DIE ANGST VOR DEM KRIEG REIST MIT

Die Grenze zu Russland und der Krieg in der Ukraine sind nahe. Wer in diesem Sommer das Baltikum bereist, nimmt die Anspannung in den drei nordischen Ostsee-Ländern als zusätzliches Urlaubserlebnis mit. 

Von Hubert Kemper

Hinter Kaunas, Litauens zweitgrößter Stadt, verlassen wir die Autobahn und folgen der Landstraße 141 nach Westen entlang der Memel. Kleine Dörfer wechseln ab mit Birkenalleen, Feldern und Wiesen. Ein Storch steuert im Tiefflug sein Nest auf einem Masten in den Flussauen an. Der Regionalpark Panemuniai entspricht in seiner Schönheit dem baltischen Klischee einer intakten Natur mit dichten Wäldern und Reichtum an Gewässern, dazu einer für Mitteleuropäer ungewöhnlichen Ruhe.

„Zu viel Ruhe kann auch schädlich sein“, hatte vor der Weiterfahrt Hotelmanagerin Dalia mit einem Schuss Sarkasmus die Kehrseite wohltuender Einsamkeit beklagt. Kaunas ist Kulturhauptstadt Europas 2022. Da kam angesichts enormer Investitionen und hoher Erwartungen der Krieg in der Ukraine besonders ungelegen.

Enttäuschte Hoffnungen: Kaunas, Litauens zweitgrößte Stadt, leidet als aktuelle Kulturhauptstadt Europas besonders unter den Folgen des Ukraine-Krieges.

2021 war ein Rekordjahr für den Tourismus in Litauen. Wie in Lettland kamen rund drei Millionen Besucher, an der Spitze Deutsche. „Sehr, sehr schlecht“, laufe es in diesem Sommer, heißt es bei Lithuania Travel. Die Angst vor dem Krieg hat das Geschäft mit Gruppenreisen fast zum Erliegen gebracht. Unter anderem werden Stammgäste aus Italien und Frankreich vermisst. Auch die Stornierungen deutscher Besucher, die wichtigste Klientel in Kaunas, schlagen ins Kontor.

Seltene Exklusivität 

Hinter Jurbakas, an einem Aussichtspunkt, wo die breit und träge Richtung Ostsee fließende Memel, die die Grenze zur russischen Enklave Kaliningrad bildet, treffen wir die ersten deutschen Touristen. Hanne und Frank sind mit ihrem Wohnmobil aus Erfurt angereist. „Auf den Stellplätzen haben wir die große Auswahl“, genießen sie den Vorteil der Exklusivität. 

Angst, in einen militärischen Konflikt einbezogen zu werden, kennen die beiden nicht.

„Da vertrauen wir der Mitgliedschaft der baltischen Länder zur Nato“,

meint Frank. Dabei rasselt Moskau seit Wochen lautstark mit dem Säbel. Grund sind Kontrollen von der EU sanktionierter Güter auf dem Transitweg zwischen Russland und dem früheren Königsberg. Betroffen sind in der hochgerüsteten Enklave vor allem Stahl, Zement, nunmehr auch Alkohol.

Klaipeda, das frühere deutsche Memel, steht mit seinen touristischen Attraktionen im Schatten anderer Ostsee-Metropolen. Kreuzfahrtschiffe machen hier Halt, weil Ausflüge auf die mit kurzer Fährfahrt erreichbare Kurische Nehrung mit ihren hohen Dünen, dem idyllischen Nida und dem Sommerhaus von Thomas Mann, die eigentlichen Attraktionen sind.

Nirgendwo ist die Begegnung mit der deutschen Geschichte so intensiv wie auf der Kurischen Nehrung und in Nidda mit dem Sommerhaus von Thomas Mann.

Die beiden einzigen Deutschen, denen wir in Klaipeda begegnen, sind hier in dienstlicher Mission. Hauptmann Ernst und Feldwebel Petersen zählen zur multinationalen „Battlegroup“, die nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine auf 1.600 Soldaten, davon 1.000 Deutschen, verstärkt worden ist. Die Lage sei ruhig, sagen die beiden. 

Zur Freiheit gesungen

Wenige Stunden später treffen wir die Feldjäger am Rande der Stadt in einer riesigen Freiluft-Arena wieder. Mittsommer ist im Baltikum die Zeit der großen Sängerfeste. Sie erlebten am 23. August 1989 ihren Höhepunkt mit einer 600 Kilometer langen Kette singender Menschen von Vilnius bis Tallinn. In Estland heißt es, man habe sich zur Freiheit gesungen. 

Von diesem Geist einer kulturellen Revolution ist auch an diesem warmen Abend bei Gesang und Volkstänzen viel zu spüren. Denn im Mittelpunkt steht die  Verbundenheit mit der Ukraine. Zum Auftakt stimmen die rund 10.000 Besucher die ukrainische Nationalhymne an. Noch frisch ist die Erinnerung an die 40 Jahre sowjetischer Besatzung, stark ausgeprägt ist die Angst vor dem erneuten Verlust der Freiheit.

Die Reise geht weiter Richtung Norden. 100 Kilometer lang ist die Küstenlinie Litauens. In Estland, mit seinen 1.500 Inseln, darunter mit der unbekannten Schönheit Saaremaa die viertgrößte der Ostsee, sind es sogar 3.790 Kilometer. Endlose Strände warten auf erholungsbedürftige Besucher. Derzeit wirken sie weitgehend verwaist. Denn neben den Westeuropäern fehlen auch die engsten Nachbarn aus Russland und aus Weissrussland. 

Einsames, idyllisches, unbekanntes Saaremaa: Die viertgrößte Ostseeinsel ist mit ihren dichten Wäldern, langen Stränden und Steilküsten ein Naturparadies.

Der Überfall auf die Ukraine hat die ethnischen Russen im Baltikum in eine schwierige Position gebracht. In Lettland, besonders aber in Estland mit einem Drittel russisch-sprachiger Bevölkerung, hatten sich bis zur Sperrung der Sender viele Menschen ausschließlich über Russia Today informiert. So verwundert es auch nicht, was Igor, den wir im lettischen Liepaja trafen, über Wladimir Putin sagt: „Ein Mann, den ich verehrt habe“. Doch heute wünsche er sich, dass ein „Geheimagent 007 den Fall erledigt“. Liepaja war nach dem zweiten Weltkrieg 45 Jahre mit 26.000 Soldaten die größte Militärgarnison der UdSSR und nur mit Sondergenehmigung zu erreichen. Heute hinterlässt die drittgrößte Stadt Lettlands einen vitalen Eindruck. 

Riga gilt nicht nur als Metropole des Baltikums, sondern auch als Hochburg des Widerstandes gegen die russische Aggression. Am deutlichsten sichtbar wird das rund um die russische Botschaft.
Zahlreiche Protest-Stände und ein Fahnenmeer in den

ukrainischen Farben blau und gelb wirken wie ein einziger Aufschrei gegen den mächtigen Nachbarn. Die Stadtverwaltung hat die bisherige Antonijas-Straße an der Botschaft in Straße der Ukrainischen Unabhängigkeit umbenannt. Ein riesiger Totenkopf, der Putin sehr ähnlich sieht, dominiert die Fassade des gegenüber der Botschaft liegenden Museums für Medizingeschichte.

Einsame Ostsee-Strände

Riga lebt in diesem Sommer zwischen Anspannung und Verdrängung. Vor den Toren der Stadt, an den Stränden des Seebades Jurmala, genießen Badende das 18 Grad frische Ostsee-Wasser, durch die Straßen kurven phonstark schwarze Achtzylinder-SUV.  Weder hohe, über deutschem Niveau liegende Benzinpreise, noch saftige Restaurant-Rechnungen scheinen die Konsumfreude dämpfen zu können. Seitdem St. Petersburg als Anlegeplatz für Kreuzfahrtschiffe gesperrt ist, verlängerten einige Anbieter die Liegezeiten in Riga und Tallinn. Das kommt der Gastronomie zugute.

Kinderwagengerecht: Flach, fest und nahezu menschenleer präsentieren sich Sand und Strand in Jūrmala vor den Toren der lettischen Metropole Riga.

In der quirligen Altstadt mit ihrem einzigartigen Schatz an Jugendstilhäusern boomen aber nicht allein Bernstein-Verkauf und Bierausschank. Auch der Besuch des Okkupationsmuseums hatte noch nie einen derart starken Zulauf. Die Ausstellungen in den früheren Räumen der US-Botschaft am Rathausplatz spiegeln eindrucksvoll die Geschichte der Besatzung des Landes unter den Nazis und Sowjets von 1941 bis 1991 und die Ausrottung der jüdischen Bevölkerung wider. 

Lebendige Begegnung mit der Vergangenheit haben sich auch kleinere lettische Städte auf ihre Fahnen geschrieben. So trifft man in Valmiera, nordöstlich von Riga gelegen, auf eine eindrucksvolle Erinnerungsstätte. Viersprachig schildern Tonbandaufzeichnungen das Leid von KGB-Häftlingen, die in den 50er und 60er Jahren für die Unabhängigkeit ihres Landes eingetreten waren. Ein Mahnmal weist zudem auf die Opfer des Nazi-Terrors hin.

Kanufahren auf der Gaujas

„Lettische Schweiz“ nennt sich die hügelige Landschaft um Valmiera, Cesis und Sigulda. Wer Ablenkung von trüben Gedanken an Krieg und Inflation sucht findet sie hier beim Wandern in den dichten Wäldern oder beim Kanufahren auf der idyllischen Gaujas. Von Valmiera sind es nur 50 Kilometer bis nach Estland. Kein baltisches Land ist so dünn besiedelt, keines empfindet die exponierte Lage hoch im Nordosten als so bedrohlich.

„Wenn die Ukraine heute fällt, steht Putin morgen vor unserer Tür“,

begründet Arto das Engagement seines kleinen Landes. Der 22jährige studiert in Tartu, der alten Universitätsstadt am Rande des riesigen Peipsi-Sees, in dessen Mitte die Grenze zu Russland verläuft.

Masuren statt Litauen

In Tartu herrscht derzeit ungewöhnliche Ruhe. Zu den Semesterferien gesellt sich die Touristenflaute. Individual-Urlaubern kommt das entgegen: Die Hotelpreise sind moderat, das Servicepersonal wirkt ungestresst. Auch in Tallinn entsteht nur dann Gedränge, wenn die Mega-Fähren aus Helsinki eintreffen und durstige Finnen für einen Kurzbesuch anlanden. Die Fahrtzeit beträgt nur zwei Stunden, der Preisunterschied beim Alkohol lohnt für viele den Kurztrip.

Auch in Estlands Hauptstadt ist die Begegnung mit dem Krieg im ehemaligen Brudervolk unvermeidbar. Komplette Straßenzüge schmücken ukrainische Fahnen. Die russische Botschaft umlagern zahlreiche Stände mit Fotos zerstörter Städte und massakrierten Zivilisten. 

Russlands Botschaft in Vilnius liegt außerhalb des Zentrums und ist daher vor Protesten besser geschützt. Doch Putins Statthalter in der litauischen Hauptstadt stößt auch vor seiner Residenz auf Fotos schrecklicher Zerstörungen und brutaler Gewalt.  Die Straße vor der Botschaft trägt nun den Namen von Boris Nemzow, also jenem charismatischen Putin-Kritiker, der 2015 in Sichtweite des Kreml erschossen worden war.

Der Weg zurück nach Sachsen führt durch Suwalki. Die Stadt im Osten Polens hat dem Landkorridor („Suwalki-Lücke“) den Namen gegeben, den Russland zur Drohung für einen größeren Krieg aktuell bekannt gemacht hat. Das Grenzgebiet zwischen Litauen und Polen stellt die einzige Landverbindung zwischen den baltischen Staaten und den übrigen Nato-Partnern dar und trennt die Enklave Kaliningrad von Belarus. Am Abend ist Mragowo (Sensburg) in Masuren erreicht. Die deutsche Reisegruppe, die wir in unserem Hotel treffen, hatte eigentlich Vilnius und das Baltikum ansteuern wollen. Sie hat viel verpasst. 

Fotos: Hubert Kemper

Zum Autor:
Hubert Kemper ist dem Reisejournalismus seit über drei Jahrzehnten verbunden. An unzähligen privaten Unternehmungen in aller Welt hat er die Leser durch seine Artikel teilnehmen lassen. Als Chefreporter der Westfalenpost und Korrespondent der Chemnitzer Freien Presse begleitete er Politiker auf Auslandsreisen oder berichtete von Kriegsschauplätzen in Bosnien, Afghanistan, Ruanda oder Somalia. Auch im Unruhestand ist Hubert Kemper ständig auf Achse – so wie jetzt im Baltikum.

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