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500 JAHRE INDUSTRIEKULTUR – EIN BOOM FÜR SACHSEN?

Sieben sehenswerte Ausstellungen in einem schwierigen Jahr

Das Bundesland Sachsen feiert im Jahre 2020 ein Jubiläum: „500 Jahre Industriekultur“.

Aufwändige Ausstellungen wurden geplant und umgesetzt, zahlreiche Veranstaltungen organisiert, Angebote für Schulklassen vorbereitet, ein touristisches Konzept gestrickt.
Dann kam der erste Lockdown, im Sommer eine langsame Erholung und nun im Herbst die zweite Ausbremsung.
Der Titel des Projektes „Boom“ erhielt eine aktuelle Relevanz, die die Macher und Verantwortlichen nicht vorhersehen konnten.
Den Teams in Zwickau, Chemnitz, Oelsnitz, Crimmitschau und Freiberg ist zu wünschen, dass vieles von dem jetzt Gezeigten Bestand hat und auch im nächsten – hoffentlich besseren – Jahr noch zu sehen sein wird.

Der offizielle Zeitraum vom 11. Juli bis 31. Dezember 2020 stand den Besuchern nicht in vollem Umfang zur Verfügung. Deshalb lohnt ein virtueller Rundgang auf den Webseiten und dieser Rückblick.

Schon der Titel „Boom“ war präsent, wo immer man in Sachsen unterwegs war. Auf Plakaten, Flyern, Fahnen, Hinweisschildern, in den Stadt- und Tourismusinformationen. Boom ist als Anspielung zu verstehen auf die vielen Aufschwung-Phasen, die Sachsen erlebt hat, Zeiträume, die immer nach einem Abschwung folgten. So entstand in Sachsen eine Wirtschafts- und Kulturlandschaft, die wesentlich von der Industrie geprägt wurde. Und davon erzählen mit dem Blick auf Geschichte und Zukunft die Zentralausstellung in Zwickau und sechs weitere Schauplatz-Ausstellungen an sechs authentischen Orten.

Zentralausstellung im Audi-Bau Zwickau

In 6 Kapiteln wird die Geschichte der arbeitenden Menschen erzählt. Der Besucher folgt einer Erlebnisspur mit wertvollen historischen Objekten, Kunstwerken, Fotografien, Filmen und Zeitdokumenten – insgesamt rund 600. Das alles ist kurzweilig, spannend, überraschend und immer wieder in unerwartete Zusammenhänge gestellt.

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Eingangsinstallation

Barock & Berggeschrey 1470 bis 1813

Alles kommt vom Berge. Der Bergbau hat den Prunk im Barock möglich gemacht und die Porzellanherstellung. Eine hochgradig professionelle Medieninstallation über den Annaberger Bergaltar eröffnet dieses Kapitel, das die Vorgeschichte der sächsischen Industrialisierung erzählt.

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Garn & Globalisierung 1763 bis 1914

Dieser Abschnitt zeigt die Entwicklung des Textilgewerbes von den Anfängen mit Heimarbeit und Manufakturen bis hin zu einem prägenden Industriezweig. Unternehmerdynastien wie die des Strumpfherstellers Esche entstehen. Und ein weltweites Handelsnetz als Frühform einer Globalisierung.

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Karl Marx und Karl May 1831 bis 1914

In Sachsen werden nicht nur neue Techniken, Maschinen und Produkte erfunden, hier entstehen auch alternative Gesellschaftsmodelle und neue künstlerische Positionen. Das macht Sachsen zu einem „Laboratorium der Moderne“. Zu den sächsischen Erfindungen dieser Zeit zählt auch der Reclam-Bücherautomat von 1912.

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Bücherautomat

Schockensöhne & Sachsenstolz 1914 bis 1945

Die Brüder Schocken errichten von Zwickau aus den fünftgrößten Warenhauskonzern Deutschlands und bereiten damit den Weg für den modernen Massenkonsum. Nach 1933 wird die jüdische Familie Schocken von den Nationalsozialisten enteignet und vertrieben.
„Sachsenstolz“ ist der Name der damals größten Schnellzuglokomotive Europas, die 1918 die Hallen der Sächsischen Maschinenfabrik Chemnitz verlässt. Ein DKW-Fahrrad mit Hilfsmotor steht in der Ausstellung für die beginnende Massenmobilität.

Trabi & Treuhand 1945 bis 1995

Eine Periode mit politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüchen. Textilindustrie und Maschinenbau sind beispielgebend für Kontinuitäten. Unter schwierigen Umständen werden Automatisierung und Mikroelektronik in der DDR vorangetrieben. Mit der Treuhand kamen Massenarbeitslosigkeit und Enttäuschungen. Erst Ende der 1990er Jahre ging es wieder bergauf.

Industriekultur 1995 bis 2020 und darüber hinaus

Dieser Teil ist eine offen gestaltete Ausstellungslandschaft mit großflächigen Projektionen, raumgreifenden Videoporträts und einer Wand für eigene Zukunftswünsche.

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Große Projektionen und Videoporträts

Sechs Schauplatzausstellungen an sechs authentischen Orten

Der Boom-Titel findet sich überall wieder. Und die Themen an den jeweiligen Schauplätzen stehen sinnbildlich und erlebbar für das, was Industriekultur in Sachsen ausmacht: Auto, Maschinen, Eisenbahn, Kohle, Textil und Silber.
Für jeden einzelnen Ort könnte man einen Tag einplanen. Es sind aber auch zwei bis drei Orte an einem Tag zu schaffen.

AUTO Boom im August Horch Museum Zwickau

Die automobile Mobilität in den Zeitstrahlen von 1900 bis heute und in die Zukunft wird hier thematisiert. Immer ganz nah an den Menschen, die den Verbrennungsmotor erfanden, den Dampfbus, das erste Elektroauto bis hin zu den heutigen Beispielen aus Sachsen. Seien es Antriebssysteme mit Elektro oder Wasserstoff, neue Materialien für Autos oder Forschungen an der TU Dresden.

MASCHINEN Boom im Industriemuseum Chemnitz

Der Besucher lernt die Stationen sächsischer Maschinenbaukunst kennen. Und kann sich der Frage stellen: Was ist eine Maschine und welche Rolle spielt sie in meinem Leben? Zum Teil ist dies auch ein philosophischer Exkurs mit der Kunstinstallation „Maschinenbaum“ und der Zeitreise von der Industrie 0.5 bis zur Industrie 4.0. Heutzutage können Maschinen auch in die Hosentasche wandern. Der Geist der sächsischen Ingenieure ist hier überall zu spüren.

EISENBAHN Boom im Eisenbahnmuseum Chemnitz-Hilbersdorf

Durch die finanziellen Mittel für das Sondervorhaben „500 Jahre Industriekultur“ konnte hier ein richtiges Museums-Areal errichtet werden. Sowohl drinnen als auch draußen ist das Erlebnis der 180jährigen sächsischen Eisenbahngeschichte ein aufregender Exkurs. Besonders die Seilablaufanlage ist weltweit einzigartig. Damit wurden vom Ende der 1920er Jahre bis 1993 Eisenbahnwaggons rangiert. Man kann hoch auf die „Kommandobrücke“, die genauso aussieht wie vor fast 30 Jahren. Ebenso sind 50 historische Lokomotiven zu besichtigen.

KOHLE Boom im Bergbaumuseum Oelsnitz / Erzgebirge

Der frühere Kaiserin-Augusta-Schacht steht den Besuchern offen. Der Rundgang bringt einem die Menschen im Bergbau näher und was die Kohle für sie und die Industrie Sachsens bedeutet hat. Wie in einer Zeitreise geht es von der Entstehung der Kohle als Multimediaschau über die Blütezeit der Kohle im 19. und 20. Jahrhundert, die Geschichte der „Ananas in der Kohle“ bis zum heute andauernden Wandlungsprozess. Erinnerungen an 800 Jahre Geschichte des sächsischen Steinkohlenbergbaus werden liebevoll durch ehrenamtliche Vereinsarbeit aufrechterhalten – sie sind in dieser Ausstellungsform erstmalig so umfassend dargestellt.

TEXTIL Boom in der Tuchfabrik Gebr. Pfau Crimmitschau

Was für ein Erlebnis mit Industriearchitektur und fast vollständig erhaltenem Maschinenpark! Alles sieht so aus, als wenn die ArbeiterInnen gerade die Fabrik verlassen haben. Mehr Authentizität geht kaum. Der Rundgang macht erlebbar und begreifbar, was eine Volltuchfabrik ist. Alle Schritte von den Ausgangsstoffen bis zum fertigen Produkt sind zu sehen. Besonders beeindruckend der Spinnsaal mit eingespieltem Video, das die Dimension und Lautstärke der Produktion deutlich macht. Ebenso die Spulerei, die Zwirnerei, der Trockner, die Färberei – alles mit Originalen bis zur Werksuhr und dem Pausenraum. Höhepunkt ist der Weberei-Saal mit 29 Maschinen aus den 1930er bis 1960er Jahren. Eine so erhaltene Volltuchfabrik ist sonst nirgendwo in Mitteldeutschland zu finden.

SILBER Boom im Forschungs- und Lehrbergwerk Silberbergwerk Freiberg

Das Bergwerk ist noch aktiv in Betrieb. Hier forschen und arbeiten Wissenschaftler und Studierende der Technischen Universität Bergakademie Freiberg. Bei unterschiedlichen Entdeckertouren geht es hinab in die Reiche Zeche. In den engen und halbdunklen Gängen bekommt der Besucher eine Ahnung von der schweren und gefahrvollen Arbeit der Bergleute. Mit Infotafeln, Hörbeispielen, einem großen Bergwerksmodell und einer Multimediaschau in der virtuellen Silberkammer begibt man sich auf die Geschichts-Reise des sächsischen Erzbergbaus und der Silberproduktion. Ergänzt wird er Schauplatz durch eine Ausstellung „Vom Salz des Lebens – eine Reise in die Welt der Rohstoffe“.

Von dieser Webseite www.boom-sachsen.de wird man zu allen Schauplätzen verlinkt.

Alle Ausstellungsorte mit ihren Museen und Erlebnisarealen sind auch nach den Sonderschauen ein lohnenswertes Ziel.

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Das Jahr 2020 klingt für die Region und besonders für Sachsen doch noch versöhnlich aus.
Chemnitz wird Europäische Kulturhauptstadt 2025. Herzlichen Glückwunsch!

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Kunstinstallation mit Fassadenkletterern in Chemnitz

Fotos: Sylvia Acksteiner

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