KIRGISTAN – AUF DEN SPUREN VON TSCHINGIS AITMATOW

Von Bodo Thöns

Das kleine zentralasiatische Land freut sich über ein wachsendes touristisches Interesse aus Europa und ist auf jeden Fall eine Reise wert. Traumhafte Gebirgslandschaften, nomadische Traditionen und gastfreundliche Menschen in einem sicheren Reiseland freuen sich auf mehr Besucher. Bei einem Besuch des Landes sollte man das einzigartige Literatur-Phänomen Tschingis Aitmatow nicht außer Acht lassen.   

Titelbild: Ein neues Aitmatow-Denkmal in seinem Geburtsdorf Scheker

Wenn man am Bischkeker Flughafen landet, fällt Kirgistan-Neulingen sein ungewöhnlicher Name auf: Manas. Es ist einerseits der Titel des großen, schier endlosen Nationalepos und andererseits eine historische Gestalt. Manas ist sozusagen der identitätsstiftende Doppelpack Kirgistans.

Der stolze Recke soll der Legende nach im 9. Jahrhundert die kirgisischen Stämme im Kampf gegen die uigurischen und chinesischen Eindringlinge geeint haben und gilt als Gründervater der Nation.

Seine Heldensagen umfassen über hunderttausend Verse und wurden über die Generationen mündlich weitergegeben. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden die ersten Niederschriften des epischen Meisterwerks, das mittlerweile zum immateriellen UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Die Tradition der „Manastchi“ genannten Manas-Erzähler wurde fortgesetzt. Manastchi ist heute eine Berufsbezeichnung. Das Talent, stundenlang die Heldensage frei rezitieren können, ist Bestandteil vieler Festveranstaltungen und genießt im Land allerhöchste Wertschätzung.

Wenn Kirgistan-Neulinge weiter darüber nachdenken, welche historischen Persönlichkeiten ihnen beim Stichwort Kirgistan einfallen, landet ein Name mit Sicherheit

unangefochten und mit großem Abstand auf Platz 1 des Merkzettels: Tschingis Aitmatow (1928 – 2008).

rechts: Das Denkmal im Zentrum von Bischkek zeigt einen recht lässigen Tschingis Aitmatow

Der Schriftsteller und Dramaturg, Humanist und Philosoph, Politiker und Diplomat brachte dem Land sowohl zur Zeit der Sowjetrepublik als auch in der Ära der Unabhängigkeit einen einzigartigen Aufmerksamkeitsschub. Seine Werke sind in Deutschland bekannt und populär. Unter den vielen Sprachen, in die Aitmatow übersetzt wurde, steht Deutsch bei der Anzahl der Werke auf Platz 1. Noch ein Spitzenplatz überrascht. Unter den russischsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts ist, wiederum lt. UNESCO,  nicht Scholochow, Bulgakow oder Pasternak, sondern Tschingis Aitmatow mit 186 Sprachen der meistübersetzte Belletristiker.

Als man sich 1974 bei der Namensgebung für den neuen Flughafen von Bishkek nicht für die ursprüngliche Idee “Völkerfreunschaft”, sondern für “Manas” entschied, war dies einer Initiative von Tschingis Aitmatow geschuldet.

Aitmatow-Orte in der Hauptstadt   

In Bischkek ist Tschingis Aitmatow an vielen Orten präsent. Sein bekanntestes Denkmal befindet sich am zentralen Platz der Hauptstadt. Gegenüber das bekannteste Manas-Denkmal. Im dahinterstehenden Nationalmuseum widmet die Dauerausstellung Aitmatow einen eigenen Stand.

Im Nationalmuseum

Etwas weiter östlich gelangt man zum nach Tschingis Aitmatow benannten Russischen Schauspielhaus, das im Sommer leider Theaterferien hat.

Ein Zitat ziert das Porträt am Eingang : „Die Kunst ist die ewige Sage des Menschen über den Menschen“.
Auf dem Spielplan stehen mit „Das Wiedersehen mit dem Sohn“ und „Scheckiger Hund, der am Meer

entlangläuft“ zwei seiner Werke. Im Dezember 2025 hatte das seinem Leben und Schaffen gewidmete Stück „Aitmatow – Phantasie“ Premiere. Laut Programmtext verbindet es Elemente verschiedener Werke in einen großen Handlungsrahmen über Schicksal und Erinnerung.

Im Nationalen Kunstmuseum finden sich ihm gewidmete Gemälde und Skulpturen. Die größte Sammlung findet man dazu aber im Tschingis-Aitmatow-Museum selbst, da es bei vielen Kunstwerken um persönliche Geschenke an ihn handelt.

Aitmatows Wohnhaus – Heute Museum und Sitz der Stiftung

Das Aitmatow-Museum befindet sich südlich des Stadtzentrums. Aus der Stadtmitte gelangt man auf einer der zentralen Nord-Süd-Achsen, dem Manas Prospekt, dorthin. Er geht (wie symbolisch !) in den Aitmatow Prospekt über.

Das Museum hat keine geregelten Öffnungszeiten, kann aber nach Voranmeldung besucht werden.
Die unmittelbare Nachbarschaft zum Wohnkomplex

vieler Regierungsmitglieder erfordert eine Sicherheitskontrolle an der Zufahrtsstraße. Ursprünglich als Verwaltungsgebäude errichtet, konnte es in den 1980er Jahren von der Familie Aitmatow erworben und zum Wohnhaus umgebaut werden. Heute kann man auf zwei Etagen die Originalräumlichkeiten des Wohn- und Arbeitsbereiches besichtigen.

Einige Zimmer und die Korridore wurden zu Ausstellungsräumen umfunktioniert, wo man anhand vieler Fotos, Gemälde, Bücher, Utensilien und Gastgeschenken das Leben und Schaffen des großen Schriftstellers Revue passieren lassen.  Die Büroräume der Stiftung und ein kleiner Shop befinden sich ebenso wie die Wohnung des jüngsten Sohnes und Stiftungsvorsitzenden Eldar Aitmatows im Gebäude.

Das Arbeitszimmer von Tschingis Aitmatow

Kirgistans nationale Ikone hat aus zwei Ehen drei Söhne und eine Tochter: Sanjar (1954*), Askar (*1959), Shirin (*1977) und Eldar (*1979).

Ata Bejit – Das Grab der Väter    

Tschingis Aitmatow verstarb am 10. Juni 2008 in einer Nürnberger Klinik.

Vier Tage später fand die Beerdigung in der Gedenkstätte Ata Bejit am Bischkek Stadtrand statt.
In Kirgistan war Staatstrauer angesagt.

Er wollte in der Nähe seines Vaters Turukul Aitmatow (1903 – 1938) begraben werden. Der Vater war die Nr. 2 in der KP Kirgisiens und wurde Ende der 1930er Jahre, wie fast die gesamte Elite der Sowjetrepublik, während der Stalinschen Säuberungen erschossen. Lange Jahre war sein Schicksal der Familie verborgen geblieben. Erst 1991 fand man das Massengrab mit den damals ermordeten 137 Opfern in der Nähe von Bischkek unweit des Dorfes Tash-Döbö, wo die Nationale Gedenkstätte Ata Bejit (Das Grab der Väter) entstand.  

Die Gedenkstätte „Das Grab der Väter“

Mit den Jahren wurde die Gedenkstätte erweitert und umfaßt heute neben den Gräbern der 137 Opfer und einem Glaspavillon über der Fundstätte der Leichen einen Obelisken, zwei Museen und Reliefs, die neben den Hinrichtungen 1938 an die Opfer des antizaristischen Aufstands von 1916 und der Tulpen- und Aprilrevolution 2005 bzw. 2010 erinnern. Die Entfernung ins Stadtzentrum von Bischkek beträgt gut 20 Kilometer.   

Im Geburtsdorf Scheker

Der Geburtsort von Tschingis Aitmatow befindet sich im äußersten Nordosten des Landes im Gebirge. Das 2000-Seelen-Dorf Scheker gehört zum Verwaltungsbezirk Talas und lebt vorrangig von der Landwirtschaft. Die Autofahrt über zwei Gebirgspässe mit über 3000 Höhenmetern ist fast eine, landschaftlich aber sehr schöne, Tagesreise.

Beim Fortkommen in den Bergen variieren die PS-Zahlen

Südlich des Dorfes Scheker erhebt sich eine Reihe majestätischer Gipfel. Sie gehören zum etwa 270 km langen Talasser Alataugebirge, den westlichsten Ausläufern des Tienshan. Die höchsten Gipfel sind über 4000 Meter hoch und verlieren auch im Sommer ihre Schneemützen nicht. Allen voran der Peak Manas, der 4.484 Meter erreicht. Entgegen der Meinung mancher Dorfbewohner fehlt aber der Aitmatow-Gipfel am Horizont. Es gibt ihn zwar seit dem Jahr 2000 wirklich, aber er befindet sich im Süden des Landes in noch höheren Gefilden. Seine Höhe beträgt 4650 Meter. 85% der Fläche Kirgistans liegen im Hochgebirge, also mindestens 2500 Meter über dem Meeresspiegel.

Am Ortseingang begrüßt uns ein Orteingangsschild mit Schreibfeder und Aitmatow-Porträt. Er schrieb zeitlebens alle seine Werke mit der Hand.

Auf der anderen Straßenseite steht als Denkmal ein Mann mit einem Pferd.

Ein dezenter Hinweis auf die vielen Pferde auf den Weiden rund ums Dorf und auf den Hufschmied Tanabai und seinen Hengst Gulsary, zwei der markantesten Helden im Schaffen Aitmatows.  

Bilder oben: Der Ortseingang von Scheker | „Abschied von Gulsary“ erschien 1966.

Das Geburtshaus Aitmatows sucht man vergebens. Das Lehmgebäude wich in den 1970er Jahren einem Schuppen, als auf dem Hof ein neues, modernes Einfamilienhaus errichtet wurde. Hier wohnt heute die aus drei Generationen bestehende Familie einer Großcousine (Jahrgang 1941) des Schriftstellers. In der Nachbarstraße entstand kürzlich ein neues, „historisiertes“ Lehmhaus, das mit einer offenen Schutzkonstruktion umbaut wurde. Vermutlich soll es im künftigen Tourismus-Marketing die Rolle des Geburtshauses übernehmen. Bei einer solch starken erzählerischen Tradition der Hauptperson wird man vermutlich ein glaubwürdig anmutendes Narrativ dazu aufsetzen.    

Zum 50. Geburtstag Aitmatovs gönnte man sich 1978 im Dorf eine neue Schule und ein neues Kulturhaus.

Das Kulturhaus und Museum ist nach dem durch das Dorf fließenden Fluß Kurkuröö benannt

Die Schule trägt seit einigen Jahren den Namen von Aitmatows Vater. Im Kulturhaus wurde von Anfang im ersten Stock ein großer länglicher Raum dem bedeutenden Sohn Schekers als Museum gewidmet.

Neben einer großen Fotosammlung aus allen Lebensabschnitten werden Aitmatow-Ausgaben aus verschiedenen Ländern, Dokumentenkopien, Plakate, Theaterprogramme, originelle Aitmatov-Portraits und andere Andenken gezeigt.

links: Eine Filz-Reminiszenz an Aitmatows 1964 erschienene Erzählung „Der rote Apfel“

Stolz zeigt Direktor Samat Ryspeev einige von deutschen Touristen unlängst mitgebrachte Fotos von Lesungen und Begegnungen in Deutschland.

Am südlichen Dorfrand findet man ein weiteres Aitmatow-Denkmal vor einem recht baufälligen Gebäude – Djüschens Schule. Hier unterrichtete „Der erste Lehrer“ – die, wie viele andere Werke auch verfilmte Erzählung  gehört zu den bekanntesten Büchern Aitmatows. Im angrenzenden Waldstück wurden vor einigen Jahren allen wichtigen Büchern Aitmatows gewidmete Steinskulpturen aufgestellt.

In der Nachbarschaft läuft die Vorbereitung auf den 100. Geburtstag im Jahr 2028 langsam zur zu erwartenden Hochform auf. Das Gelände umfaßt 15 Hektar. Unter dem Titel „Aitmatows Universum“ entsteht eine Parkanlage mit einem Konferenzzentrum, einer Freilichtbühne und einem neuen Denkmal vor dem Hintergrund der Bergkulisse. Die Eröffnung ist für den Herbst 2026 geplant. Zum inhaltlichen Konzept war allerdings auf der Baustelle noch nichts zu erfahren.

Die Baustelle von Aitmatows Universum

Ansonsten tendiert die touristische Infrastruktur in Scheker bislang eher gegen Null. Es gibt kein Restaurant im Dorf, keine Herberge, geschweige denn ein Hotel. Die Homestay-Bedingungen sind sehr spartanisch. Aitmatow-Fans übernachten in der Regel in der knapp 100 km entfernten Bezirkshauptstadt Talas und machen einen Tagesausflug nach Scheker.

Der letzte Besuch Aitmatow in seinem Geburtsort fand im Jahr 2000 statt.   

Die Bahnstation Maimak

Manche Besucher statten von Scheker aus der etwa 20 km entfernten Bahnstation Maimak noch einen Besuch ab.  Das gleichnamige Dorf mit ca. 800 Einwohner liegt an der Zentralasien (Turkestan) und Sibirien miteinander verbindenden Turksib-Strecke zwischen den kasachstanischen Städten Schymkent und Taraz. Die Bahnstrecke wurde Ende der 1920er Jahre gebaut.

Die Eisenbahn und insbesondere dieser kleine Provinzbahnhof spielten im Leben und Werk Aitmatovs eine prägende Rolle.

rechts: Der Schnellzug Taschkent – Almaty rauscht durch den Bahnhof Maimak

Hier kam die Familie wieder in der Heimat an, als der Vater sie, seine bevorstehende Verhaftung im Stalinschen Terror ahnend, vorausschauend nicht nach Bischkek, sondern in sein Bergdorf schickte.

„Djamila“ und Danijar verladen hier das Getreide,  Altynai als Musterschülerin des „ersten Lehrers“ Djüschen steigt hier in den Zug nach Taschkent. Der Hauptheld des Romans „Der Tag zieht den Jahrhundertweg“ ist der Bahnwärter Edige.

Heute ist Maimak ein recht verlassener Bahnhof an der Grenze zwischen Kirgistan und Kasachstan auf dem Gebiet Kirgistans, aber unter der Verwaltung der Kasachischen Eisenbahn. Personenzüge halten hier schon lange nicht mehr. Es gibt heute nur einen Güterbahnhof mit einem kleinen Häuschen und einer Wache der Grenztruppen Kasachstans. Vor allem Steinkohle wird hier verladen. Das historische Bahnhofsgebäude verfällt, es soll aber zum Aitmatow-Jubiläum 2028 rekonstruiert werden. 

Die Falkenseer Aitmatow-Spur

Durch Zufall war ich im letzten Winter auf der Webseite des Museums meiner Heimatstadt Falkensee auf Fotos aus dem Archiv von Heinz Krüger (1919-1982) gestoßen. Neben Bildern aus der Heimat gab es einige exotische Bilder aus Kirgistan, die meine Neugier weckten.

Im Gespräch mit der Museumsdirektorin Gabriele Helbig erfuhr ich, daß Heinz Krüger oft als

freier Fotograf im Auftrag der Zeitschrift „Freie Welt“ im Ausland und insbesondere in der früheren Sowjetunion unterwegs war. Die ca. 170 Fotos aus Kirgistan bzw. Kirgisien, wie man damals noch sagte, stammten von einer Reise im Herbst 1971.

links: Heinz Krüger (Mitte) zeigt 1975 Tschingis Aitmatow Kirgistan-Fotos von seiner Reise aus dem Jahr 1971

Bei weiteren Internetrecherchen fand ich noch zwei Fotos von Heinz Krüger, die den wohl bekanntesten Kirgisen aller Zeiten, Tschingis Aitmatow, zeigten: ein 1976er Titelbild der „Freien Welt“ und ein Autorenfoto einer Aitmatow-Ausgabe aus dem Verlag „Volk & Welt“. Auf meine Bitte an das Museum, nochmal im Archiv nach weiteren Kirgistan- und Aitmatov-Fotos zu suchen, folgten nach ein paar Wochen die Bestätigung eines fast sensationellen Funds. Es existiert eine weitere, aus ca. 60 Fotos bestehende und noch nicht digitalisierte Serie aus dem Jahr 1975, bei der es sich um eine, wie man heute wahrscheinlich sagen würde, Home story zu Gast bei Tschingis Aitmatow handelt !

Eine schon länger angedachte Reise nach Kirgistan incl. Spurensuche des von mir hoch geschätzten Autors Aitmatow bekam somit einen zusätzlichen Motivationsschub und fand im Juli dieses Jahres statt. Dank freundlicher Genehmigung des Heimatmuseums Falkensee konnte eine kleine Auswahl der Fotos sowohl an die Aitmatow-Stiftung als auch an das Museum in Scheker übergeben werden.

Der Autor dieser Zeilen übergibt eine Auswahl von Heinz-Krüger-Fotos an den Sohn Eldar Aitmatow, zugleich Vorsitzenden der Aitmatow-Stiftung

INFOS

Der einzige „echte“ deutschsprachige Reiseführer (kein KI Fake) stammt aus den Federn von Dagmar Schreiber und Stephan Flechtner und ist im Berliner Trescherverlag erschienen.

Kirgistan haben mittlerweile viele deutsche Reiseveranstaltern im Angebot.

Die Literaturwissenschaftlerin und ausgewiesene Aitmatow-Expertin Irmtraud Gutschke bietet seit einigen Jahren sporadisch über den Reiseveranstalter GR-Reisen aus Neustrelitz Kirgistan-Reisen speziell „auf den Spuren Aitmatows“ an. Die nächste Reise findet im September 2026 statt.
https://www.gr-reisen.de/reise.php?mx=0&rid=-4801

Fotos: Bodo Thöns (17), Dastan Achmatow (1), Museum und Galerie Falkensee (1)

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