Per Gips-Express zu den Trollen

Hochauf ragend passiert der norwegische 4700-Tonnen-Frachter NORHOLM die Nordmole, die von Anglern belagert ist. Ruckzuck reißen sie ihre Schnüre mit zappelnder Beute aus dem Wasser und lassen mit nach oben gereckten Köpfen die rot-blaue Stahlwand respektvoll passieren.

Mit dem gelben Gold vom Sund nach Norwegen
Im Zeitlupentempo öffnet sich um 12.20 Uhr die Ziegelgrabenbrücke. Der 94 Meter lange Mini-Bulker fädelt sich in langsamer Fahrt durch das Nadelöhr in den Südhafen. Auf der Pier dröhnen schon ungeduldig die Bagger und schlagen ihre Schaufeln in den gewaltigen Gipsberg, der mit Güterzügen vom Spreewald-Kraftwerk Jänschwalde bei Cottbus herangekarrt worden ist. Der gelbe Stoff ist seit Jahren ein begehrtes Produkt der Rauchgaswäsche für die Herstellung von Platten im Trockenbau.

Mehr geht nicht
„Bis 21 Uhr wollen wir fertig sein“, informiert Schiffsmakler Torsten Müller von TM-Shipping, „der Seehafen setzt jetzt alle Verladetechnik ein, um das Schiff möglichst schnell abzufertigen“.
Kurz vor 21 Uhr: Seelotse Jens Schwarze aus Prohn betritt im grellen Scheinwerferlicht die maritime Bühne. „Dann werd ich mich mal beim Kapitän melden“, meint er kurz.

MS Norholm wird im Stralsunder Südhafen mit Gips beladen.

Bald darauf springt bullernd die Maschine an und lässt den Frachter erzittern. Die Ladeluken werden hydraulisch geschlossen, die Bagger schweigen. Der Erste Offizier checkt mit geübtem Blick die Lademarken: „Tiefgang: 6,30 Meter. 4600 Tonnen, mehr geht nicht“.
21.30 Uhr: Zentimeter um Zentimeter löst sich der Frachter von der Pier. MS NORHOLM, mit der Ladung von drei Güterzügen im Bauch, dreht träge rückwärts um die Ecke, bis der Steven ins Fahrwasser zeigt. Die Landtiefrinne liegt mit ihren rot und grün blinkenden Fahrwassertonnen wie eine Landebahn vor dem Schiff. Mitternacht ist vorbei. Hinter dem Heck des Frachters schleicht sich das Freester Lotsenboot SCHNATERMANN an. Klar zur Übernahme von Jens Schwarze.

Auf der Brückenwache der MS Norholm: der Kapitän und die Zweite Offizierin.

Um 01 Uhr, nach dreieinhalb Stunden Revierfahrt seit Stralsund, ist es soweit. Kapitän Deniss Sokolow, Este mit Wohnsitz in Finnland, bedankt sich beim Lotsen. Ein letztes Winken hinauf und herunter.
An Rügen und Mön vorbei führt die nächtliche Route im 9,1-Knoten-„Tempo“ vorbei nach Norden. Der Wetterbericht verspricht eine ruhige Reise.  Zum Frühstück schält sich am Morgen des ersten Seetages an Steuerbord das Filigran der kilometerlangen Öresundbrücke zwischen Malmö und Kopenhagen aus dem Frühdunst.

Weiße Wolke voraus
Am Abend des ersten Seetages versinkt die Sonne blutrot im Kattegat unter den westlichen Horizont, während NORHOLM ihre Nase langsam ins Skagerrak steckt. Am nächsten Morgen des zweiten Seetages: Fernab an Steuerbord zeichnet sich als grauer Strich die norwegische Küste ab. Voraus die Einfahrt in den Oslofjord.

Die MS Norholm steuert auf die Norgips-Fabrik zu und damit auf das Ende ihrer Reise.

Gegen Mittag: Um die Ecke eine Dampfwolke, unser Ziel, die NORGIPS-Fabrik in Drammen in der Nähe von Oslo. MS NORHOLM liegt nach zwei Tagen und Nächten, 386 Seemeilen ab Stralsund, längsseits an der Pier des Werkes, in dem aus Spreewald-Gips Platten für den Trockenbau „gebacken“ werden.
Baggerfahrer Marek Janiszewski löst die Ketten von seinem 80-Tonnen-Ungetüm und wirft den Motor an. Schon zwanzig Minuten später greift die erste Schaufel in den gelben Stoff im Laderaum. Um 23 Uhr ist Schluss, so verlangen das die Gewerkschaften.
Die Matrosen bauen noch die Gips-Baggerschaufel ab und tauschen ihn aus gegen einen speziellen Greifer für Baumstämme. Davon sollen am nächsten Tag 1000 Kubikmeter in Mandal, im äußersten Süden des Landes geladen werden.
Um 13.30 Uhr klatschen am zweiten Löschtag die Leinen ins Fjordwasser: Es geht wieder los. Eine Reise von 18,5 Stunden oder 168 Seemeilen immer an der Skagerrak-Küste entlang. Zum Glück bei ablandigem Wind. Der hätte im umgekehrten Fall die in Ballast fahrende NORHOLM ganz schön tanzen lassen.

Holz vor der Hütte
Stattdessen vergoldet die hinter der schwarzen südnorwegischen Küstenlinie blutrot versinkende Sonne die schäumende See. Fast schon wieder romantisch.  Erst recht am nächsten Morgen nach einer ruhigen Nacht: Fichtennadel- und Holzdüfte wehen einem durch den Fensterspalt um die Nase. Ich glaub´, ich bin im Wald, möchte man meinen. Aber der Blick nach draußen gibt dem Fantasten Recht: links jede Menge Holz vor der Hütte und rechts Wald auf steilen Felsklippen. Angekommen in Mandal, der südlichsten Stadt Norwegens. Es wird noch genügend Holz erwirtschaftet, um es zu exportieren. Schwere LKWs karren den würzig duftenden Stoff pausenlos heran.
1200 Kubikmeter davon verstaut Marek in sechseinhalb Stunden rumpelnd in den Laderäumen. Der Frachter rollt dabei wie im Seegang.

Hier fehlen nur noch die norwegischen Trolle

In der Zwischenzeit lohnt sich ein Gang durch den idyllischen, kleinen Fischerort. Gleich dahinter zweigt ein steil aufwärts führender Weg ab – mit herrlicher Aussicht auf Mandal. Als schmaler Waldpfad versteckt führt er weiter hügelan durch felsbrockengespickte Schluchten mit sattgrünen Moospolstern, kleinen Wasserläufen und umgekippten Bäumen. Fast wie Urwald. Fehlen nur noch die knorrigen norwegische Trolle, dann wäre das Bild komplett. Kapitän Deniss freut sich nach vier Wochen Seefahrt auf seinen Urlaub und wienert derweil seine Kabine eigenhändig auf Hochglanz, die sein Ablöser übernehmen soll. Schon um 14.30 steht der auf der Brücke und hat den Kurs zum nächsten Hafen Eydehavn bei Arendal abgesteckt, 72 Seemeilen nordöstlich. Die See ist ruhig, aber das haben wir Einar Seeberg (57) zu verdanken.
Erst am nächsten Mittag gegen 14 Uhr klatschen die Leinen ins Fjordwasser: Es geht wieder los: 326 Seemeilen mit einer vollen Ladung Holz nach Rostock durch die inselgespickte dänische Südsee und den Großen Belt. Nach Mitternacht ist die verkehrsreiche Nordspitze Jütlands gerundet. Hinter Kap Skagen, in Lee des kalten Westwindes, wird es ruhiger.
Der Abschied nach insgesamt sieben Tagen, acht Nächten und 954 Wohlfühl-Seemeilen im Rostocker Seehafen fällt entsprechend schwer. „Aber du kannst ja immer wieder kommen, wenn du möchtest“, tröstet der Kapitän, „wir haben noch viele, schöne Häfen auf unserm NORHOLM-Reiseplan“. So gesehen…

Infos:
MS NORHOLM
Baujahr: 1995; Bauwerft: Severnav, Rumänien (ausbau nach Kasko-Schleppreise: Holland); Schwesterschiff: NORNE; BRZ: 3443; tdw: 4700; Länge: 93,44 m; Breite: 15 m; Tiefgang ((max.): 6,27 m; Luken: 2; Airdraft: 30,5 m; Hauptmaschine: Caterpillar 3606DITA, 1830 kW; Geschwindigkeit (max.): 11 kn; Propeller: Pitch; Eisklasse: E2; Crew: 8; Reederei: Arriva Shipping, Haugesund; Heimathafen: Haugesund; Flagge: Norwegen.

Buchung solcher und ähnlicher Reisen: Frachtschiffreisen Kapitän Zylmann
www.zylmann.de

Fotos: Dr. Peer Schmidt-Walther

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