EIN SCHMUCKSTÜCK AUS DEM MITTELALTER

Die Stadt Vilnius bereitet sich auf ihre 700-Jahr-Feier vor

von Ronald Keusch

Die Stadt Vilnius mit ihren 700.000 Einwohnern bietet eine gelungene Melange zwischen Tradition und Moderne. Für den Touristen ist dies an der Hochhaus-Silhouette in der Neustadt und der seit langem von der UNESCO zum Weltkulturerbe geadelten Altstadt festzumachen. Die Stadt Vilnius kann sich dank nur geringer Kriegs-Zerstörungen so präsentieren, wie sie im Original im Mittelalter vor 500 Jahren existierte. Die vielen kleinen Gassen, gesäumt von Cafes und Restaurants, Boutiquen, Hotels, Souvenirläden, Bars und Kiosken, führen durch das Häusergewirr zu kleinen Plätzen oder dem großen Rathausplatz, wo Biergärten auf die Bummelnden warten.

Straßennamen erzählen Geschichte

Einen kleinen Abriss der wechselvollen Geschichte Litauens erhält man, wenn man sich die verschiedenen Namensgebungen des Pracht-Boulevards der Stadt, des Gediminas-Prospekts, ansieht.

Er hieß bis 1915 zu Zeiten des Zaren-Russlands Heilige Georg-Straße, danach Kaiserstraße – nach dem Deutschen Kaiser Wilhelm II, ab 1922 für 20 Jahre in polnischer Republik Adam-Mickiewicz-Straße, ab 1939 ein kurzes Intermezzo Gediminas-Straße, ab 1940 unter Stalins Herrschaft Stalinstraße, nach 1941 und der Besetzung durch die deutsche Wehrmacht Adolf-Hitler-Straße, ab 1945 in der Sowjetunion wieder Stalinstraße und ab 1960 Leninstraße. Und schließlich wurde sie im Jahr der Unabhängigkeit von Litauen 1991 wieder die Gediminas-Straße. Jedes Mal wurde die Ausgabe eines neuen Namens verbunden mit der Zusicherung: Das ist für die Ewigkeit. Doch nur der Beruf des Malers von Straßenschildern scheint krisenfest zu sein.

Der Gediminas Turm auf dem Burgberg – ein Wahrzeichen von Vilnius

Umstrittenes Gediminas Denkmal

Der Gediminas Propekt beginnt unterhalb des Burgberges am Kathedralenplatz. Er wird dominiert von der wuchtigen Kathedrale St. Stanislaus und St. Ladislaus im klassizistischen Stil und dem freistehenden Glockenturm. Neben der Kathedrale steht ein eher unscheinbares Denkmal, gewidmet dem legendären Großfürsten Gediminas, der als Gründer von Vilnius gilt und einer der berühmtesten Herrscher Litauens ist. In einem seiner Briefe erwähnt er im Jahr 1323 den Namen Vilnius das erste Mal, daher gilt 1323 auch als Gründungsjahr von Vilnius. Das Denkmal aus dem Jahr 1996, geschaffen von zwei amerikanischen Künstlern litauischer Herkunft Vytautas Kašuba und Mindaugas Šnipas, wird von vielen in Vilnius nicht gemocht.

Das Gediminas-Denkmal auf dem Kathedralenplatz

Gediminas steht neben seinem Pferd, hält sein Schwert in der linken Hand und bedeutet mit der rechten den Platz, wo die Stadt Vilnius entstehen soll, was man auch als Unterwerfungsgeste missverstehen kann. Es heißt, dass viele Einwohner von Vilnius ihn lieber hoch zu Ross mit gezücktem Schwert in Siegerpose sehen würden.

Vilnius – das Rom des Nordens

Oft wird mitunter vorschnell für Städte das Prädikat „multikulturell und weltoffen“ vergeben. Vilnius ist ein wirkliches Beispiel dafür, wie Menschen mit unterschiedlichen Sprachen, Nationalitäten, Ethnien und Religionen zusammenleben können. Ein Beleg dafür ist die Zahl von insgesamt 50 Kirchen von Katholiken und Protestanten, russisch-orthodoxer Christen, Juden und anderer religiöser Gemeinschaften wie auch mit dem Islam eingewanderte Tataren, die hier seit Jahrhunderten nebeneinander friedlich existierten. Obwohl wie so oft die Vergleiche hinken, ist von manchen Reisejournalisten die Bezeichnung von Vilnius als „Rom des Nordens“ nicht so abwegig. Und auch die in Reiseberichten vielfach kolportierte Beobachtung, dass der Besucher der Stadt von fast jeder Stelle aus mindestens drei Kreuze sehen kann, ist zumeist zutreffend. Immer zutreffend und unstrittig sind die Fortschritte bei der Digitalisierung. In Vilnius ist WLAN praktisch überall vorhanden, ein Anziehungspunkt für junge Start-up-Unternehmen aus vielen Ländern. Übrigens sollen z.B. Dokumente wie ein Reisepass innerhalb einer Woche online zu beantragen und zu erhalten sein. Vielleicht sollten wir unseren Berliner Senat nach Litauen zur IT-Schulung schicken.

Backsteingotik und Barockbauten

Recht zentral im Bereich der Innenstadt befindet sich das wohl berühmteste Bauwerk-Ensemble von Vilnius, die St. Annenkirche und die St. Franziskus-Kirche, die von den Touristikern gern mit der Sagrada Familia in Barcelona verglichen wird.

Die gotischen Kirchen St. Annen (li.) und die zum Bernardine-Kloster gehörende St. Franziskus-Kirche, davor das Denkmal von Adam Mickiewicz

Während an dem spanischen Kirchenensemble noch lange weiter zu bauen ist, sind die Prachtbauten in Vilnius um 1500 fertiggestellt worden. Neben den beiden gotischen Kirchen gehört zu diesem einzigartigen Komplex auch noch das Bernardine-Kloster. Auf dem Platz vor den beiden Kirchen steht ein Denkmal des polnisch-litauischen Schriftstellers Adam Mickiewicz. Hier trafen sich ab 1987 die ersten Oppositionellen, die für die Unabhängigkeit Litauens von der Sowjetunion eintraten.

Agentur „Go Vilnius“ bereitet 700-Jahr-Feier vor

Wer kann besser Auskunft geben über die touristischen Angebote von Vilnius als eine extra vor sechs Jahren in der Stadt geschaffene Agentur mit dem Namen „Go Vilnius“. „Go Vilnius“ beschäftigt sich dabei nicht nur mit Tourismus und Reisen, sondern kümmert sich auch um die Business-Entwicklung der Stadt. Sie betreibt das „Internationale Haus“ und bietet Unterstützung für Personen und Firmen, die sich in Vilnius niederlassen, zum Beispiel bei Unternehmensgründungen, bei Versicherungs- und Steuerfragen.

Die Direktorin von „Go Vilnius“ Inga Romanovskienè bereitet sich mit ihrem 50-köpfigen Team schon jetzt auf das große Stadt-Jubiläum im nächsten Jahr vor: Vilnius wird 700 Jahre alt.

Das wird mit mehreren Festivals, kulturellen Veranstaltungen und Konzerten gebührend gefeiert. Der eigentliche Geburtstag von Vilnius ist am 25. Januar. Er wird mit dem traditionellen „Lichterfest“ (“Festival of Lights”) begangen, begleitet von einem Kultur-Festival. Am 25. Juli 2023 wird es dann ein großes Sommerfest zum Jubiläum geben mit einem Musikfestival und vielen Open-Air-Veranstaltungen.

Auf die Frage, was denn für deutsche Touristen die größte Überraschung ist, wenn sie Vilnius besuchen, sagt Inga Romanovskienè:

„Es ist definitiv die Altstadt, die auch von der UNESCO in die Liste der Weltkulturerbe-Stätten aufgenommen wurde. Sie ist sehr schön, aber auch sehr lebendig, mit vielen Menschen, Cafés, kulturellen Veranstaltungen, gutem Essen, guten Preisen und smarten Leuten, sehr gastfreundlichen Leuten, also mögen es die Deutschen hier definitiv.
Wir haben sogar eine deutsche Straße (Vokiečių gatvė) – es ist eine der Hauptstraßen und eine der ältesten Straßen in Vilnius, in der Nähe des Rathauses, mit vielen schönen Gebäuden.“

Premiere im Vingis-Park

Einen Vorgeschmack auf das große Jubiläum liefert ein Festival im Vingis-Park, der größten Grünfläche der Stadt. Alljährlich findet hier am 25. Juli, dem St. Christophorus-Tag, gewidmet dem Schutzheiligen der Stadt Vilnius, ein riesiges Musikfestival statt.

Open-Air-Konzert im Vingis-Park

Bei einem vierstündigen Konzert versammelten sich mehrere zehntausend Musikbegeisterte um eine Open-Air-Bühne. Das für die Besucher kostenlose Sommer Festival unter dem Namen „So jung wie Vilnius“ bot ein Programm mit klassischer Musik, ein Popkonzert mit internationalen und litauischen Künstlern und elektronische Tanzmusik. Der schottische Sänger und Songwriter Lewis Capaldi gab dabei sein umjubeltes Debüt in den baltischen Ländern. Die Premiere war ein großer Erfolg. Ein gutes Omen für die Feiern zum 700-jährigen Jubiläum der so jungen Stadt Vilnius.

Über den Dächern der Altstadt

Vilnius ist eine grüne Stadt mit viel Natur, Parks, Seen und den zwei Flüssen Neris und Vilnia. Sie bietet daher den Besuchern auch viele Aktivitäten im Freien, zum Beispiel Kajak-Touren für jeden Schwierigkeitsgrad, vom Anfänger bis zum Wildwasser-Spezialisten, Wanderungen, Rad-Touren, Schwimmen und Golfen.

Was für Vilnius einzigartig ist, sind die Heißluftballons.

Heißluftballons über Vilnius

Sie sind bei Touristen wie auch Einheimischen deswegen so beliebt, weil Vilnius eine der ganz wenigen europäischen Städte ist, in denen die Heißluft-Ballontouren mitten in der Stadt starten. Längere Anfahrtswege entfallen und es eröffnen sich schöne Sichten auch auf die Altstadt.

Vilnius aus dem Ballon

Mein Pilot ist Giedrius Leskevicius.

Er erklärt seinen Fluggästen gleich zu Anfang, dass er bereits 1400 Ballonflüge absolvierte, immer mit einer glücklichen Landung. Das beruhigt die Gemüter der Fahrgäste.

Aber Giedrius Leskevicius ist nicht nur einer der erfahrensten Ballonfahrer, sondern Journalist und mit Fernseh-Moderationen im ganzen Land bekannt. Eine kleine Kostprobe seines Talents im Entertainment liefert er später während der Ballonfahrt:

I see trees of green, red roses too.
I see them bloom, for me and you.
And I think to myself, what a wonderful world!
Yes, I think to myself, what a wonderful world! Oh yeah!

Alle im Korb vom Ballon applaudieren und genießen die Ballonfahrt über die Stadt, das tiefe Blau der vielen kleinen Seen und die Morgensonne.

Ballon-Schatten über tiefblauem See

Nach der sanften Landung auf einem kleinen Feldweg die obligatorische Ballonfahrer-Zeremonie. Alle bekommen vom Zeigefinger des Piloten einen Fingerabdruck mit Erde auf die Stirn, ein Glas Champagner in die Hand gedrückt und den Ehrentitel verliehen: „Duke from Vilnius“.

Ballonfahrer-Zertifikat „Duke from Vilnius“

Uzupis – jenseits des Flusses

In den Städten Europas sind Künstlerviertel keine Seltenheit. Wer denkt da nicht an Montmartre in Paris, den Chelsea Arts District in London oder den Arbat in Moskau. Doch das Künstlerviertel in Vilnius stellt etwas Besonderes dar und ist mit anderen Künstlerquartieren nicht vergleichbar. Es trägt den Namen „Uzupis“, was so viel bedeutet wie Jenseits des Flusses. Denn der relativ kleine Stadtteil von nur etwa 60 Hektar mit etwa 7.000 Bewohnern liegt am Ufer der Vilnia und ist von drei Seiten mit Wasser umgeben. Über Jahrhunderte ein Arme-Leute-Viertel, teilweise mit verwahrlosten Häusern, wurde es von Kunststudenten, Nonkonformisten und Außenseitern der Kunstszene in Vilnius neu entdeckt und zum Leben erweckt. Das alternative Leben, mit einer Prise Aussteiger-Romantik und närrischer Freude am Skurrilem mündete vor 25 Jahren in einer genialen Idee der Feier- und Partygemeinde: Im Jahr 1997 wurde ganz offiziell die Republik Uzupis ausgerufen.

Eingangsschild der Uzupis-Republik mit den Geboten: Sei fröhlich, langsam, künstlerisch und „Mind your step“

Sitz des Parlaments ist ein Cafe

Ein Staat in bester Eulenspiegel-Art mit eigener Verfassung, sogar eigener Flagge. Zum Sitz des Parlaments von Uzupis, einer Art Bundestag, wurde standesgemäß mitten im Kiez das Cafe Uzupio Kavinè befördert. Wie es sich für einen richtigen demokratischen Staat gehört, wurde die Verfassung unübersehbar öffentlich gemacht am Eingang des Viertels. Und wie für die Ewigkeit erlassen, sind die einzelnen 41 Paragrafen der Verfassung auf Bronzetafeln eingraviert, in mehreren Sprachen, auch in Deutsch. Neben einer ganzen Reihe nett zu lesender allgemeiner Rechte wie: Jeder hat das Recht glücklich zu sein und unglücklich zu sein, scheint ein Recht besonders für den deutschen Touristen in dieser Zeit formuliert: Jeder Mensch hat das Recht auf heißes Wasser, Heizung im Winter und ein gedecktes Dach. Papst Franziskus segnete bei einem Besuch Litauens im Jahr 2018 diese unorthodoxe Verfassung.

Als das Wahrzeichen der Republik wurde ein Denkmal in der Uzupio-Straße auserkoren.

Der zentrale Platz der Uzupis-Republik mit Engelsfigur

Es zeigt einen Engel, der auf einer hohen Säule auf einer Kugel balanciert und in ein Horn bläst. Von dem Hornisten mit Flügeln ist auch die liebevolle Umschreibung abgeleitet: „Engelsrepublik“.

Die offene Hand mit einem Loch

Selbstverständlich sind überall Boutiquen zu finden, die Kunsthandwerk verkaufen. Die Manufakturen der Künstler können besichtigt werden. Mit der Idee der unangepassten Republik Uzupis haben viele Menschen Geld verdient. Das Symbol der Republik ist eine offene Hand mit einem Loch darin. Eigentlich soll das Loch verdeutlichen, dass diese Hand unfähig ist, Bestechungsgelder anzunehmen.

Das Symbol der offenen Hand

Doch heute zeigt das Loch eher, wie das wenige Geld den Künstlern durch die Hände rinnt. Mieten und Wohnungspreise in der Republik steigen. Die nicht ausreichend Etablierten und sozial Schwächeren müssen gehen. Alle die Künstler, die heute nach Uzupis ziehen wollen, müssen schon das nötige Kleingeld mitbringen, anders als die Gründer der Republik. Es reicht eben nicht, das Leben mit Humor zu nehmen und frei zu denken.

Französische Wissenschaftler errechneten 1989 den geographischen Mittelpunkt Europas und ermittelten ihn etwa 30 Kilometer nördlich von Vilnius. Darauf sind viele Litauer stolz. Ihr Land und ihre Hauptstadt haben reiche kulturelle Traditionen und beeindruckende Sehenswürdigkeiten, von gotischen Kathedralen, Barock-Schlösser, klassizistischen Herrenhäusern bis zu herrlichen Parks – viele gute Gründe für einen Besuch im kommenden Jubiläumsjahr. Und wir sollten uns ab und an auch daran erinnern, dass es auch noch östlich dieses Mittelpunktes unseres Kontinents eine Menge Europa gibt.

Fotos: Ronald Keusch

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