ZWISCHEN KAP ARKONA UND DEM RIO DE LA PLATA 3

ZWISCHEN KAP ARKONA UND DEM RIO DE LA PLATA

Zwei Oberbayern vom Chiemsee auf Weltreise pausierten mit ihrem „Schorsch“ am Sund

Zufälle gibt´s…
Auf der Heilgeistbastion hinterm Kloster taucht ein Ehepaar auf. Am Boden ein Stralsund-Stadtplan. „Hallo, haben Sie den verloren?“ Die harmlose Frage stoppt sie: „Nein, das ist nicht unser!“ Bayern, das hört man sofort, genauer gesagt aus dem oberbayerischen Bergen im Chiemgau, „aber das Bergen auf Rügen haben wir auf dem Rückweg von Kap Arkona schon besucht“. Die Parkgebühren für drei Stunden am nordöstlichsten Punkt Deutschlands seien doch krass gewesen: 20 Euro für drei Stunden. „Schnell weg!“, hieß dann auch ihre Devise auf coronabedingter Rundreise durchs Land, das sie früher schon mit dem „Motorradl“ bereisten.

Schnell ist man im Gespräch nach dem Woher und Wohin – und kommt langsam aus dem Staunen nicht heraus. Als das Stichwort „Wohnmobil“ fällt, protestieren sie lächelnd: „Wir sind keine Camper“, sagt sie, „und er: „Die richten sofort ihre TV-Antennen aus, und wehe, das klappt nicht!“ Conny (59) und Peter Klinger (67), so stellen sie sich vor, „wir sehen nicht fern, aber lesen viel“. Wo denn ihr rollendes Zuhause stehe? Im Gegensatz zu vielen anderen, die sich mit ihren Gefährten in die Innenstadt quälen „und manchmal steckenbleiben, parken wir auf dem offiziellen Platz an der Werftstraße. So hat uns das die App gezeigt“, erklärt Peter.

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Routiniert und ein echter Fernfahrer – der Oberbayer Peter Klinger

Lange Rede kurzer Sinn: Wir verabreden uns zu einem Kaffee-Gespräch am nächsten Vormittag im Heilgeistkloster, bevor sie wieder aufbrechen mit Ziel Schwerin und Harz: „Den kennen wir nämlich noch nicht“.

Eingespieltes Team

Samstagvormittag. Vom Frankendamm her röhrt und rasselt es laut vernehmlich. Aha, ein Luftgekühlter, weiß der Fachmann. Als der hochbeinige, schwere Oldtimer-LKW Marke Magirus Deutz 170 D 11 in die Klosterstraße einbiegt, hat man Gewissheit: Das sind sie! Satt dröhnen die beiden Hörner auf dem Dach des Neuntonners ihre Begrüßungsmelodie. Von hoher Warte ihres bulligen Trucks steigen sie herab.

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Schorsch – angekommen auf der Stralsunder Heilgeistbastion

Das minimalistische Innere entpuppt sich als ein geräumiges und gemütliches Zuhause mit robusten Einbauten, Küchenecke, Bad und breiten Betten „Das reicht uns vollkommen, mehr brauchen wir nicht“, zeigt Conny in die Runde, und Peter, der als Trucker angeheuert hat, ergänzt: „Das ist unser Reise-Lebensmittelpunkt. Ob sie den „Schorsch“ nicht auch mal fahre, denn so heißt der ehemalige Feuerwehr-Rüstwagen von 1976 mit 176 PS, 22 bis 25 Liter Verbrauch auf 100 Kilometer und Allradantrieb. „Dazu hat sie zu kurze Beine“, grinst Peter, der sich um Technik und Logistik kümmert.  Als ehemaliger Feuerwehrmann sorgt er allerdings für die Umsetzung der Ideen seiner Frau, die das nur allzugerne hört. „Nach 38 Ehejahren mit drei Kindern sind wir ein eingespieltes Team“, strahlt Conny, „sonst hätten wir das alles auch nicht durchgehalten. Maskottchen „Floribär“, ein Teddy mit Feuerwehrhelm und blauer Uniform, einziger Zeuge, lächelt starr und stumm. „Der Kleine hat schon unsere ersten Reisen durch Europa mitgemacht“, blickt Conny liebevoll zu ihm hinüber.

Interessante Leute

Die Innenseite der Eingangstür ist die Visitenkarte der Klingers: bunte Aufkleber aus aller Welt. (Foto: Die mit Stickern aus aller Welt übersäte Eingangstür) Darunter auch eine Reihe aus

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Nord- und Südamerika. „Unsere fast einjährige Tour 2017/18“, strahlt Conny und erzählt: „Per Schiff wurde ´Schorsch` für 4500 Euro nach  Halifax verfrachtet, wir flogen hinterher“.
Aber „Schorsch“ weigerte sich anzuspringen nach langer Atlantik-Schaukelfahrt und eisigen kanadischen Temperaturen, „da halfen freundliche Hafenarbeiter mit Überbrückungskabeln“,

ergänzt der Team-Techniker. Quer durch Nord-Kanada steuerte Peter den Truck, der überall für Aufsehen sorgte, an die Pazifikküste. Ausgewanderte Deutsche sprachen sie an, sogar eine Rangerin aus ihrem oberbayerischen Nachbarort. „Am schönsten war für uns die Einsamkeit in Alaska“, schwärmt Conny, „auch die Ruhe der Leute hat uns gefallen. Keine Hektik und immer Zeit für ihre Gäste“. Einer zeigte sich sogar stolz darauf, dass die Germans ihr Land besucht haben, und bedankte sich dafür. „So was haben wir noch nirgend woanders erlebt“, resümiert Peter gerührt, „interessante Leute haben uns immer wieder bereichert. Kleinigkeiten, die das Leben schöner machen“. Dazu passt Connys Spruchweisheit:

 „Erst hinterm Horizont erweiterst Du den Horizont“.

Warten aufs Zuhause

Auf dem Alaska-Highway, Beginn der „Panamericana-Traumstraße“, ging´s immer nach Süden über Vancouver zu den wunderschönen US-Nationalparks bis nach Mexiko. „Die Camper-Plätze dort sind eine Lust“, erinnert sich Conny, „so großzügig und weitläufig, wie man sie hier in Europa nicht findet, dazu preiswert“. Die Kompassnadel zeigte immer nach Süden, doch dann ging´s wieder Kurs US-Ostküste nach Baltimore zur Verladung von „Schorsch“ auf einen Frachter. „Weil man nicht weiter als bis Panama kommt“, erklärt Peter, „dann folgt nur noch undurchdringlicher Urwald“. Im kolumbianischen Cartagena mussten sie fünf Wochen im Hotel auf ihr Zuhause warten, weil „Schorsch“ am Hafen vorbeidampfte und erst mal eine Karibik-Rundreise absolvierte.

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Gemütlich und praktisch – die robuste Inneneinrichtung

 „Der hat mehr gesehen als wir“, lacht Conny, die sich allerdings mit Grausen noch an das bürokratische Theater mit einem Zahlendreher in der Fahrgestell-Nummer erinnert. „Das hat niemanden mehrinteressiert, nur bei der Weidereinreise in Deutschland. Da wieherte dann der Amtsschimmel umso kräftiger“.

Ende der Panamericana

Als ein Beamter in Bolivien fragte, was das für eine LKW-Marke sei: Magirus-Deutz, Iveco? Nie gehört, schrieb er einfach – so geht´s auch – „Mercedes“ und knallte den Stempel aufs Papier. Die Schriftzüge „Alemania“ – „Germany“ an der Stirnseite von „Schorsch“ stimmten überall Polizisten und Grenzer gnädig, auch der Hinweis auf die Herkunft Bayern. Aha, Bayern München! „Fußball war überall ein Türöffner oder Eisbrecher“, so Peter.

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Peter Klinger als Trucker auf dem Bock von Schorsch

Er lenkte seinen Sahara-erfahrenen Truck durch Regenwälder, Wüsten und über Andenpässe bis 5000 Meter Höhe via Ecuador, Peru mit Titicacasee, Höhenkrankheit und linderndem Coca-Tee, Bolivien – da hing auf der berüchtigten „Todespiste“ durch den Jungas-Dschungel manchmal ein Reifen knapp über dem Abgrund (O-Ton Peter: „Es gibt in Deutschland keine schlechten Straßen, wenn man hier acht Stunden für 180 Kilometer braucht!“) – zur „kreuzgefährlichen“ Copacabana, so wurden sie gewarnt, nach Rio de Janeiro, weiter bis Argentinien zum Tango, Paraguay und Uruguay. Von Montevideo am Rio de La Plata schließlich schipperte „Schorsch“, der für 30.000 Euro zum Verkauf steht, wieder allein weiter ins weit entfernte Hamburg.

„Irgendwann wollten wir mal wieder nach Hause“,

begründet Conny das Ende der Tour, „auch wenn wir noch gern weiter nach Chile bis Feuerland ans Ende der ´Panamericana` gefahren wären. Unsere beiden Tanks mit insgesamt 580 Litern für 2000 Kilometer Reichweite wären dafür ideal gewesen“.

Fazit nach 51.000 Kilometern: Geblieben sind wertvolle Erinnerungen, die Wertschätzung der Heimat, ihres oberbayerischen „Paradieses“, und dass es überall schön ist, wenn man das zulässt. „Wer nicht wegkommt“, meint Conny nachdenklich, „der versteht die Heimkehr nicht“.

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Conny und Peter winken zum Abschied vor dem Heilgeistkloster

Röhrend und aus zwei hochgelegten Auspuffrohren fauchend kriecht „Schorsch“ mit heiseren Abschiedshornklängen und Connys und Peters Winkehänden von der Heilgeistbastion durch die Klosterstraße – neuen Zielen und Begegnungen wie in Stralsund entgegen.

Fotos: Peer Schmidt-Walther

Info: www.sind-irgendwo-bis-irgendwann.blogspot.de

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