Bootsnomaden überwintern am Sund

Dunja (38) und Stephan (62), beide Heilpraktiker vom Bodensee, sind keine Träumer, denn sie sind der Meinung, dass ein Träumer nur von seinem Traum träumt, ohne ihn jemals zu verwirklichen. Und Dunja schiebt nach: „…das liegt daran, dass der Träumer sich nicht mit den real auftretenden Schwierigkeiten befasst, die mit der Verwirklichung verbunden sind. Denn jeder Traum setzt vor der Verwirklichung die Planung voraus“.Im Herbst haben sie im Langenkanal ihr neues blau-weißes Zuhause, das Neun-Meter-Stahlboot JONATHAN, festgemacht. Ein komfortables Schiffchen mit Achterkajüte und Freiluft-Steuerstand. „Genau so was haben wir die ganze Zeit gesucht“, verrät Stephan, „und im brandenburgischen Plaue sind wir schließlich fündig geworden“.

Das neun Meter lange Motorboot JONATHAN; ein schwimmendes Zuhause

Neid auf Steuermann im Trockenen
Bei Ebay lasen sie zuvor eine Anzeige, die verlockend klang: „…sofort urlaubsklar und sehr gepflegt, aus Altersgründen abzugeben“. Sie schwangen sich in ihr Auto und brausten euphorisch los. Was sie dann zu sehen bekamen, entpuppte sich als totaler Flopp. „Urlaubsklar“, lächelt Dunja, „das war ja wohl eher ein Witz!“ Stephan, der sich als „träumenden Realisten oder realistischen Träumer, wahrscheinlich beides“ sieht, war gleich klar, „dass wir allesnoch nach unseren Vorstellungen umbauen mussten“. Der Unterboden musste neu aufgebaut werden, Türholme vergammelt, Innentüren fehlten völlig, überall Roststellen – eine lange Mängelliste kam zusammen. „Stephan schaffte es dann tatsächlich“, staunt Dunja noch heute, „den Bootspreis um genau die ausgerechneten Restaurations- und Umbaukosten zu drücken“. Damit waren sie stolze Motorboot-Besitzer.

„Eigentlich sind wir eingefleischte Segler“, erzählt Stephan, „aber als wir zuvor sieben Monate auf Meck-Pomm-Törn waren und bei Regen bis auf die Haut durchnässt und zähneklappernd an der Pinne sitzen mussten, war das nicht so toll“. Dunja ergänzt wieder: „Immer wenn einem dann bei Sauwetter ein Motorboot entgegenkam, auf dem der Steuermann im Trockenen saß, wurden wir regelrecht neidisch“. Auch sei es nicht schlecht, eine Toilette an Bord zu haben, „denn wie Stephan einfach über Bord zu pinkeln“, grinst Dunja, „das gelang mir nun wirklich nicht“. Damit war der Fall klar.

Sonne im Meer versinken sehen
Bevor sie sich auf den Weg nach Norden machten, betrieben sie in Überlingen am Bodensee eine Praxis. Jede freie Minute verbrachten sie auf ihrem kleinen Segelboot. Bis zu dem Tag, an dem ihr Traum zur Realität werden sollte und es nur noch hieß: „Wohin das Boot uns trägt“. „Jeden Tag bei gleichbleibend schönem Wetter und gutem Wind über die Ostsee zu schippern, das entsprach nicht der Realität“, schüttelt Stephan den Kopf, „oder jeden Abend mit einem Glas Wein in der Hand die Sonne im Meer versinken zu sehen.“ Von der Vorstellung mussten sie sich schnell befreien.

So begann die Verwirklichung ihres Traums sehr nüchtern: mit der Auflistung aller eventuell auftretenden Schwierigkeiten. „Wir haben lange darüber diskutiert“, erinnert sich Dunja, „wie wir mit solchen Situationen umgehen würden und ob wir bei manchen Problemen überhaupt bereit sein würden, sie für unseren Traum in Kauf zu nehmen“. Sieben Monate zu Zweit auf einem Acht-Meter-Boot bedurften schon einiger Vorbereitungen, um Enttäuschungen zu vermeiden. Sie testeten auf dem Bodensee, ob und wie sie es zehn Tage bei Regen in der kleinen Kajüte aushalten würden. „Kennst du das“, fragt Dunja, „ein Sonntag im Bett ist gemütlich und nett, aber zehn hintereinander?“

Dunja Bruder und Stephan Havemann pausieren am Ostseestrand

Wohin das Boot sie trägt
Sie versuchten für das Zusammenleben auf engstem Raum Regeln aufzustellen. Was schließlich daraus geworden ist, haben sie in ihren Büchern „7 Monate auf dem Segelboot durch Mecklenburg-Vorpommern“ und „Vom Leben auf dem Boot zu Zweit“ beschrieben. Die Bilanz fiel „100-prozentig positiv“ aus. Auch nach der letzten Saison. Die begann in Plaue. Von dort führte sie der Wasserweg 500 Kilometer über Havel, Oder, Bodden an den Sund. Dafür brauchten sie nicht etwa nur eine Woche, was normal gewesen wäre. Sie ließen sich stattdessen sieben Monate Zeit, um die Natur und das Leben ausgiebig zu genießen. Bezeichnend daher auch der Titel ihres jüngsten Buches: „Wohin das Boot uns trägt“.

In Stralsund sind sie nun über den Winter vor Anker gegangen. Aber auch hier soll das Boot ihr Zuhause bleiben. Und so beginnt ein neuer Traum: die Überwinterung auf dem Boot. Trotz Wohnung in Stralsund, in der allerdings nur gelegentlich Badewanne und Waschmaschine genutzt werden. So wie man die Beiden kennt, soll auch dies wieder zu einem Buch verarbeitet werden.
In der nächsten Zeit sind in der näheren Umgebung Lesungen geplant, begleitet von Bildern und Filmen. Informieren kann man sich darüber auf der Internetseite www.sommerboot1.de.
Auf jeden Fall darf man schon mal gespannt sein, wie dieser Bootsnomaden-Traum weiter geht.

Fotos: Dr. Peer Schmidt-Walther

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