RIGA  – DIE PERLE DES BALTIKUMS

Die Hauptstadt Lettlands ist ein ideales Reiseziel für ein verlängertes Wochenende. Doch ungeachtet einzigartiger Sehenswürdigkeiten steht die alte Stadt im Tourismus vor neuen Herausforderungen.

Reiche Geschichte unter Letten, Baltendeutschen und Russen

Rigas Geschichte reicht bis in das Jahr 1201 zurück, als Bischof Albert von Buxthoeven aus Bremen die Siedlung von der Düna-Mündung an den heutigen Standort verlegte. In der Dreieinigkeit schwedischer und deutscher Kaufleute, Bremer Missionare und des Schwertbrüderordens unterwarf man Livland. 1282 wurde Riga Mitglied der Hanse. Im Ergebnis des Großen Nordischen Krieges fiel Livland 1721 für 200 Jahre an Rußland. In der Bevölkerung blieben die Russen aber in Relation zu Letten und Deutschen immer in der Minderheit. Von 1918 bis 1939 war Riga erstmalig in der Geschichte die Hauptstadt der unabhängigen Republik Lettland. Nach dem Hitler-Stalin-Pakt und drei Jahren Naziherrschaft zog Moskau erneut wie schon in der schon 1940 deklarierten Sowjetrepublik die Fäden Lettlands. Im August 1991 erlangt das Land dann zum zweiten Mal seine staatliche Unabhängigkeit und fand in den folgenden 35 Jahren seinen Weg nach Europa.

Das Freiheitsdenkmal wurde 1935 eingeweiht. Die drei Sterne symbolisieren damals wie heute die drei historischen Regionen Lettlands: Kurland, Livland und Lettgallen. Der Bürgermeister rettete es während der Sowjetherrschaft vor dem Abriß, indem er es neu als Freiheitsdenkmal für die 3 Sowjetrepubliken Estland, Lettland und Litauen uminterpretierte.

Dieser Klotz in der Altstadt mit der Petrikirche im Hintergrund

entstand 1970 als „Revolutionsmuseum der lettischen Schützen“, die während der Oktoberrevolution eine bedeutende Rolle spielten. Heute beherbergt er das sehenswerte Okkupationsmuseum.

Weltkulturerbe

1997 wurde die Stadt Riga in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. „Die mittelalterliche und spätere städtebauliche Struktur der historischen Innenstadt von Riga sowie die weltweit einzigartige Quantität und Qualität der Jugendstilarchitektur sowie der Holzarchitektur aus dem 19. Jahrhundert machen es von außergewöhnlichem universellem Wert.“*. Der Titel steht auf drei Säulen: Holz, Backstein und Fassadendekor. Holz ist der einzige im Überfluß vorhandene Rohstoff des Landes und findet traditionell bis heute in der lettischen Architektur breite Anwendung. Neben der in der Düna gelegenen Insel Ķīpsala als Holzhauszentrum blieben viele Holzhäuser in der Neustadt und den Vorstädten in der Stadtentwicklung verschont und lockern das Stadtbild auf.

In diesem Holzhaus in der Neustadt befindet sich eine Filiale der Restaurantkette „Der Igel im Nebel“. Der Name erinnert an einen alten Trickfilm

Mit 500 solcher Häuser im Stadtgebiet und über 2000 Holzgebäuden in den Vororten ist Riga bei diesem nachhaltigen Baustoff unangefochten die Nr. 1 in Europa. Der Architekturhistoriker Peteris Blums (1938-2025) nennt Riga eine „Metropole aus Holz, jedoch mit einem Herz aus Stein“*

Im steinernen Herzen der Altstadt dominiert, wie vielerorts in Ostseestädten, der rote Backstein. Im Jugendstilviertel erfreuen der Anblick verspielten Formen, punkvollen Ornamente und mystische Gestalten das Auge des Betrachters. Rigas architektonische Vielfalt ist einzigartig.  

Die Altstadt zwischen Backstein, Gildesälen und Kirchturmspitzen

Diese „Drei Brüder“ genannten Häuser aus dem 15. Jahrhundert gelten als die ältesten Gebäude der Stadt und beherbergen ein Architekturmuseum

Die Altstadt ist größtenteils Fußgängerzone. Man taucht in den Gassen, Innenhöfen und Plätzen ins Mittelalter ab, das sich mit Museen, Galerien, Geschäften, Cafes und Bars auf moderne Touristen eingestellt hat. Auf dem riesigen Domplatz finden häufig Feste und Konzerte statt.

Am Rathausplatz mit dem für die Hansestadt Riga obligatorischen Roland beeindruckt das von den Sowjets gesprengte und 1999 originalgetreu wieder aufgebaute Schwarzhäupterhaus. Es wurde im 14. Jahrhundert erstmals als Neues Haus der Großen Gilde erwähnt. Seit dem 15. Jahrhundert vermietete die Stadt den Festsaal an die bis heutige namensgebende Vereinigung der Schwarzhäupter. Sie vereinte in ihren Reihen alle ausländischen ledigen Kaufleute, die sich sowohl aufs harte Arbeiten als auch aufs Feste feiern verstanden. Im Unterschied zur etablierten Kaufmannselite gingen sie die größten Risiken im Handel ein, verdienten ordentlich Geld und organisierten in der Stadt die großen Feste, Turniere und Gelage, was ihnen große Popularität bei der Bürgerschaft einbrachte.  

Das wohl beliebteste Fotomotiv am Rathausplatz

Die markantesten Kirchtürme der Altstadt sind die evangelische Petrikirche, die katholische Jakobikathedrale und die ebenfalls lutherische und auch als Dom zu Riga bekannte Marienkathedrale. Die gotische Petrikirche stammt aus dem 13. Jahrhundert und hat den mit 121 Metern höchsten Kirchturm der Stadt.
Ursprünglich das höchste Holzbauwerk der Welt, wurde der Turm nach seiner

Zerstörung im Zweiten Weltkrieg 1973 mit einer Metallkonstruktion wiedereröffnet. Von der zweiten Galerie in 72 Metern Höhe hat man einen fantastischen Ausblick auf die Altstadt.

Der Grundstein für den Dom wurde 1211 vom Stadtgründer Albert als Bischofssitz gelegt. Es wurde ein Jahrhunderte-Bauwerk, das mit den Epochen neben dem romanischen Kern viele gotische und barocke Elemente aufnahm. Mit der Reformation wurde der Dom evangelisch. Die damals größte Orgel der Welt kam 1884 aus dem schwäbischen Ludwigsburg nach Riga. Neben großen Orgelkonzerten gibt es für die Touristen täglich um 12 Uhr eine kleine konzertante 20-minütige Kostprobe.   

Der Dom zu Riga ist ein Touristenmagnet in der Altstadt

Jenseits der Altstadt: Klassizismus und vor allem Jugendstil

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde es Riga in der Altstadt zu eng. Die ehemalige Stadtmauer wich entlang des Festungskanals eine hüglige Parkanlage, wo der Boulevardring samt Neustadt entstanden. Riga Einwohnerzahl sollte sich in den kommenden 50 Jahren mehr als vervierfachen. Architektonisch dominierte zunächst der Klassizismus. Das Kunstmuseum, die Universität und die Oper legen Zeugnis dafür ab.

Zum Ende des 19. Jahrhunderts kam der vielerorts in Europa zu dieser Zeit angesagte Jugendstil in einer Zeit intensiver Stadterweiterung nach Riga. Für Freunde dieser auch als Art nouveau Stilrichtung führt heute kein Weg an Riga vorbei. Hier lohnt vor allem ein Spaziergang durch drei Straßen: die Elisabeth-Straße, die Strelnieku-Straße und die Albert-Straße. An der Ecke der beiden letzteren befindet sich das örtliche Jugendstil-Museum. Über 700 Jugendstilgebäude bringen Riga den inoffiziellen Titel der „Welthauptstadt des Jugendstils“ ein.  

Elisabethstraße 10 – eines von 19 Jugendstil-Häusern des Architekten Michail Eisenstein

Am anderen Ufer des die Stadt durchziehenden Flußes Düna (Lettisch: Daugava) gibt es neben vielen Neubauvierteln und ein bißchen Business- und Banken-Skyline einen wahren modernistischen Blickfang.
Das Gebäude der Nationalbibliothek erinnert an das Schloss des Lichts (Gainas Pils). Der Legende nach verschwand der Sitz der alten Götter nach der Eroberung des Baltikums durch die Kreuzritter und wird mit der Rückerlangung der Unabhängigkeit wieder aus der Düna auftauchen. So 2014 geschehen, als die als Dreieck mit acht Etagen und einem lichtdurchfluteten Atrium konzipierte Bibliothek ihre Pforten eröffnete.

Die neue Nationalbibliothek am Dünaufer als „Schloss des Lichtes“

Die Letten sind wie ihre beiden baltischen Nachbarn ein Sängervolk. Das gleichnamige Lied zur Legende gilt als zweite Nationalhymne. Es erklingt in der Regel zum Ende des Abschlusskonzerts der spektakulären nationalen Tanz- und Sängerfeste, die in Riga im Fünf-Jahres-Rhythmus stattfinden. Ende Juni / Anfang Juli 2028 verwandelt sich Lettlands Hauptstadt wieder für 10 Tage in eine einzige Folklorebühne. Beim Abschlusskonzert auf der Freilichtbühne im 10 Kilometer nordöstliche der Altstadt gelegenen Mezaparks nehmen 13.000 Sänger auf der Bühne und 30.000 Sänger im Publikum teil.    

Hervorragende Gastronomie bietet mehr als „Graue Erbsen mit Speck“

Die lettische Küche ist bäuerlich und bodenständig. Als Nationalgericht gelten die besagten rustikalen grauen Erbsen mit Speck. Berühmt ist auch das Rigaer Brot –  Rupjmaize, ein mit Kümmel versetztes Roggenbrot. Die Fischkonserven mit Sprotten aus Riga sind genauso legendär wie der Balsam genannte und nur in dunklen Keramikflaschen verkaufte landestypische Kräuterlikör.
Die Restaurantlandschaft Rigas braucht sich nicht zu verstecken und man findet viele exzellente Restaurants. Im aktuellen 2026er Michelin Guide findet man zwei Dutzend Empfehlungen und zwei Sterne-Restaurants. Egal ob international von Italien über Georgien bis Japan oder national mit Fisch oder Wild, Kräutern, Beeren und Pilzen anspruchsvoll neu erfunden – hier kommt jeder aus seinen Geschmack.
Das Bierbrauen hat ebenfalls eine lange Tradition.

Der lettische Begriff ist „Alus“, Das Wort „Pils“ kann den Biertrinker verwirren. Es bedeutet auf Lettisch Schloß. Neben einigen großen Brauereien, wie Aldaris oder Tervetes hat sich in den letzten Jahren eine ausgeprägte Craft-Bier-Szene entwickelt.

rechts: In allen vier Richtungen hat Riga viel zu bieten

Rigas Badewanne am Ostseestrand

Lettlands attraktivstes Seebad heißt Jurmala, was ganz banal aus den Worten Jura – Meer und Mala – Kante oder Ufer zusammengesetzt wurde.

Der Sandstrand ist trittfest und ideal für Spaziergänge

Mit dem Bau der Eisenbahn aus dem etwa 20 Kilometer entfernten Riga begann sich Ende des 19. Jahrhunderts der Charakter des Dutzends in der Rigaer Bucht gelegenen Siedlungen vom Fischerdorf zur Sommerfrische zu wandeln. Damals gehörte das Baltikum noch zum Zarenreich. Deutschbalten waren eine einflußreiche Bevölkerungsgruppe. Einige Orte, wie Majorie oder Bulduri erfreuten sich dort großer Popularität und wurden auch unter ihren deutschen Namen Majorenhof und Bilderlingshof bekannt.

Schon vor über 100 Jahren war ein Urlaub im heute zu Jurmala gehörenden Majorenhof nicht unbedingt ein Schnäppchen – Ansichtskarte im Heimatmuseum Jurmala

Um die 1900er Jahrhundertwende entstanden viele Holzhäuser und -villen mit Jugendstilelementen, die das Bild Jurmalas bis heute prägen. Mit der ersten Unabhängigkeit Lettlands zwischen den Weltkriegen kam die Steinarchitektur an den Strand. Zu Zeiten der sowjetischen Okkupation kam der Massentourismus mit Betonburgen. Mit der zweiten Unabhängigkeit wurde nach 1990 viel Altes stilgerecht rekonstruiert, Sowjetisches abgerissen oder umgebaut und durch interessante neue Hotels, Villen und Wohnkomplexe erweitert. Viel Kapital kam weiterhin aus Russland. Heute sprechen die Immobilienmakler davon, daß ein großes Angebot keine ausreichende Nachfrage findet.   

Beispiel für das Miteinander alter und neuer Architektur in der Fußgängerzone

Für den Tagesausflügler lohnt sich jenseits des saisonalen Eintauchens in die Ostseewellen

ein Spaziergang zwischen Majori und Dzintaris auf der gut einen Kilometer zentralen Fußgängerzone (Jomis Straße) und am Strand.

links: im Hintergrund die Kirche der Kasaner Gottesmutter

Er zieht sich von hier gen Süden über 30 Kilometer am Rigaer Meerbusen entlang – ideal sowohl für kurze als auch für ausgiebige Wanderungen im Ostseewind.
Kletterpark, Spaßbad, ein großes Freiluftmuseum, Wellness-Angebote und neumodisches Waldbaden im angrenzenden breiten Waldstreifen runden die Erholungsmöglichkeiten jenseits der Ostsee ab.
Das städtische Heimatmuseum zeigt Erholungs- und Bademodengeschichte sowie wechselnde lokale Künstler.
Der Dzintaris-Kulturpalast mit Konzerthalle und Freilichtbühne ist sehr populär. Unter den Kirchen stechen die goldenen Kuppeln der 2019 geweihten nicht unumstrittenen, neuen russisch-orthodoxen Kirche hervor.  
Der westlichste Ortsteil Kemeri mit seinen Heilquellen ist allerdings in den letzten Jahren hinter dem allgemeinen Jurmala-Booms zurückgeblieben und strahlt eher einen ruhigeren und leicht morbiden Charme aus.   

Bessere Verkehrsverbindungen

Rigas kompakter Flughafen wird gerade deutlich erweitert.

Das neue Terminal erlaubt ab 2030 eine Verdopplung der Passagierzahlen

Sein Vorplatz mutiert derzeit genauso wie die Nordseite des Hauptbahnhofs in der Innenstadt temporär zur Großbaustelle.
An beiden Orten entsteht die neue Trasse der Rail Baltica. Das ambitionierte Eisenbahnprojekt der Europäischen Union verbindet Warschau und Tallinn über Vilnius und Riga. Lettlands Hauptstadt ist dabei mit über 600.000 Einwohnern die größte Metropole im Baltikum. Die neue Bahnstrecke bringt den drei Ländern auf der europäischen Normalspur eine deutlich bessere Anbindung an Europa. Erste Streckenabschnitte sollen 2028 eröffnet werden. Zwei Jahre später wird der durchgängige Bahnverkehr starten. Ebenfalls für 2030 steht die Eröffnung des neuen Flughafenterminals im Kalender. 

An der Rückseite des alten Bahnhofs entsteht Rigas neuer Baltic Rail Bahnhof

Bei der Eisenbahn hat der Spurwechsel bei der Gleisbreite hat eine tiefe Symbolik. Die Transformation von der einstigen Sowjetrepublik zum EU- und NATO-Mitglied brachte in den letzten geopolitischen Verwerfungen auch einen Rollenwechsel mit sich. Der Wechsel von einer Drehscheibe zwischen Europa und Rußland zum potenziellen nordöstlichen Frontstaat hat auch spürbare Konsequenzen für die nach Riga kommenden Touristenströme. Für russische Touristen war Lettland samt Riga und den attraktiven Ostseestränden die unangefochtene Nr. 1 nicht nur im Baltikum, sondern in ganz Osteuropa. In keinem anderen EU-Land leben bis heute anteilig zur Gesamtbevölkerung mehr ethnische Russen.

Doch der Ukraine-Krieg, Russland-Sanktionen, Visarestriktionen und wachsende Ressentiments ließen dieses Geschäftsmodell sowohl in der Immobilienbranche als auch im Tourismus und in der Gastronomie zum Auslaufmodell werden. „In Russland kennt jeder Riga, in Europa sind wir zwar kein absoluter Geheimtipp mehr, aber bis zu einem vergleichbaren Bekanntheitsgrad ist es noch ein weiter Weg.“ Man wünscht den netten Letten Erfolg dabei!   

Fotos: Bodo Thöns

*https://whc.unesco.org/en/list/852/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert