DER SEE, WO DIE ZITRONEN BLÜHN

Frühjahrs-Impressionen rund um den
Gardasee im norditalienischen Venetien

von Ronald Keusch

Die Region des Gardasees fasziniert durch ihre landschaftliche wie auch kulturelle Vielfalt. Der Gardasee selbst, im Norden noch durch alpines Umfeld geprägt, findet im Süden immer mehr zum mediterranen Klima und zum Lebensgefühl des Laissez-faire. Er ist der größte See von Italien, das Tor in den Süden und seit jeher auch ein Mekka für Urlauber aus Italien und aus aller Welt. Schon der deutsche Dichterfürst Goethe beschrieb in seinen berühmten Zeilen das Lebensgefühl und die Sehnsucht nach Italien „Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühn, im dunklen Laub die Goldorangen glühn“, um dann zu schlussfolgern. „Dahin!  Dahin möcht` ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn.“ 

Sanfte Berge in Lessinia

Eine Bahnfahrt von Verona zum Gardasee dauert etwa 20 Minuten. Die Fahrt per Pkw von Verona nach Peschiera del Garda beträgt je nach Verkehrslage circa 30 Minuten, so lauten die beruhigenden Verkehrshinweise der Reiseveranstalter. Für das Autofahren spricht, dass der Besucher schon auf dem Weg zum Gardasee die charmante Gebirgslandschaft von Lessinia entdecken kann, die reich an Kultur und kulinarischen Genüssen ist.

Berglandschaft Lessinia

Da mag es zur Hochsaison am Gardasee auch einmal auf Straßen und Stränden eng werden, für neugierige Besucher bietet die gebirgige Landschaft noch unberührte Natur und viele Gelegenheiten zum Wandern, Radfahren, Klettern oder im Winter für den Ski-Langlauf. Der Naturpark mit seinen Hochalmen ist reich an verborgenen Orten. Dazu zählen auch in den Bergen kleine Festungen mit Schützengräben und Tunneln, die sich über mehr als zwei Dutzend Kilometer erstrecken. Diese Verteidigungssysteme wurden saniert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, wie zum Beispiel die Gräben von Malga Pidocchio.

Verteidigungsstellungen aus dem ersten Weltkrieg in der Lessinia

Erinnerungen an Orte im ersten Weltkrieg, wo zum Glück keine Kämpfe stattfanden, und an die italienischen Gebirgsjäger Alpini – eine Mahnung gegen Krieg auch heute.

Die Spezialität: Almen Gnocchi

In dem sanften Gebirge finden sich Bauernhäuser, Ställe mit Scheunen, Zisternenbrunnen und Tränken. Und hier steht der bei Gourmets bekannte Berghof Malga Lessinia.

Berghof Malga Lessinia

Er gilt als Aushängeschild für eine alpenländische Küche. Die Spezialität sind neben Polenta-Variationen die „Gnocchi Sbatùi“ oder Almen-Gnocchi.

Nur ausnahmsweise darf der Gast der Köchin bei der Zubereitung der Gnocchi zuschauen, deren Zutaten Kartoffel und Mehl, Käse, Butter und Wasser per Hand zu einem Gnocchi-Teig in einer Schüssel verrührt werden.

Das Rezept bleibt geheim, so die unausgesprochene Regel, das gilt vor allem für die Temperatur des zugegebenen Wassers, die ganz entscheidend für das Gelingen sein soll. Die Gnocchi haben einen unübertrefflichen Geschmack. Auf der Speisekarte ist eine Portion mit ebenfalls unübertroffenen acht Euro ausgepreist. Dazu öffnet der Wirt eine Rotweinflasche Valpolicello Classico. Bella Italia.

Renaissance Villa mit Monstern

Venetien ist nicht nur ein Land, wo Zitronen blühen, sondern wo in der Weinregion auch die Trauben reifen. Nur 16 Kilometer vom Gardasee entfernt, im Herzen des Weinanbaugebietes von Valpolicella in Fumane, liegt die Villa Della Torre. Sie zählt zu den exquisiten Juwelen der italienischen Renaissance und wurde im 16. Jahrhundert nach dem Vorbild eines antiken römischen Stadthauses entworfen. Von Weinbergen umgeben befindet sich hier das Hauptquartier der Allegrini-Weine.

In der historischen Villen-Anlage, die einige noble klassisch ausgestattete Zimmer an Touristen vermietet, werden auch Weinverkostungen in vier Kamin-Zimmern veranstaltet.

Ihr besonderes Merkmal sind riesige mystisch abgründige Monster wie Teufel und Seeungeheuer, die die Kamine schmücken und ein besonderes Spektakel darstellen.

Bei der Weinverkostung wird wieder einmal eine Erkenntnis von Weinkennern bestätigt.

So gut die Marken Valpolicella oder Palazzo Della Torre auch munden, der erklärte Favorit im Norden Italiens, der Amarone, stellt alle anderen Weine in den Schatten.

Castello mit Gewächshaus für Zitronen

Am satten Blau des Gardasees bei Sonnenschein angelangt, ist die erste Station die 3000 Einwohner Gemeinde Torri del Benaco, die als ein Geheimtipp für erholsamen ruhigen Urlaub gilt. Ein Markenzeichen des kleinen Ortes ist die Burg Castello Scaligero.

Castello Scaligero in Torri del Benaco

Sie wurde im 14. Jahrhundert errichtet zur Schaustellung von Macht und zum Schutz des kleinen Hafens. Die spätmittelalterliche Obrigkeit errichtete auch in einer Reihe von anderen kleinen Orten am See wie in Peschiera, Lazise oder Garda turmreiche Burgen mit hohen Mauern und tiefen Kerkern. Heute beherbergt das Castello Scaligero Museen zum Fischfang, zu historischen Booten und zum Olivenanbau. Immerhin gehört der Süden des Gardasees zum nördlichsten Anbaugebiet von Oliven. Spannend wird es, wenn man das dem Museum angeschlossene ein Dutzend Meter hohe Zitronengewächshaus besichtigt.
Da sieht man die Zitronenbäume, die man

schon im Renaissancegarten von Verona bewundert hat, aber hier wachsen sie als hochrankende Staude an langen Holzstützen von zehn Metern Länge.
Die Zitronenzucht gibt es bereits seit dem 18. Jahrhundert. In die Höhe ging es deshalb, weil schon damals am See und auch heute der Platz für viele kleine Bäumchen fehlt.

Hier gelangt der Besucher an den See, wo die Zitronen blühen.

Gardasee bei Torri del Benaco

Eine der schönsten Badebuchten am Gardasee

Wem die Zucht von Acht- bis Neun-Meter Zitronengewächsen nicht romantisch genug ist, der muss unbedingt die sich ganz in der Nähe befindende berühmte Halbinsel Punta San Vigilio besuchen. Sie liegt zwischen Torri del Benaco und dem Dorf Garda, das übrigens dem See seinen Namen gab. Punta San Vigilio kann sich mit dem Titel einer der schönsten Badebuchten am Gardasee schmücken. Zur Halbinsel mit einem kleinen Hafen, einer Renaissance-Villa – heute eine beliebte Hochzeits-Lokation – und einem Restaurant führt standesgemäß eine Allee von Zypressen.

Punta San Vigilio

Hier gab sich im Laufe der Geschichte die politische Prominenz die Klinke in die Hand, was Touristiker stolz vermerken. Die Politiker wissen halt auch, wo es wirklich schön ist.

Bardolino – die Hauptstadt der Weine

Wie kaum ein anderer Ort im Süden vom Gardasee steht der Name Bardolino für die italienische Weinkultur.
Aus dem Weinanbaugebiet rund um die Stadt kommen viele Qualitätsweine, die der Weinliebhaber begehrt. Jeder Weinkenner weiß, die Weinmarke Bardolino ist ein leichter wohlschmeckender Rotwein. Neben dem Bardolino stehen auch seine berühmten Vettern Chianti oder Barolo, es gibt blumige Weißweine, junge Rotweine und lokale Schaumweine aus Chardonnay-Trauben. Alljährlich treffen beim Weinfest die Weinbegeisterten hier zusammen. Eine echte Touristen-Attraktion ist die insgesamt zehn Kilometer lang gestreckte gut befestigte Strand-Promenade, die vom südlich gelegenen Lazise bis zum nördlichen Nachbarort Garda führt.

Die Segelsaison hat begonnen

Die Urlauber der Vorsaison in Bardolino erwartet ein besonders schöner Anblick: Eine Vielzahl von Tulpen-Rabatten malen ein farbenprächtiges Bild. (Titelbild)

UNESCO Welterbe in Peschiera

Im Gegensatz zu Bummel-, Einkaufs und Partystadt Bardolino ist Peschiera am südöstlichen Ende des Gardasees mit seinen 10.000 Einwohnern kein klassischer Touristenort und deshalb ist hier noch viel authentisches Italien zu erleben. Eine Attraktion sind ausgegrabene Pfahlbauten aus der Bronzezeit, die von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt wurden. Zum UNESCO Welterbe gehört auch die Festungsanlage auf einer Insel mit ihrer charakteristischen Fünfeck-Form. Sie ist vollständig umgeben vom Fluss Mincio – dem einzigen Abfluss des Gardasees – und einer Reihe von Kanälen.

Die Festungsmauern in Peschiera del Garda

In einer kleinen Bootstour kann sich der Besucher ein Bild von der bombastischen Anlage und den riesigen Mauern und Wällen machen, die von der mittelalterlichen Aufrüstung und vielen Herrschern künden: Die ältesten Teile stammen noch aus der Römerzeit, dann war es eine Skaliger-Burg, eine Venezianische Bastion, eine Napoleonische Festung und schließlich eine Habsburger Festung. Vom Wasser aus ist auch eines der beiden Festungstore mit der zugehörigen Brücke, die im Jahr 1760 erbaute Porta Brescia, am besten zu bestaunen.

Gibt es noch genügend Wasser im Gardasee?

Gibt es denn noch genügend Wasser im Gardasee, fragen mich nach meiner Rückkehr aus Italien tatsächlich einige besorgte Kollegen, die sich durch apokalyptisch gefärbte Schreckensmeldungen in nahezu allen deutschen Medien haben verunsichern lassen. Da gab es tatsächlich Schlagzeilen wie „Gardasee hat sich halbiert“ (Berliner Zeitung), der Focus sprach vom „Austrocknen“, der Standard machte sogar einen „Wasserkrieg“ aus und den Spitzenwert hatte die Allgäuer Zeitung zu vermelden mit „Gardasee nur zu 38% gefüllt“. Tatsache ist: Der gegenwärtige Füllstand des Gardasees beträgt 99,6% – mit steigender Tendenz, wie auch auf den Bildern eindrucksvoll zu sehen ist. Wer mehr über diesen Framing-Skandal in den deutschen Medien lesen möchte, dem sei dieser Artikel empfohlen, der auch einen Link zu einer Gegendarstellung des Italienischen Tourismusverbandes enthält: https://www.keusch-reisezeiten.de/post/2023-04-kolumne-framing

Der angeblich nur halb volle Gardasee bei Bardolino am 18. April 2023

Die Frage nach einem ausgetrockneten Gardasee ist etwa damit vergleichbar, wenn man im Ausland von mir wissen wollte, ob in Deutschland noch Bäume stehen, da das Baumsterben und der nahe Tod des deutschen Waldes alle paar Jahre immer wieder medial vorhergesagt wurden. Die Antwort lautet lapidar, es stehen in Deutschland noch sehr viele Bäume und der Gardasee ist gesund und gut gefüllt. Allerdings müssen sich erfahrene Fachleute mit dem Schutz der deutschen Wälder ebenso befassen wie auch mit den Folgen der Dürre für den Gardasee. In beiden Fällen sind Maßnahmen zu treffen, um den Auswirkungen von klimatischen Veränderungen zu begegnen, ob es nun um die Entfernung von Totholz und die Wiederaufforstung mit resistenten Baumarten geht oder um Wasserspar- und -wiederaufbereitungs-Programme, die in Italien umgesetzt werden. Weltanschaulich verbohrte Schlagzeilen-Schmiede sind da nicht hilfreich, und Klima-Kleber auch nicht.

Im Reich der Tulpenblüten

Der Gardasee kann nicht allein mit einer fantastischen Küstenlandschaft punkten. Nur zehn Kilometer südlich von Peschiera liegt der 60 Hektar große Parco Giardino Sigurtà. Bereits im 15. Jahrhundert beginnt die Geschichte dieses Parks. Er wurde über die Jahrhunderte immer wieder umgestaltet und erweitert, verfiel aber zu Beginn des 20. Jahrhunderts. 1941 wurde er dann vom Unternehmer Giuseppe Carlo Sigurtà gekauft, wieder zum Leben erweckt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Der Park gehört mit seinen Alleen und Baumgruppen, weitflächigen Blumenrabatten, seinen Teichen und Zierhecken zweifellos zu den schönsten und größten Garten-Anlagen in Europa. Deshalb können die Besucher einen kleinen Bummelzug oder ein Shuttle in Begleitung eines Parkführers benutzen oder auch einen elektrisch betriebenen Golfcart. Die sportlichen Gäste können ihre Fahrräder mitbringen oder sie ebenfalls im Park ausleihen. Eine Attraktion ist der Irrgarten, dessen verschlungene Wege durch über zwei Meter hohe Hecken, bestehend aus 1500 Taxus-Bäumen eingerahmt sind. Alle Besucher können im Park in die Tulipanomania (Tulpenmanie) eintauchen, denn hier finden sie die reichste Tulpenblüte Italiens vor. Tulpen überall !  Sie bedecken den gesamten Park, in Rabatten und auch einzelnstehend, entlang der Wege und sogar auf schwimmenden Beeten. Wie begegnet man auf dieser riesigen Fläche von 60 Hektar Grün der Dürre? Die vormaligen Besitzer installierten unter Einbeziehung des neben dem Park liegenden Flusses Mincio ein sehr gut funktionierendes Bewässerungssystem, das sich unterirdisch auf etwa 100 Kilometer erstreckt. Nicht lamentieren, sondern machen.

Im mittelalterlichen Dorf Borghetto Valeggio

Der Bummel rund um den Gardasee ist immer auch eine Reise in die Vergangenheit. Angrenzend an den Park Sigurtà liegt eines der bekanntesten mittelalterlichen Dörfer Italiens, das ehemalige Festungsdorf Borghetto. Es ist heute Stadtteil von Valeggio sul Mincio. Ein im 14. Jahrhundert gebauter Damm und die Visconti-Brücke erzählen eine Geschichte über Machtkämpfe im Mittelalter, wo sich die Herrscher gegenseitig das Wasser abgraben wollten.

Heute sind die Touristen von den mittelalterlichen Bauten fasziniert und im Gasthof von den Spezialitäten: Risotto mit Reis aus einer alten Reismühle und mit Kürbisbrei gefüllte Tortellini, die hier der Legende nach im Mittelalter erfunden wurden.  Dazu wie nicht anders zu erwarten ein Glas Valpolicella.

Malerische Weingüter mit mediterranem Flair

Eine Stippvisite am Gardasee kann nicht besser abgeschlossen werden als mit dem Besuch in dem historischen kleinen Städtchen Soave und der gleichnamigen Weinregion.

Castello Scaligero in Soave

Der Soave-Wein ist ein Klassiker der italienischen Weißweine. Im Schatten des mittelalterlichen Castello Scaligero di Soave liegt an den alten Mauern des Schlosses der Weiler Rocca Sveva.

An diesem historischen Ort entstand die Cantina di Soave, ein Zentrum der Weinkultur mit malerischen Kellern, eleganten Weinhandlungen, blühenden botanischen Gärten sowie Weinbergen rundherum.

Hier ist sie wieder anzutreffen: die außergewöhnliche Mischung aus Geschichte, Tradition und mediterranem Flair, wie überall am Gardasee.

www.lagodigardaveneto.com
www.visitverona.it

Die Pressereise wurde von der italienischen Agentur Comitelpartner organisiert und von DESTINATION VERONA und GARDA FOUNDATION gefördert.
Fotos: Ronald Keusch

Mignon

Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?
Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin
Möcht‘ ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn.

Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach,
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan?
Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin
Möcht‘ ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn.

Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maultier such im Nebel seinen Weg,
In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut;
Es stürzt der Fels und über ihn die Flut.
Kennst du ihn wohl?
Dahin! Dahin
Geht unser Weg; o Vater, laß uns ziehn!

Johann Wolfgang von Goethe
Aus „Wilhelm Meisters Lehrjahre“

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