CTOUR vor Ort: Exklusiv-Interview zum Abschluss der IGA Berlin 2017

CTOUR-Vorstandssprecher Hans-Peter Gaul hatte zum Abschluss der Internationalen Gartenschau IGA Berlin 2017 Gelegenheit zu einem Gespräch mit Jochen Sandner (Foto), Geschäftsführer Deutsche Bundesgartenschau-Gesellschaft mbh (DBG) Bonn.

Am 15. Oktober endet die IGA Berlin 2017. Wie sehen Sie nach 186 Tagen den Erfolg der ersten Internationalen Gartenausstellung in Berlin?

Mit der IGA ist das schönste Naherholungsgebiet im Berliner Osten entstanden. Die Gartenschau hat mit einem Meer aus Farben, mit ihren vielfältigen gärtnerischen Ausstellungen, die nur mit den Leistungen der Gärtner, Baumschüler, der Pflanzenzüchter wie der Planer und dem Garten- und Landschaftsbau zu erleben sind, den Wert des Grüns für Großsiedlungen verdeutlicht. Der Wolkenhain, die Seilbahn und die IGA-Arena haben Landmarken gesetzt und eine moderne Ausstellungsarchitektur in den Park gebracht. Hier kann man Lebensqualität erfahren, Freizeitspaß wie Erholung, Umweltbildung wie Konzerterlebnisse. Das alles hat seinen Preis, aber das selbstbewusste neue Marzahn-Hellersdorfer „Wir-Gefühl“, das die DBG aus der Besucherbefragung analysiert hat, ist unbezahlbar.

Zukünftig verknüpft die neue Infrastruktur, die mit der IGA entstanden ist, die Gärten der Welt und den Park mit den angrenzenden Siedlungsräumen. Jetzt ist das grüne Herz der Großsiedlung so attraktiv, dass ich überzeugt bin, dass es nicht nur ein noch viel stärkeres touristisches Interesse, sondern auch Zuzug in den Berliner Osten geben wird. Kommt es so, hat sich die IGA absolut und für Generationen gerechnet.

Sicher haben die Wetterkapriolen in diesem Jahr mit dazu beigetragen, dass die ursprünglich anvisierten Besucherzahlen leider nicht erreicht werden konnten. Welche Faktoren haben aus Ihrer Sicht hier ebenfalls eine Rolle gespielt?

Nicht allein das Wetter, schon gar nicht die Qualität der Gartenschau war schuld, sie war untadelig. Und hat, wie die Besucherbefragung ausgewiesen hat, auch große Zufriedenheit über das Erlebte, über den Dahlien- und Rosengarten, über die Blumenhallenschauen und die Gartensituationen ausgesagt. Die Gründe für das Minus liegen am Standort Metropole, für die man ein wesentlich höheres Marketingbudget haben muss. In Berlin gibt es täglich rund 2.500 Veranstaltungen mit denen man konkurriert – Kleine und Große. Das sollte man nicht unterschätzen.

Beim Versuch die jungen Besucher zu gewinnen, darf man natürlich nicht die älteren Besucher vernachlässigen. Leider hat man sich in den Kommunen nach den erfolgreichen Gartenschauen in Schwerin und Koblenz angewöhnt, mit rund 10 Mio. Euro in der Durchführung auskommen zu können und Eintrittsgelder zur Deckung der Durchführungskosten anzusetzen. Man sollte lieber schauen, 10 Mio. Euro in der Reserve zu haben und das Budget nicht gleich komplett auszugeben, um über das Marketing noch nachsteuern und Besucher gewinnen zu können.

Es gibt aber immer zwei Arten von Erfolg: den wirtschaftlichen im Durchführungsjahr und den Nachhaltigen mit einem Volkspark, einer neuen Infrastruktur, den Umweltbildungsprogrammen und vielen andere Maßnahmen, die Generationen Lebensqualität und Nutzen bringen.

 

 

Nachhaltigkeit bei Gartenschauen kommt eine immer größere Bedeutung zu. Worauf können sich die künftigen Besucher des über 100 ha großen IGA-Geländes rund um den Kienberg in Berlin freuen?

Die IGA schuf ein funkelndes Park-Highlight mit Gartenarchitektur-Beispielen international bekannter Planer, mit Haus- und Themengärten, von denen einige den Besuchern auch in Zukunft Kontemplation, Entspannung, einen hohen Freizeitwert bieten werden. Überdies Anregungen für das private Grün. Sie hat mit dem neuen Kienbergpark vor allem ein Naherholungsgebiet als einen Ort der Begegnung und des sozialen Zusammenhalts zwischen den Stadtteilen Marzahn und Hellersdorf geschaffen. Die Seilbahn wird mindestens noch drei weitere Jahre in das Herz des Parks pendeln.

Die Arena und die Landmarke Wolkenhain haben zu einer neuen kulturellen Identität – die Belebung der Gärten der Welt, der Neubau des Tropenhauses und des Englischen Gartens zu einer bauhistorischen Identität beigetragen. Den Campus für Umweltbildung und Naturerfahrung werden Kinder als außerschulischen Lernort weiter nutzen können.

Die schon länger bestehenden Gärten der Welt in Berlin-Marzahn waren ein wichtiger Bestandteil der IGA Berlin. Welche weitere Entwicklung ist denkbar?

Durchaus denkbar ist, dass die Arena eine Art Waldbühne des Ostens wird und über reges Kulturleben viel Publikum anzieht, dass der Park wie viele IGA- und BUGA Parks vor ihm sein sommerlanges Gartenfest in ein Festival verwandelt und Jahr für Jahr mit einem bunten IGA/BUGA ähnlichen Programm wiederholt – wie es zum Beispiel in Koblenz und Schwerin seit Jahren geschieht und von der Bevölkerung mit Begeisterung mitgetragen wird.

 

Die Seilbahn war – wie auch schon bei früheren Gartenschauen – eine besondere Attraktion. Wie wird es hier weitergehen?

Die Seilbahn wird nach der IGA noch drei weitere Jahre in Betrieb sein – fährt sie wirtschaftlich, auch länger. 2020 soll die U 5 vom Kienbergpark bis zum Hauptbahnhof durchfahren. Bleibt die Seilbahn, könnte sie in Berlin dem ÖPNV angeschlossen werden.

Seit 1951 gab es bereits über 30 Bundesgartenschauen (BUGA) und Internationale Gartenschauen (IGA) in Deutschland. 1993 wurde die Deutsche Bundesgartenschau-Gesellschaft (DBG) gegründet. Was sind die Kriterien für die Vergabe und welche Ziele werden dabei verfolgt?

Kriterien für die Vergabe sind in erster Linie die Darlegung eines Leitthemas für die BUGA/IGA unter dem Gesichtspunkt einer ökologischen (grünen) und nachhaltigen integrierten Stadt- und Regionalentwicklung. Der vorgesehene Standort muss planungsrechtlich gesichert bzw. kurzfristig zu sichern sein. Eigentumsverhältnisse müssen geklärt werden. Die neuen Grünflächen und Grünverbindungen (auch zwischen Bestandsgrün) oder wie hier in Berlin die Überarbeitung von bestehenden Parklandschaften sollten bis zur Eröffnung realisiert werden können. Vor der BUGA ist immer schon nach der BUGA: Ein Nachnutzungskonzept mit städtebaulicher Zielstellung, Betriebsart und Finanzierungsprognose ist ebenso nachzuweisen wie die Organisation und Realisierung für den dauerhaften Betrieb.
Mit Bundesgartenschauen und Internationalen Gartenausstellungen werden so regelmäßig nachhaltige Investitionen im Rahmen von integrierten Stadtentwicklungsprozessen in deutschen Städten und Regionen ausgelöst.

BUGA- und IGA-Städte sollen nicht nur von der rund siebenmonatigen Öffnungszeit der eigentlichen Schau profitieren, die ein Millionenpublikum anzieht und den regionalen Tourismus fördert. Auch langfristig sollen die großzügigen Grünflächen die Attraktivität und Lebensqualität der Städte erhöhen, indem sie zur Erholung und Freizeitgestaltung einladen, neue Arbeitsplätze schaffen und den Wohnwert in unmittelbarer Nachbarschaft zum Gelände steigern.

Die dezentrale Tourismusförderung spielt da sicher auch eine wichtige Rolle…

Wir arbeiten eng mit dem Deutschen Tourismusverband (DTV) zusammen, treten auf Fachtagungen auf, sind auf Fachtouristikmessen präsent – wie zum Beispiel auf der RDA Group Travel Expo – und beraten die Durchführungsgesellschaften zur Teilnahme an Präsentationen auf Touristikfachmessen im In- und Ausland.

Sie selbst haben ja bereits einige Bundesgartenschauen verantwortlich geleitet. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Gartenschauen sind ein sehr gut eingeführtes touristisches Produkt, das heißt man kann sie sehr gut mit anderen Angeboten am jeweiligen Standort oder der Region kombinieren, sowohl als Tagesreise, besser als Mehrtagesreise. Um damit erfolgreich zu sein, ist es wichtig, dass die jeweilige Gartenschaugesellschaft aktives Marketing in den avisierten Quellmärkten betreibt, und damit Reiseveranstalter, Busunternehmer und andere Anbieter in der Ansprache ihrer Endkunden unterstützt.

Zur Abschlussfeier der IGA Berlin 2017 wurde der traditionelle Staffelstab an die Stadt Heilbronn übergeben.
Wo finden die nächsten Bundesgartenschauen statt?

Wir haben feste Zusagen und Bewerber bis 2031. Für das Jahr 2025 haben gleich zwei Städte Interesse bekundet. Es sind „mittlere Großstädte“, die eine ideale Größe für eine Gartenschau bieten, Städte, die schon seit der BUGA Potsdam 2001, der IGA Rostock 2003, Schwerin 2009 und Koblenz 2011 Erfolgsgeschichte schreiben. Sie haben 100.000 bis 300.000 Einwohner. Ihre Gartenschau ist Mittelpunkt eines integrierten städtebaulichen Entwicklungsprozesses, wie es zum Beispiel die BUGA Heilbronn 2019 mit einer Gartenschau und parallel verlaufenden neuen architektonischen Quartiersentwicklung auf einer alten Bahnbrache mitten im Zentrum sein wird. Wir sind 2021 in Erfurt, einer Stadt mit ca.200.000 Einwohnern, 2023 in Mannheim mit 300.000 Einwohnern, und 2025 in Rostock oder Wuppertal. Auch Städte mit einem ähnlichen Profil. 2027 ist eine regionale internationale Gartenausstellung in der Metropole Ruhr am Start und 2031 ebenfalls eine regionale BUGA im Weltkulturerbe Oberes Mittelrheintal.

Bei den Besuchern beliebt sind auch die von den jeweiligen Bundesländern organisierten Landesgartenschauen (LAGA). Wie unterstützt Ihre Gesellschaft diese Aktivitäten?

Wir tauschen uns regelmäßig mit unseren Kollegen von Landesgartenschauen aus und laden Sie auch gern zu unseren Veranstaltungen wie dem Praxisforum ein – übrigens findet am 5. Dezember wieder ein DBG- Praxisforum zum Thema „Reichweite erzielen – Kooperationen, Sponsoring und Stiftungen im Grünmarketing“ statt. Wir wollen nicht nur selbst schlauer werden, wir lassen auch andere gern teilhaben. Jede erfolgreiche Landesgartenschau unterstützt unser Format. Zur Entzerrung der Konkurrenz wäre es begrüßenswert, wenn es in Zukunft wieder in den geraden Jahren Landesgartenschauen geben könnte und in den ungeraden Jahren BUGA und IGA.

Gartenschauen haben mit der Zeit auch ihre Profile verändert. Wo sehen Sie hier Schwerpunkte, welche Visionen haben Sie?

Unsere Hauptbesuchergruppe sind nach wie vor die Älteren, daneben aber auch junge Familien, denen wir eine Menge bieten und das werden wir weiter ausbauen. Auf der IGA Berlin haben wir viele jüngere Besucher und Familien begrüßen können. Der Altersdurchschnitt lag bei 50 Jahren.

Kinder und Jugendliche erreichen wir über Programme wie das „Grüne Klassenzimmer“ oder den IGA-Campus. Auf der IGA haben über 50.000 Kinder daran teilgenommen. Das macht Mut zu einem Roll-out dieses Campus-Formates auch auf anderen Gartenschauen.
Gärtnern ist ja ein Megatrend. Das Interesse an Themengärten ist enorm. Das werden wir in Zukunft berücksichtigen. Besucher wollen etwas vom Gesehenen als Inspiration in die private grüne Welt übertragen können.
Die Erwartungshaltung unserer Besucher hat sich verändert. Das wissen wir aus Befragungen. Sie wollen natürlich ein florales Erlebnis. Aber sie verstehen auch, dass es nicht reicht, einen Blumenteppich auszurollen, der im Anschluss zerschreddert wird. Unsere Besucher schätzen durchaus gestaltete Landschaft, die Kunst des Einsetzens von Stauden und Gehölzen, von Bäumen und Sträuchern. Und die Bewahrung der Schmuckflächen. Man erwartet vor allem Aufenthaltsqualität, Orte, an denen man gerne ist und isst, wo gespielt werden und wo man kontemplativ sein kann, mit kulturellen und künstlerischen Interventionen – die Kunst wird es auch in Zukunft sein, diese Atmosphäre zu schaffen und sie langfristig zu erhalten.

Herzlichen Dank für das Gespräch. CTOUR hat Jochen Sandner seit 1995, als er Geschäftsführer der ersten Bundesgartenschau (BUGA) in den neuen Ländern in Cottbus war, bei den verschiedenen Gartenschau-Aktivitäten medial begleitet und wird dies auch weiterhin tun.

Weitere Infos:
www.bundesgartenschau.de
www.iga-berlin-2017.de
www.buga2019.de

Hans-Peter Gaul hat die IGA Berlin 2017 von Anfang an auch mit der Kamera begleitet. Hier seine Impressionen vom imposanten Berliner Gartenfestival unter dem Motto „Ein MEHR aus Farben“.

Fotos: Hans-Peter Gaul

 

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