ganzen Schönheit. Zwischen den Baumkronen leuchten die Dächer der Hotels, die Kolonnaden und die goldenen Kuppeln der Kirchen hervor.

Erst aus dieser Vogelperspektive wird deutlich, wie außergewöhnlich die Lage der Stadt ist.

Marienbad liegt nicht am Rand des Waldes – der Wald umschließt die Stadt beinahe vollständig. Der Kaiserwald bildet bis heute den grünen Rahmen der Kurstadt und trägt mit seinem besonderen Mikroklima zum Charakter des Heilbades bei.

Moore – ein weiterer Schatz der Region

Nur wenige Kilometer nördlich beginnt mit Kladská eine völlig andere Landschaft. Holzstege führen durch Hochmoore, dunkle Moorseen spiegeln den Himmel, Libellen schwirren über stilles Wasser.

Ein Naturlehrpfad führt zu den Mofetten im Naturschutzgebiet Smraďoch. Hier tritt Kohlendioxid auf natürliche Weise aus dem Erdinneren an die Oberfläche – ein sichtbares Zeichen der vulkanischen Vergangenheit der Region

Die Moore sind nicht nur ein wertvolles Naturgebiet, sondern liefern seit Jahrzehnten auch den natürlichen Moorstoff für therapeutische Anwendungen in den Kureinrichtungen der Region.

Das Scheidige Wollgras verleiht den Moorflächen bei Smraďoch im Frühsommer ihr charakteristisches weißes „Wollkleid“ und gehört zu den typischen Pflanzen des Hochmoors

Gleichzeitig zählt Kladská zu den schönsten Wanderzielen des Kaiserwaldes. Nicht zu vergessen: Hier kann man wunderbar traditionell einkehren.

Mit seiner dunklen Holzfassade gehört das Restaurant U Tetřeva zu den markanten Gebäuden des historischen Jagddorfs Kladská

Noch mehr zu entdecken

Wer länger bleibt, findet zahlreiche weitere Sehenswürdigkeiten. Der Miniaturenpark Boheminium zeigt bedeutende Bauwerke Tschechiens im Maßstab 1:25. Die russisch-orthodoxe St.-Wladimir-Kirche mit ihren goldenen Zwiebeltürmen setzt einen architektonischen Akzent im Stadtbild. Musikfreunde verbinden Marienbad mit dem jährlich stattfindenden Chopin-Festival, das an den berühmtesten Komponisten unter den Kurgästen erinnert.

Es sind nicht allein die prachtvollen Hotels oder die berühmten Namen im Gästebuch, die den Zauber dieser Kurstadt ausmachen. Es ist das harmonische Zusammenspiel aus Mineralquellen, historischer Architektur und einer Landschaft, die von Anfang an Teil des Heilgedankens war. Das 130-jährige Jubiläum des Ensana Hotels Nové Lázně erinnert deshalb an weit mehr als die Geschichte eines Hauses. Es steht für eine europäische Kurtradition, die bis heute lebendig geblieben ist – und für einen Ort, an dem Wasser seit Jahrhunderten Menschen aus aller Welt zusammenführt.

Fotos: Katrin Fiedler

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