DIE KOPERNIKUS-STADT UND DAS „KLEIN-BERLIN“ 

Torun und Bydgoszcz lassen sich perfekt und individuell als gemeinsame Städtereise besuchen. Man trifft auf gleich zwei Hauptstädte, an zwei Flüssen, mit zwei Jubiläen

Von Fred Hafner

Torun/Bydgoszcz. Wer eine Städtereise nach Polen plant, denkt an Krakau, Warschau, Wroclaw (Breslau), Gdansk (Danzig) und Szczecin (Stettin). Allerdings: Das ist eine sehr begrenzte Auswahl. Denn unser Nachbarland hat viele weitere wirklich interessante Städte zu bieten, die einen Besuch mehr als nur lohnen. Zum Beispiel Torun (Thorn) und Bydgoszcz (Bromberg).

Beide teilen sich die Funktion der Hauptstadt von Kujawkso-Pomorskie (Kujawien-Pommern). Beide verdanken ihren Reiz auch der Lage am Wasser: Durch Torun fließt die Weichsel, durch Bydgoszcz die Brahe. Beide begehen 2023 wichtige Jahrestage:

Torun feiert in diesem Jahr den Geburtstag des berühmtesten Sohnes der Stadt. Nikolaus Kopernikus wurde hier vor 550 Jahren, am 19. Februar 1473, geboren.

links: Das Denkmal von Kopernikus (1473-1543) steht natürlich am Marktplatz von Torun

In Polen wurde deshalb 2023 das „Kopernikus-Jahr“ ausgerufen. Besonders viele Veranstaltungen finden natürlich in Torun statt.

Und Bydgoszcz begeht den Bau den Bromberger Kanals, mit dessen Bau 1733, also vor 250 Jahren, begonnen wurde. Er war übrigens bereits ein Jahr später fertiggestellt, was heutige Bauherren nur staunen lässt. Seit 1734 gilt er als bedeutendes ingenieurtechnisches Bauwerk. Heute ist der Bromberger Kanal Teil der internationalen Wasserstraße E70. Sie führt von Bydgoszcz westlich über Berlin bis Rotterdam und östlich nach Danzig und zum Frischen Haff.

Das Beste aber: Da Torun und Bydgoszcz nur rund 50 Kilometer voneinander entfernt liegen, lassen sich beide in einer Reise erkunden.

Torun im Kopernikus-Jahr entdecken

Beginnen wir in Torun: 200.000 Einwohner, zwei Millionen Touristen jährlich, davon 80 Prozent Polen. Die Einheimischen wissen, was sie an der Stadt haben. Torun besteht genau genommen aus drei Teilen, die aber alle fußläufig auf kurzen Wegen erreichbar sind: Burg, Altstadt, Neustadt.

Die Burgruine samt Teil der Stadtmauer beherbergt heute ein modernes Hotel, das nach dem Gründungsjahr der Stadt benannt ist: „Hotel 1231“. Das mondäne Haus ist gelungen in Burg und Stadtmauer integriert, bietet dabei jeglichen Komfort und Modernität. Die Preise sind mit 100 Euro/Nacht/DZ für zwei Personen überschaubar – mit dem großen Vorteil, dass man hier eben in historischen Gemäuern nächtigt. Sehr zu empfehlen. Frisch gestärkt geht es am nächsten Morgen entlang der Weichselpromenade in die geschützte Altstadt. Sie wurde 1997 komplett zum UNESCO-Welterbe erklärt. Bis auf einen Straßenzug aus dem späten 19. Jahrhundert ist fast die gesamte Bebauung mittelalterlich! Sehenswert sind der Dom St. Johannes, das Kopernikus-Geburtshaus mit Museum,

das Rathaus (links) mit Aufstieg zur 40 Meter hohen Spitze. Hier hat man einen fantastischen Ausblick über Torun und das gesamte Weichselland. Das gotischen Rathaus ist ohnehin ein Symbol für die einstige Pracht der Stadt. Es ist bestaunenswert: von außen wegen seines Baustils, von innen als Museum.

Über- und Ausblick garantiert auch der Aufstieg auf den 40 Meter hohen Turm.
Doch die vielen Sehenswürdigkeiten der Stadt sind auch am Boden sehr gut ausgeschildert.

Gleich neben dem Rathaus lockt der Altstädtische Markt mit dem innenliegenden Artushof Einwohner und Besucher. Torun war Hansestadt, im Artushof boten diverse Kaufleute ihre  Waren feil. Heute werden im hier viele Konzerte organisiert.

Im Artushof boten im Mittelalter viele Händler ihre Waren feil.

Weiter geht’s zum Schiefen Turm (in der Spitze 1,5 Meter negativ überhöht!) …

(links im Bild)

…und später zum Toruner Pfefferkuchenmuseum. Diese Köstlichkeit hat in der Stadt bereits seit Ende des 14. Jahrhunderts ganzjährig Saison (nicht wie bei uns nur zu Weihnachten).

Ihr vorzüglicher Geschmack, das würzige Aroma und die schönen

Formen machen das Backwerk in ganz Europa berühmt und haben Torun den Beinamen „Pfefferkuchenhauptstadt der Welt“ eingebracht. Die Lebkuchen gibt es in verschiedensten Arten und Formen. Nach dem Museumsbesuch kann man sich seine Lebkuchen hier selbst formen und nach dem Backen im Ofen gleich mit nach Hause nehmen.

In der Neustadt ragt die Jakobskirche an der östlichen Seite des Neustädter Rings als Besuchermagnet heraus. Sie ist in Form einer Basilika gebaut und bereits von außen eine Schönheit.

Innen aber ist sie dermaßen üppig und prachtvoll ausgestattet, dass man Stunden hier verbringen könnte.

Wir aber entern später noch die Straßenbahn, um ins Grüne von Torun zu fahren. Hier wohnen viele Einheimische und auch Studenten. Auch hier gibt es Kneipen, Galerien, Springbrunnen, blumenverzierte Plätze. Keine Frage: Torun bietet neben vielen mittelalterlichen Bauten auch höchste Lebensqualität. Nicht zuletzt deshalb ist die Stadt bei jungen Leuten – auch als Studienort – äußerst beliebt.

Nachts sind viele Fenster der Altstadt Toruns stimmungsvoll beleuchtet.

„Danziger Vodka, Thorner Pfefferkuchen, Krakauer Fräulein, Warschauer Schuhe – die besten Sachen gibts in Polen.“

Friedrich Hoffmann, deutscher Poet (1627-1673)

Bydgoszcz: „Klein-Berlin“ mit Wassertram erkunden

Der Städtewechsel am nächsten Morgen geht schnell: Nur jeweils 50 Minuten dauert es mit Auto, Zug oder Bus von Torun nach Bydgoszcz. Die Industriestadt ist mit 350.000 Einwohnern die achtgrößte Polens. Sie bietet natürlich gänzlich andere Eindrücke als Torun. Zunächst allerdings auch historische: im „Museum für den Bromberger Kanal“.

Das Museum Bromberger Kanal beschreibt Bau und Bedeutung des historischen Bauwerks.

Es zeigt die interessante Geschichte des für damalige Zeiten bedeutenden ingenieurtechnischen Bauwerks. Das Museum wurde erst 2006 gegründet. Es wird ständig erweitert. Weil es jetzt schon aus allen Nähten platzt, zog es kürzlich in eine alte Schule direkt am Bromberger Kanal um. Im Museum kann man zahlreiche Modelle, Uniformen von Matrosen und Schiffern der Binnenschifffahrt sowie historische Fotos und Ansichtskarten sehen. Ausgestellt wird auch ein Holzboot aus dem Jahr 1920, das über die Brda (Brade) und den Bromberger Kanal noch in der zweiten Hälfte des 20. Jh. gesegelt ist.

Der Bromberger Kanal heute

Jetzt aber in die Stadt: Wussten Sie, dass Bromberg auch „Klein Berlin“ genannt wird? Berlin prägte als damaliges „Fenster zur Welt“ Bromberg nachhaltig. Spätestens nach dem Bau der Berlin-Bromberger-Bahn 1856 kamen viele Preußen nach Bydgoszcz. Berliner Architekten entwarfen um 1900 immer wieder Projekte für beide Städte. Es sind so viele, dass das Tourismusamt Bydgoszcz´ gerade eine eigene Postkartenserie mit (sehr ähnlichen) Berliner und Bromberger Bauten herausgibt.

Mit 4,5 km Länge ist die „Danziger Straße“ die wichtigste in Bydgoszcz. Hier steht das berühmte historische Hotel „Zum Adler“, natürlich mit dem überdimensioniert großen Adler am Dachgiebel.

Das historische Zeitungshaus von Bromberg

Hier steht das Zeitungshaus mit dem Figurenensemble der legendären drei Affen („nix hören, nix sagen, nix machen“) in der Fassade.

(links im Bild)

Von der Danziger Straße zweigt auch die Jugendstilstraße („Augusta Cieszkowskiego“) ab. Die Fassaden hier sind wunderschön restauriert, die Straße unbedingt einen Besuch wert. Auch das legendäre Musikviertel von Bydgoszcz benötigt Zeit zum Erkunden. Es stellt einen der interessantesten städtebaulichen Ansätze der Stadt dar und gehört zu den schönsten und auch ruhigsten Ecken von Bydgoszcz. Im Zentrum des Viertels liegt der weitläufige Jan-Kochanowski-Park mit zahlreichen Skulpturen von herausragenden Komponisten. Umgeben von der neoklassizistischen Pommerschen Philharmonie und dem neobarocken Gebäude der Musikakademie ertönt in dem Viertel die schönste Musik der Welt. In der Nähe befindet sich das Polnische Theater und eines der Stadtsymbole – das Bildnis der „Bogenschützin“ von F. Lepecke (1910). In der Umgebung des Musikviertels sind mondäne Villen und Mietshäuser als berühmte Beispiele des Jugendstils aus damaliger Zeit zu bewundern. 

Dafür ist Bromberg zu Recht berühmt: Die Jugendstilstraße
und das legendäre Musikviertel.

Ohnehin ist Bydgoszcz eine der grünsten Städte Polen: Jeder Einwohner hat durchschnittlich 28 qm Grün zu Verfügung. Die Vielzahl der Parks, Gärten und Alleen zeigt es deutlich.

Nachmittags laufen wir durch die Altstadt, besuchen Fischmarkt und Pfarrkirche. Auch hier werden Lebenslust und -qualität hoch geschätzt: auf der Mühleninsel mit ihren großen historischen Speichern und Mühlen gibt es große Freiflächen für Konzerte – und natürlich wieder viel Grün. Von der schick restaurierten Burgmühle oben schweifen die Blicke weit über die gesamte Stadt.

„Studentenbier“ gibt’s auch: Keine Sorge – es ist normales Bier zum kleinen Preis (umgerechnet 1,25 Euro)

Besondere Attraktion in Bydgoszcz ist eine Fahrt mit der Wassertram, der Wasser-Straßenbahn.

Das ist ein solarbetriebenes und damit lautloses Boot. Das erste startete schon 2008. Damals war diese Art des Antriebs hochmodern. Inzwischen wurde die Wassertram wegen der großen Nachfrage (jetzt 24.000 verkaufte Tickets jährlich) um ein zweites Solarboot erweitert. Beide Schiffe gleiten lautlos durch Bydgoszcz, jeweils von Mai bis Oktober. Die Besucher freut´s, die Nachfrage zieht weiter an.

5 Euro kostet der Stundentrip, Gedrängel gibt es trotz kleinem Preis und großer Nachfrage allerdings nicht. Denn nur 28 Personen dürfen auf ein Boot. Man sollte also reservieren, wenn man Bydgoszcz und seine Schleusen vom Wasser aus sehen will. Es lohnt sich in jedem Fall!

Zwei Attraktionen Bromberg direkt am Hafen: Der Seiltänzer über dem Fluss
und die solarbetriebene Wassertram

www.polen.travel
www.torun.pl
www.bydgoszcz.pl

ANREISE
Auto über A2, A12 bis Posen, dann weiter nach Bydgoszcz und Torun
Bahn: einmal täglich direkt von Berlin nach Bydgoszcz
Flug nach Posen oder Warschau, dann Mietauto oder Zug

Fotos: Fred Hafner

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