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CTOUR on Tour: An der Wiege Russlands…

Mit „Lastotschka“ („Schwalbe“), einem Vorortzug, sind wir vom Petersburger Moskauer Bahnhof gestartet. Der Zug kann nicht so recht gleiten wie der schnittige Vogel, denn er kommt durch die vielen Haltestationen nicht so richtig in den Flugrhythmus. Nach fast vier Stunden erreichen wir Nowgorod, Weliki Nowgorod, die große neue Stadt. Der Stadt hat man erst 1999 – als würdige Ergänzung – Weliki hinzugefügt, um sich auch von jenem Nowgorod an der mittleren Wolga (Nishni Nowgorod) zu unterscheiden, das zu Sowjetzeiten einmal den Namen ihres berühmtesten Sohnes Maxim Gorki trug.


Unser Weg führt direkt vor die Tore des Kreml – auf Sichtweite vorbei am Denkmal des Revolutionsführers Lenin, der nach wie vor auf festem Fundament steht.


Unser Ziel ist eine Begegnung mit dem alten, dem uralten Russland. Wir machen eine Reise in die früheste Geschichte des russischen Reiches und finden uns an der Wiege seiner Gründung ein.

Monument als Lesebuch
Mitten auf dem Kremlgelände steht ein gewaltiges „Denkmal zur Erinnerung an das tausendjährige Bestehen des russischen Reiches zu Nowgorod“, wie es in einem Dokument jener Zeit heißt. Das riesige Monument ist Erinnerungs- und -schaubild für die wechselvolle Geschichte Russlands bis zu dem Tag, da es 1862 errichtet wurde. Unter dem orthodoxen Kreuz und einem Engel, der „Mütterchen“ Russland segnet, entfaltet sich ein Panorama von Figuren, die in den Worten unserer Stadtführerin Irina lebendig werden: Fürst Rurik, der Stammvater der Dynastie, Dmitri Donskoi, der die Tataren vertrieb, die Zaren der Romanows, Paul, Oleg, Peter und Katharina, die Großfürsten, Bischöfe und Feldherren, und auch der Gelehrte Lomonossow hat es in die Ahnenreihe der 120 Personen geschafft. Eine pathetische Beschwörung der Einheit des russischen Volkes – wenn nicht unter, so doch auf einer Glocke. Und die perfekt Deutsch sprechende Irina zeigt auf Alexander I., der dem Berliner Alexanderplatz den Namen geben sollte und auf Alexander II., der Auftraggeber für das Ehrenmal, der schließlich auch absegnete, wer aufs Postament gehoben wurde. Es fehlt Iwan der Schreckliche, der im ganzen Zarenreiche grausam töten und allein in Nowgorod 50 000 Bürger niedermetzeln ließ. An ihn sollte man sich nicht erinnern wollen.


Für viele Russen, Touristen aus allen Teilen des Landes, ist heute der Besuch dieser und anderer Stätten ihrer Geschichte eine Rückbesinnung auf Traditionen, eine Suche nach ihren Wurzeln, der Versuch einer Identifikation. Manche Beobachter sehen in diesem Trend überzogene nationalistische Tendenzen, einen Irrweg gar…

Sophienkathedrale mit guterhaltenen Fresken
Mit dem Kreml, errichtet auf einem Hügel, begann die Geschichte der ältesten Stadt Russlands. Umgrenzt von meterhohen Festungsanlagen, mit Schießscharten versehen und Wehrtürmen, erhebt sich im Zentrum die Sophienkathedrale. Stolz recken sich die fünf Zwiebeltürme in den Himmel, und im Glanz der Sonne erstrahlen sie in Silber und Gold. Schon 1045 wurde der Grundstein gelegt, die Größe und die Ausstattung sollte mit Kiew und Byzanz konkurrieren, wie es in der Nestorchronik, eine der ältesten Aufzeichnungen, heißt. Wir betrachten voll Ehrfurcht und Bewunderung die Ausmalungen aus dem 11. Jh. und werden auf die Reste der Freske mit Kaiser Konstantin von Byzanz mit seiner Mutter Helene hingewiesen. Wir betreten das Gotteshaus, Kirchendiener hantieren, hier sind es meist Frauen. Vor der glasgeschützten Mutter Gottes werden Kerzen gezündet, begleitet mit Hoffnungen und Wüschen und einem „Gospodi, pomiliu!“ („Herr, erbarme Dich!“)

Die Bronzetür an der Sophienkathedrale mit dem Abbild Bischof Wichmann   von Magdeburg
Die Bronzetür an der Sophienkathedrale mit dem Abbild Bischof Wichmann
von Magdeburg

Wie kommt ein Magdeburger nach Nowgorod?
Der Haupteingang zur Kathedrale ist seit ewigen Zeiten versperrt. Allein für den Metropoliten und bei besonderen Feiertagen wird geöffnet. Ein fein ziseliertes Portal mit riesigen Ausmaßen soll besonders geschützt werden. Der massive Türflügel ist mit gegossenen Bronzetafeln beschlagen und erzählt die Christusgeschichte von der Geburt, über die Taufe, von Maria, Petrus und Paulus, ergänzt durch die Heiligen drei Könige. Über die Herkunft dieses Portals vermochte man lange nichts zu sagen. Die Vermischung lateinischer und kyrillischer Buchstaben irritierte, und das Abbild des Erzbischofs von Magdeburg gab Rätsel auf. Heute ist man sicher, dass die Entstehungsgeschichte der 3,60 Meter hohen und 2,40 Meter breiten Tür in einer Bronzegießerei von Magdeburg um 1150 begann. Vermutlich gelangte – in Einzelteile zerlegt – das beeindruckende, romanische Bronzeportal nach Nowgorod. Ein viel besichtigter und im Bild festgehaltener Beleg für die Beziehungen Westeuropas mit Russland seit altersher.

Volksversammlung auf der Handelsseite
An der Kremlmauer steigen wir die touristenfreundliche Treppe empor. Hier überblickt man das Kremlareal, und wir sehen auch einige der erhalten gebliebenen Tore. Vom begehbaren Plateau haben wir klare Sicht auf den Wolchow, der gemütlich dahinfließt. Flussdampfer ziehen vorbei, am Ufer spielen Kinder, angeln Fischer, und auf der anderen Seite erkennen wir die Ladenreihen des Gostinij dwor, des Kaufhofes.
Der Fluss trennte früher die Herrscher auf dem Kreml von den Kaufleuten am anderen Ufer. Eine Brücke, schon 1133 errichtet, war sowohl Grenz- wie Zollstation zwischen Sophienseite und Handelsseite der Stadt.


Der Jaroslaw-Hof vermittelt auch heute noch etwas von der Blüte der Stadt zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert. Nowgorod wurde Handelszentrum zwischen der Hanse und Russland. Nach Lübeck, Wismar, Greifwald und Riga kamen Holz, Flachs, Honig und Wachs. Vor allem aber landeten Leder und Pelze (Hermelin, Zobel, Marder, Eichhörnchen) in den Patrizierhäusern im Westen. Salz, Edelmetalle, Tücher, Gewebe, Fische, Schmuck und auch manch Tand kam an den Wolchow, wurde hier umgeschlagen und flußabwärts an mittlere und untere Wolga verschifft. Um den Warenverkehr überhaupt bewältigen zu können, führte die Hanse schließlich ein eigenes Kontor.

„Herr Gross Nowgorod“ oder „Bojarenrepublik“
Dennoch braucht man Phantasie, um sich vorzustellen, welch reges Treiben hier vor über 800 Jahren herrschte. Hier tauschte man Geld und Waren, feilschte um den Preis und tauschte auch Meinungen aus. Bojaren und Handelsleute wehrten sich gegen die Fürsten wegen der unberechtigten Abgaben und Zölle und setzten schließlich an die Stelle der Residenz der Fürsten die Wetsche, die Volksversammlung. Bojaren, Kaufleute, niedere Stadtbewohner, auch Ackerbürger versammelten sich unter freiem Himmel vor der Nikolaus-Kirche, wählten ihre Beamten und auch den Bischof. Die Wetsche entschied über Krieg und Frieden, diplomatische Beziehungen und saß bei Vergehen zu Gericht. Als erste Republik Russlands, als „Bojarenrepublik“, ist sie in die Geschichte eingegangen. Die Stadt selbst nannte sich – für deutsche Ohren etwas seltsam klingend „Herr Gross Nowgorod“. Und ergänzend fügt Irina, die Stadtführerin vom Touristenbüro Visitnevgorod hinzu: „Man trug Stiefel und keine Bastschuhe, lief nicht auf modrigem Boden, sondern auf gepflasterten Straßen“. Nowgorod war eine mittelalterliche Großstadt, die sich mit Rom, Köln, Paris und London vergleichen konnte.

Die Kirche der Überseekaufleute - Paraskewa-Pjatnitzki-Sabor. Im Hintergrund die mit Geldspenden der Hanse restaurierte mittelalterliche   Nikolauskathedrale
Die Kirche der Überseekaufleute – Paraskewa-Pjatnitzki-Sabor. Im Hintergrund die mit Geldspenden der Hanse restaurierte mittelalterliche
Nikolauskathedrale

Für den besten Platz im Jenseits
Rund um den Warenumschlagplatz wuchsen Kaufmannshäuser, Kontore und eben auch weitere Kirchen. So entstand schließlich ein ganzes Ensemble von Kathedralen auf dem Jaroslaw-Hof, meist von reich gewordenen Handwerker-Innungen und Gilden gestiftet, so die Paraskewa Pjatnitzki-Kirche durch die Überseekaufleute. Es schien, als wetteiferte man um den besten Platz im Jenseits. Allein heute zählt man auf engem Raum noch sechs Gotteshäuser, nicht alle in bestem Zustand.
Diesem demokratischen Vorboten, stets von herrschenden Fürstenhäusern bedrängt, machte schließlich Iwan III. ein bitteres Ende. Er verleibte Nowgorod dem Moskauer Reich ein. Die Stadt verlor weiter an Bedeutung und Ansehen, als Peter, der Zweimetermann, auf die politische Bühne trat, und nur 180 Kilometer entfernt eine prächtige Stadt baute, mit Glanz und in Prunk versah. Sie sollte später seinen Namen tragen: Sankt Petersburg.

„Die Grenzen erweitern…“
Weliki Nowgord ist heute eine moderne, weltoffene Stadt. Man erinnert sich gern an an den 29. Hansetag der Neuzeit, der auf beiden Seiten des Wolchows 2009 gefeiert wurde. „Die Grenzen erweitern…“ hieß das Motto damals und daran möchte man anknüpfen. Der Tourismus kann dazu beitragen.

Weitere Informationen:
www. visidnovgorod.de