MODERNE HOTELS, GRÜNE UMWELT, HERZLICHE GASTGEBER – UND BUCKELPISTEN

Der Tourismus bleibt in Bulgarien weiterhin Hauptwirtschaftszweig. Dafür sind komfortable neue Hotels entstanden. Mangelnde Flugfrequenzen und schlechte Straßen bremsen den Boom derzeit noch.

Von Fred Hafner

Varna/Burgas. Bulgarien verbindet seit jeher Europa und Asien. Der Schwarzmeerstaat liegt im Südosten unseres Kontinents und wird von der Türkei, Rumänien, Serbien, Mazedonien und Griechenland begrenzt. Das Land ist vergleichsweise klein und dünn besiedelt: Auf einer Fläche von ca. 110.000 Quadratkilometern (entspricht der Fläche der früheren DDR) leben rund 8 Mio Einwohner (Vergleich DDR: 17 Mio). Im Vergleich zu Deutschland ist Bulgarien ungefähr ein Drittel so groß, hat aber nur ein Zehntel soviel Bewohner.

Ein Drittel des Landes ist gebirgig. Die größte Bergkette ist der Balkan. Im Westen Bulgariens befinden sich die zwei Hochgebirge Rila und Pirin.

Mussala (2925m) im Rilagebirge ist der höchste Gipfel des gesamten Balkans. Das vierte Gebirgsmassiv sind die Rhodopen in Südbulgarien. In fast allen Teilen Bulgariens gibt es Heilbäder. Denn mit über 500 ist Bulgarien eines der Länder Europas mit den meisten Mineralquellen. Bulgarien ist weltweit führender Produzent von Rosen- und Lavendelöl und der größte Produzent von Kräutern in der EU.

Das Land hatte bereits zu Zeiten des „Eisernen Vorhangs“ große Bedeutung für Ost und West – gerade auch für Deutsche. DDR-Bürger hatten mit Bulgarien ein erreichbares Reise-Sehnsuchtsziel. Für Westdeutsche bot das Land viele Jahrzehnte preiswerten Tourismus mit Sonnengarantie. Zudem nutzten „Ossis“ und „Wessis“ Bulgarien für Familientreffen – sozusagen auf neutralem Boden. Manch Ältere können davon bis heute spannende Anekdoten berichten.

Familienziel: Albena bietet feinste, breite „Puderzucker“-Sandstrände, viel Grün und neue, moderne Hotels

Seit der Wende sind mehr als 30 Jahre vergangen. Zeit, Bulgarien wieder einmal zu besuchen. Im Kopf sind viele Fragen: Hat sich das Land wirtschaftlich ebenso entfaltet wie andere frühere Ostblockstaaten? Spielt der (für Urlauber günstige) Tourismus weiterhin die Hauptrolle der Wertschöpfung? Wie haben sich Bevölkerung und Infrastruktur entwickelt. Die Antworten sind gemischt, teils sehr überraschend und hochinteressant.

Zunächst: Für einen Urlaub in Bulgarien gibt es weiter gute Gründe:

Das Land bietet einen Mix aus imposanter Natur, vielfältiger Kultur, einzigartiger Folklore und Traditionen sowie eine 1300-jährigen Geschichte. Die Küste ist vielerorts einladend – mit kilometerlangen Sandstränden und türkisfarbenem Wasser. Dazu kommen interessante historische Städte und liebenswerte, herzliche Gastgeber.

Als Besucher sollte man seinen Urlaubsort an der Küste allerdings gut auswählen. Denn die Küste Bulgariens ist einschließlich ihrer Tausenden von Buchten mehr als 380 km lang! Und dabei gibt es große Unterschiede: Der Norden (über Flughafen Varna zu erreichen) ist mit den Orten Albena, Goldstrand, Sweti Konstantin und Varna eher für Familien geeignet. Hier finden sich im Vergleich zum Süden mehr Grün und breitere Strände. Das flach abfallende Wasser am Ufer ist für Kinder bestens geeignet.

Allein der bekannte Küstenort Albena bietet eine sechs Kilometer lange und 150 Meter breite Strandpromenade.

Das 5-Sterne-Hotel „Maritim“ in Albena wurde komplett neu gebaut. Es  bietet jeglichen Komfort. Die breiten Sandstrände aus feinstem Sand („Puderzuckersand“) gibt es dagegen seit Jahrtausenden.  

Die 33 Hotels waren im Sommer 2023 zwischen 70 und 90 Prozent ausgelastet. Hier trifft man außer Deutschen auch viele skandinavische Gäste.

Und: Albena beherbergt im Naturpark Baltata 280 Tierarten, darunter 180 Vogelarten.

Überhaupt hat man sich im Norden viele grüne Projekte auf die Fahnen geschrieben.

Albena ist fast autofrei. Wer dennoch einfährt, muss 10 bis 20 Lewa (entspricht 5 bis 10 Euro) Maut pro Tag (!) bezahlen. Die Shuttle-Busse in Albena sind ausschließlich elektrisch unterwegs. Der Meerbad fördert sein eigenes Mineralwasser. Und 60 Prozent des hier verkauften und verzehrten Obst und Gemüse wird im 20-Kilometer-Umkreis geerntet.

Mit all diesen Vorhaben hat Albena hat gerade im 22. Jahr nacheinander die blaue Flagge für bestes Umweltmanagement erhalten. Die 4- und 5-Sterne Hotels (Landeskategorie) sind ISO-zertifiziert.

Das neu erbaute Maritim-Hotel leistet sich sogar eine eigene Rinderfarm, um seinen Gästen zertifiziertes, artgerechtes Fleisch bieten zu können.

Die „Albena Group Companies“ ist die größte Tourismusorganisation Bulgariens und im Norden aktiv. Elena Dorovskaya ist General Managerin im Maritim-Hotel Albena. Sie beobachtet Erstaunliches:

„Die meisten Gäste bleiben nicht mehr zwei Wochen wie früher, sondern nur noch eine Woche. Dafür haben wir fast 50 Prozent Wiederholungsgäste.“

Das lehrt zwei Dinge: Auch Bulgarien erlebt den Trend zu kürzerer Aufenthaltsdauer seiner Gäste, kann aber zufrieden mit zahlreicher Stammkundschaft sein.

85 Prozent aller Bulgarien-Urlauber reisen mit dem Flugzeug an. Frank Quante ist CEO der Airports Varna und Burgas, die zur deutschen Fraport gehören. „Wir hatten vor Corona ca. fünf Millionen Passagiere an beiden Airports zusammen“, erklärt Quante.

„2023 werden wir vier Millionen Gäste abfertigen. Das ist für uns ein Erfolg.“

Deutsche sind die stärkste Passagiergruppe, gefolgt von Polen und Briten. Noch in diesem Jahr sollen beide großen Schwarzmeer-Airports wieder schwarze Zahlen schreiben. Fraport tut viel dafür: Varna und Burgas werden beständig modernisiert. Dafür sind neue Serviceeinrichtungen und Verkaufsflächen entstanden, die Abfertigungsanlagen wurden erneuert. Quante hat noch viel mehr vor: „Wir wollen und werden den Anteil der Tourismusflüge weiter steigern.“ Schon heute machen sie in Varna bereits 70, in Burgas sogar 90 Prozent der Fluggäste aus. Dennoch: Was vor Ort zu beobachten ist, bestätigt ein kurze Recherche: In Bulgarien bleiben gerade in der Vor- und Nachsaison viele Hotelzimmer ungenutzt, weil es an attraktiven Flugangeboten mangelt. Natürlich gibt es viele Direktflüge aus Deutschland, allerdings in zu geringer Frequenz. Und wer in der Vor- oder Nachsaison als Deutscher von Wien aus fliegen oder gar in Serbien auf dem Weg nach Bulgarien umsteigen soll, lässt es gleich ganz bleiben und sucht sich ein anderes Urlaubsziel.

Das ist auch in den Hotels einer anderen großen Hotelgruppe zu beobachten: den Melia-Hotels.

Melia Grand Hermitage Goldstrand

Sie stehen in Nessebar, am Goldstrand, bei Obsor. Vier große Häuser mit jeweils 400 bis 500 Zimmern. Auch die Zimmer sind wirklich groß, teils über 40 Quadratmeter, mit Balkon.

Gerade die großen Hotels sind in der Hauptsaison gut gebucht, haben in der Vor- und Nachsaison jedoch viele freie Kapazitäten. Eine höhere Flugfrequenz würde das ändern.

Wer im Süden urlaubt, erlebt viel Kultur: Die Altstädte von Sosopol und Nessebar sind UNESCO-Welterbe, aber keineswegs überlaufen.

Sie bieten mittelalterliche Architektur sowie romantische Gassen.

links: Alstadt von Nessebar

Die Bauweise der Häuser ist interessant: Stein im Erdgeschoss, Holz in den oberen Etagen.

rechts: Altstadt von Sosopol

Gerd und Anita aus Sachsen urlauben bereits zum 4. Mal im Sol Nessebar Palace Hotel. „Wir kommen immer wieder gern. Denn es ist sehr sauber hier, die Sport- und Freizeitangebote sind zahlreich und vor allem:

Wir können uns selbst in der touristischen Altstadt von Nessebar in jedes Restaurant setzen, ohne auf die Preise der Speisen und Getränke achten zu müssen“,

nennen sie ihre Gründe für den alljährlichen Urlaub in Bulgarien. In der Tat: Hauptgerichte sind ab 6 Euro zu bestellen, ein großes Bier oder Cola kosten 2,50 Euro. Die Urlauber aus Sachsen haben aber noch einen Trumpf ausgemacht: „Unser Hotelzimmer hier im Sol Nessebar Palace ist größer als unser Wohnzimmer zu Hause. Klar fühlen wir uns hier wohl!“

Zimmer im Palace Hotel in Nessebar

Der Süden mit dem Sonnenstrand, Nessebar, Burgas und Sosopol (über den Airport Burgas zu erreichen) ist im Vergleich zum Norden mehr für Partygäste aber auch Kulturinteressierte geeignet. Denn gerade im Süden der Schwarzmeerküste finden sich zahlreiche Sehenswürdigkeiten: orthodoxe Kirchen, alte Klöster, religiöse Kunst selbst in den kleinsten Dörfern, dazu zahlreiche Kulturdenkmäler, antike Ruinen und Festungen. Wenn man es denn dorthin geschafft hat.

Denn nun kommen wir zu den nicht ganz so „sonnigen“ Dingen Bulgariens: Die Straßeninfrastruktur ist auch mehr als 30 Jahre nach der Wende nicht gut. Um Varna und Burgas geht es vielleicht gerade noch, aber schon die wichtige Küstenstraße zwischen beiden großen Städten gleicht einer einzigen Buckelpiste. Das erstaunt umso mehr, als auch Bulgarien viele EU-Mittel zum Aufbau der Infrastruktur erhalten hat. Wo ist das Geld geblieben? Vielerorts hören wir von Korruption in Stadt und Land. Finanzen versickern, Projekte bleiben liegen. Das ist außer am schlechten Straßenzustand auch an vielen Bauruinen entlang der Küste erkennbar. Da stehen plötzlich neben wirklich piekfeinen neuen Hotels halbfertige Rohbauten, um die sich niemand mehr kümmert. „Vielleicht reißt man sie ab, vielleicht wird irgendwann doch weiter gebaut“, erklärt unsere Reiseführern Sveta, „so genau weiß das keiner.“

Die Stadt Burgas bietet seinen Bewohnern und Gästen in der Fußgängerzone Wasserdampf zur Erfrischung. An diesem Vormittag wenig genutzt, denn es ist noch nicht so warm. Nachmittags ist es hier voller.

Sveta berichtet viel Interessantes, abseits vom Tourismus: Die bulgarischen Löhne liegen bei durchschnittlich 1000 Lewa/500 Euro. Ärzte, Rechtsanwälte und andere gefragte Berufsgruppen verdienen allerdings 6000 Lewa/3000 Euro monatlich und mehr. Frauen gehen mit 62, Männer mit 65 in Rente. Überall fehlen Arbeitskräfte, so dass auch Sveta als Rentnerin weiter arbeitet. Bei den geringen Durchschnittslöhnen kommt vielen Bulgaren allerdings zugute, dass sie ihre Wohnung oftmals erworben und schon abbezahlt haben. Die Miete entfällt also – zumindest bei den älteren Bulgaren. Viele Jüngere wandern hingegen aus, um im Ausland mehr zu verdienen. Seit 1990 haben mehr als eine Million Bulgaren ihr Land verlassen. Das ist ein großer Aderlass für das ohnehin bevölkerungsschwache Land.

Zurück zum Tourismus: Zahlreiche Hotels bieten ihren Gästen kostenlose eigene Shuttle-Busse zu den umliegenden Orten an. Auch Mietwagen sind überall buchbar, ab 50 Euro täglich geht es los. Benzin ist im Verhältnis zu den Einkommen der Bulgaren mit 1,50 Euro für den Liter Super relativ teuer. „Egal“, sagt Sveta,

„die Bulgaren fahren trotzdem gern und viel Auto.“

Ein eigenes Kapitel ist die abwechslungsreiche landestypische Küche Bulgariens. Sie besticht mit frischen Zutaten und milden Gewürzen (sehr zu empfehlen: Schopska-Salat und Bulgarischer Joghurt), Fleischklassikern vom Grill, Meeresfrüchten, köstlichen Desserts. Gut entwickelt sind Weinkultur und Weinherstellung. Waren bulgarische Weine früher eher süss und schwer, gibt es inzwischen anspruchsvolle, international preisgekrönte Tropfen.

Angenehm sind auch die Temperaturen an Bulgariens Küste: zwar auch mit 30 Grad und darüber im Hochsommer, aber immer mit einer erfrischenden Meeresbrise im Gepäck. Das macht den Aufenthalt gerade an den Küsten sehr angenehm. Im Mai und September gehen die Temperaturen selten über 27°C hinaus. Der Herbst ist mild.

Der sogenannten „Goldmann“ im Archäologischen Museum von Varna – die hier gefundenen Stücke gehören zum ältesten Goldschmuck der Menschheit.

Bulgarien ist von Deutschland aus leicht zu erreichen – in nur 2,5 Stunden Flugzeit. Flüge sind von 20 deutschen Flughäfen verfügbar. Für die Einreise (Bulgarien ist EU-Mitglied) genügt ein gültiger Personalausweis.

Fazit: Bulgariens Strände, vor allem in Albena und am Goldstrand, gehören zu den besten der Welt. Türkis schimmerndes, warmes Wasser mit geringem Salzgehalt, ein ruhiges Meer und Sand wie Puderzucker wecken hier im Norden Bulgariens Vergleiche mit Miami. Die Hotels sind teils riesig – das muss man mögen. Die Sport- und Freizeitangebote, u.a. zahlreiche Aqua-Parks, gibt es dafür zahlreich. Die Infrastruktur ist ausbaufähig. Ebenso die Flugfrequenzen nach Varna und Burgas. Wer seine Flüge samt An- und Abreisetagen zeitlich exakt plant, kann in Bulgarien einen unbeschwerten, erholsamen und immer noch sehr preiswerten Urlaub machen.

SPEZIALITÄTEN

Bulgarischer Joghurt gilt als bester Joghurt weltweit! Denn nur in Bulgarien gibt es den einzigartigen Lactobacillus bulgaricus, der dem Joghurt seinen unvergleichlichen Geschmack und seine Festigkeit verleiht.      

Schopska-Salat ist die wohl bekannteste bulgarische Speise. In den Zutaten spiegeln sich die Farben der Flagge wider: Weiß (Schafskäse), Grün (Gurke, Petersilie) und Rot (Tomate, Paprika).

Bulgarischer Wein gewinnt alljährlich einige der besten Auszeichnungen in Europa und weltweit. Auch der typische Weintraubenschnaps ist eine Spezialität.

Banitza ist eine Art Blätterteig mit Schafskäse.

ANREISE
Flug ab 20 deutschen Flughäfen

BUCHUNG
über viele große Veranstalter, u.a. TUI, Alltours, DER

WÄHRUNG
2 Lewa entsprechen 1 Euro

INFOS

www.bulgarianblacksea.com
www.albenatour.bg
www.melia.com

Fotos: Fred Hafner

WEITERE INTERESSANTE LINKS ÜBER BULGARIEN

Swetlana Reinwarth hat im Düsseldorfer Blatt geschrieben.

Udo Horn berichtet auf dieser Seite über seine Erlebnisse.

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