CTOUR vor Ort: „Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche" 1

CTOUR vor Ort: „Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche”

2017 steht in Mecklenburg-Vorpommern im Zeichen von Tradition und Brauchtum

Im Internet findet sich unter www.heimatverband-mv.de im Rahmen des Landesprogramms   „Meine Heimat – Mein modernes Mecklenburg-Vorpommern“ u. a. der Begriff „Heimatschatzkiste“, die für alle Kinder-Einrichtungen ein eigens entwickeltes Material zur Identitätsbildung enthält.


Initiiert wurde es vom Kultusministeriums MV und die Neustrelitzerin Dr. Cornelia Nenz hat diese frische Idee gern aufgenommen. Sie war bis zu ihrer Pensionierung langjährige Direktorin des Fritz-Reuter-Literaturmuseums in Stavenhagen und ist heute Vorsitzende des neu gegründeten Heimatverbandes Mecklenburg-Vorpommern e. V.
In dieser neuen Rolle plant Cornelia Nenz u.a. auch eine gemeinsame Landeshymne für Mecklenburg und Vorpommern und ist mit Bernd Fischer vom Tourismusverband im Gespräch, um Trachten für Messen oder Empfänge gestalten zu lassen, die unter Verwendung traditioneller Elemente schick und modern sind.
Das könnte etwas sein, was in die Definition des Komponisten Gustav Mahler (1860-1911) passt: „Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche.“

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Ein hoffnungsvolles Tanzbild.

Wie steht es mit Tradition und Brauchtum in MV?
Im vergangenen Spätherbst fand in Liepen an der Peene eine Tagung zum Thema „Tradition und Brauchtum in Mecklenburg-Vorpommern“ statt. Es war die Einstimmung auf das unter dem gleichen Motto stehende Themenjahr 2017.
Der Tourismusverband MV e. V., Landurlaub MV e. V. und der Tourismusverband Vorpommern e.V. haben aus diesem Anlass e. V. Thesen zum Verhältnis von Tradition und Tourismus herausgegeben. Schon auf den ersten Blick oder nach kurzem Nachdenken fallen uns Traditionen und Bräuche ein, die vor allem durch das Wasser, den ländlichen Raum und durch das Plattdeutsche geprägt sind. Aber natürlich gibt es viel mehr. Die Initiatoren arbeiten dann auch folgerichtig werbekräftig mit Schlagwörtern von A bis Z wie Architektur, Backstein, Schlösser und Gutshäuser bis zu Zeesbooten. Auch Jubiläen wie das 125-jährige Bestehen der Künstlerkolonie Ahrenshoop rücken in den Fokus.

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Neptun gehört zum Wasserland Mecklenburg-Vorpommern.

Tatsächlich profitiert das strukturschwache Bundesland im Tourismus schon jetzt von seinen Traditionen und Bräuchen. Die Hanse Sail Rostock zieht jeweils am zweiten Augustwochenende mit einem der weltweit größten und beliebtesten Traditionsseglertreffen über 200 Schiffe aus über einem Dutzend Länder bis zu einer Million Besucher an.

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Das Waschzuber-Rennen ist ein Karneval auf dem Wasser.

Das Sommerfest der Warnemünder Woche überrascht Besucher aus dem Süden oder Westen, z.B. beim Waschzuber-Rennen mit einem Karneval auf dem Wasser. Das Themenjahr 2017 ist neben dem Suchen nach bewahrenswerten Traditionen aber auch eine Gelegenheit, um bereits gepflegte Traditionen nachhaltig zu sichern. Es ist ein politisches Unding, dass das Bundesverkehrsministerium an Traditionsschiffe Maßstäbe anlegt, die nicht zu realisieren sind. Mehr als 100 Betreiber von alten Schiffen haben bereits aufgegeben. Die Stimmung im Museumshafen Greifswald ist schlecht. Hier gehen nordostdeutsche Traditionen verloren. Für immer.
Ähnliches droht der Deutschen Tanzkompanie in Neustrelitz, die als Stiftung für traditionellen Tanz, die Tradition lebt und auf dieser Grundlage viel Neues ausprobiert.

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Sommerkarneval maritim.

Tradition geht in der Moderne verloren. Es gab Zeiten, da galt die plattdeutsche Kommunikation als „hinterwäldlerisch“. Das Alte wurde verdeckt oder versteckt und mit „hochmodischer“ Plastik zugeschraubt. Dieser Prozess der Suche nach dem Modernen; scheinbar Neuzeitlichen, gab es auch in der für ihre Traditionspflege hochgelobten Schweiz. An der Dampferflotte vom Genfer See sind inzwischen die Plastikverkleidungen ab, sie präsentieren sich heute wieder ursprünglich. Auch das „Swingen“, eine Art Ringen unter freiem Himmel, erlebt ebenso eine wunderbare Renaissance wie die eine oder andere Volkskunsttradition, die vor kurzem noch als verstaubt galt.

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Mit Tracht und Freude – auch bei Regen.

Die Gründe hierfür sind ähnlich wie bei der Entscheidung für das Themenjahr „Tradition und Brauchtum“ in Mecklenburg-Vorpommern. Es setzt zunächst auf Außenwirkungen, d.h. auf eine größere Attraktivität für in- und ausländische Besucher. Angestrebt werden Traditionen mit „Tiefgang“, die nicht durch oberflächliche „Walt-Disney-Welten“ ersetzt werden. Gefragt sind Traditionen, die eine Region charakterisieren, die typisch sind und die es vielleicht nur hier gibt. Die „Binnenwirkung“ des Themenjahres und hoffentlich darüber hinaus, gehen in Richtung von mehr Stolz und Selbstbewusstsein der Bewohner und wenn es gut läuft, auf aktive Mitwirkung. Das sind zugleich Pluspunkte im sich verschärfenden touristischen nationalen und internationalen Wettbewerb und im Ringen um mehr Lebensqualität.

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Das 2. Augustwochenende steht vor Warnemünde im Zeichen der Tradikonssegler.

Chancen und Tücken der Traditionspflege
2017 kann spannend werden, denn jede Region in Mecklenburg-Vorpommern kann ihr eigenes Profil mit Blick auf Traditionen und Bräuche stärken. Die Mecklenburgische Seenplatte präsentiert mit Schliemann, Reuter oder Fallada nicht nur Namen mit internationalem Ruf in den entsprechenden Museen, sondern hat auch mit der Herstellung von riesigen Schiffspropellern industrielle Traditionen. Die eigene Bewegung im Kanu oder mit dem Rad in der faszinierenden Eiszeitlandschaft ist für viele Menschen mehr und mehr ein schöner und gesunder Brauch. Die „Mecklenburger Seenrunde“ hat das Zeug, zu einer Radfahrtradition zu werden, die bundesweit und international zunehmend wahrgenommen wird. Bemerkenswert ist schließlich der Aufruf des „Tourismusverbandes Mecklenburgische Seenplatte“, Ideen zu Traditionen und Bräuchen einzuschicken. Vielleicht schaut der eine oder andere bei Richard Wossidlo (1859-1939) nach, der wie kein anderer auf der Suche nach ihnen unterwegs war.
Traditionen und Bräuche wurden und werden auf der anderen Seite missbraucht. Am schlimmsten bisher im Nationalsozialismus, wo das „Völkische“ der  braune Faden war, der auch heute noch durch Rechtsextreme und Ewig- bzw. Neugestrige weiter gesponnen wird. Was ist Heimat? Eine „Trutzburg“, zu der Ausländer keinen Zugang haben? Oder ein weltoffener Ort, in dem Traditionen zum eigenen Wohl und das der Gäste genutzt werden?
Auch zur Durchsetzung dieses modernen Heimatverständnisses dient das Themenjahr 2017.
Fotos: Dr. Klaus-Dieter Block